<- Klapptext // Kapitel 2 ->


Das kalte Wasser aus dem Schlauch brachte die erhoffte Abkühlung. Oliver sprang ausgelassen durch den Wasser­strahl bis er triefnass war und im Sonnenlicht glänzte. Oliver schüttelte sich wie ein Hund und ließ sich dann ins Gras fallen. Er wirkte glücklich, so glücklich hatte Peter seinen Sohn lange nicht mehr gesehen. Peter zog sich das T-Shirt über den Kopf und spritzte sich ebenfalls ab. Sie waren früh aufgestanden und Peter hatte den ganzen Vormittag über am Haus gearbeitet. Jetzt stand die Sonne hoch am Himmel über den Bergen und die Alpe Montoia flirrte in der Hitze. Peter genoss das kalte Wasser auf seiner klebrigen Haut. Die Verspannungen im Rücken und in den Armen lockerten sich. Seine Gedanken wurden davongespült. Seit einer Woche waren sie jetzt hier oben, isoliert, fern von allem was heute von Bedeutung war. Terminkalender, Handy, Internet. All das gab es hier oben nicht. Hier oben wirkte alles ein wenig schwerelos. Eine in Watte gepackte Welt.

„Papa…“, die Stimme seines Sohnes riss Peter aus seinen Gedanken. Er öffnete die Augen und blinzelte ins grelle Licht. Er sah seinen Sohn an, der lag immer noch im hohen Gras, welches das Haus umgab. Es stand auf einer Anhöhe, von Weiten wirkte es beinahe wie eine Insel. Oliver hatte die Augen offen und schaute den Wolken nach, die am Himmel vorüberzogen. „Bleiben wir für immer hier?“

Peter ging zur Hauswand des alten Bauernhauses und drehte den Hahn zu. Das Wasser versickerte in der Wiese. Er wusste es nicht. Und er hatte keinen Plan. Er dachte nicht weiter als bis zum nächsten Tag und dann, wenn der Tag vorüber war, nahm er sich den nächsten Tag vor. Er dachte daran, dass er die Dachbalken stützen, die Fenster isolieren, die Treppe zur Werkstatt verbreitern und die Sanitäranlagen im Bad erneuern musste. Aber er dachte nicht daran, was in einer Woche oder gar in einem Jahr sein würde.

„Mal sehen“, antwortete er. Das war nicht das, was sein Sohn hören wollte, aber er fragte nicht weiter nach. Er war mit seinen Gedanken schon wieder woanders. Ein Wolkenschiff segelte über Oliver hinweg.

„Ich will mit dem Boot fahren!“, rief er und stürmte zum Segelboot hinüber, das in der alten Scheune neben dem Haus stand. Der Junge kletterte über die Holzleiter, die an der Wand befestigt war, auf das Deck. Das Boot war auf einem Anhänger befestigt. „Kapitän Oliver Saibling an Bord!“ Er nahm hinter dem Steuerruder Platz und setzte sich die rot-goldene Captain-Hook-Mütze mit Straußfeder auf, die Peter aus einer Peter-Pan-Inszenierung mitgenommen hatte. Damit hatte er dem Jungen eine Riesenfreude gemacht. Er hatte das Stück einfach mitgenommen, niemanden gefragt, keiner vermisste es.

Plötzlich hörte Peter das Geräusch eines Autos. Er ging ein paar Schritte um das zweistöckige Haus herum und blickte auf die unbefestigte Zufahrtsstraße. Sein eigener Geländewagen stand vor der Haustür. Er konnte die Straße etwa 100 Meter weit entlang schauen, bis sie einen kleinen Knick hügelabwärts machte und man nur noch erahnen konnte, wie es wohl weiterging. Gerade kam schnaufend ein grauer VW mit Ladefläche die Steigung hinauf und fuhr immer lauter werdend auf ihr Haus zu. Peter schirmte die Augen vor der Sonne ab. Sie bekamen nicht oft Besuch hier draußen und seine umliegenden Nachbarn kannte Peter kaum. Diesen Wagen allerdings kannte er und er freute sich jedes Mal, ihn zu sehen. „Oliver, Besuch!“, rief er zur Scheune hin und ging dem Auto entgegen.

Ralf hatte Material mitgebracht, das Peter dringend für die Renovierungsarbeiten benötigte. Der Landwirt war bereits stolze 71 Jahre alt, aber das Leben und die Arbeit in den Bergen hatten ihn vital gehalten. Peter war beinahe neidisch auf den Alten, weil dieser ohne Probleme einen Tag lang ohne Pause durcharbeiten konnte, während Peter seinen Rücken schon nach einigen Stunden Arbeit spürte.

„Ich habe dir noch etwas Zement mitgebracht und Lippendichtungen für deine Fenster.“ Noch bevor Peter etwas sagen konnte, stapfte Ralf schon zum Zementmischer. „Es ist noch was auf der Ladefläche!“, rief er nach hinten. Peter beeilte sich, die übrigen Sachen zu holen und Ralf zu folgen.

„Ergib dich!“ Oliver sprang vom Boot herab und richtete einen Holzsäbel auf Ralf.

„Oho, ein gefährlicher Pirat!“ Ralf stellte den Zementsack neben dem Mischer ab und hob die Arme. Der Hut rutschte Oliver über die Augen.

„Was wollt ihr haben, Kapitän?“, fragte Ralf mit seiner tiefen, brummigen Stimme, ganz so als wäre er wirklich ein Pirat.

„Gold, jede Menge Gold!“ forderte Oliver. Ralf kratzte sich an der Stirn und griff in die Hosentasche.

„Hhm, erst vorhin musste ich einem Freibeuter meine letzten Münzen abdrücken, aber vielleicht gefällt dir das hier auch.“ Er holte einen kleinen, goldenen Kompass heraus und reichte ihn Oliver. Der Junge machte große Augen und nahm den Kompass staunend entgegen. „Weißt du, was das ist?“, fragte Ralf. Der Junge schüttelte den Kopf. Es funkelte in der Sonne, eine kleine Nadel drehte sich, richtete sich immer wieder neu aus. Für Oliver besaß das kleine Ding eine magische Wirkung.

„Das ist ein Kompass, er zeigt dir die Himmelsrichtungen an. Wenn du weißt, wie man ihn benutzt, kannst du dich nicht mehr verlaufen, kennst alle Himmelsrichtungen und wirst deinen Weg immer finden,“ erklärte Ralf und kniete sich vor den Jungen hin, um ihm den Kompass zu zeigen. Peter beobachtete die beiden. Er war Ralf sehr dankbar. Der alte Landwirt war ihnen hier oben von Anfang an eine große Hilfe gewesen.

„Ich muss das ausprobieren!“ Oliver stürmte davon, um den Kompass zu testen. Ralf wollte aufstehen. Als er leicht aufstöhnte, gab Peter ihm seine Hand. Zuerst zögerte Ralf, doch dann ließ er sich von ihm aufhelfen.

„Man wird halt doch alt“, seufzte dieser.

„Willst du ein Wasser?“, fragte Peter.

„Jo“. Peter verschwand im Haus und kam mit einem Krug mit eiskaltem Wasser zurück. Er musste noch eine Innenwand einreißen, um mehr Licht ins Haus zu lassen. Und die Fenster in der Küche vergrößern. Dann würde er einen atemberaubenden Blick auf die Alpen und über den Monte Tamaro haben.

„Das was du jetzt machst, hatte er seit Jahren vor. Dass ihr jetzt hier seid …“, er machte eine Pause, dachte nach, „hätte ihn glücklich gemacht.“ Er sprach von Peters Vater. Er und Ralf waren gute Freunde gewesen, beinahe wie Brüder.

Peter wusste dies. Sein Vater hatte es oft in Gesprächen erwähnt, wenn er zu einem seiner seltenen Besuche hier oben war – auch weil seine Frau ihn immer wieder erinnerte, den Vater zu unterstützen. Aber Peter hatte einfach keine Zeit gehabt und vielleicht auch vergessen, was ihm die Welt hier oben geben konnte.

„Es war eine schöne Beerdigung“, sagte Ralf. Peter erinnerte sich, der Tag hatte sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Fabian Saibling war im Nachbarort bestattet worden, neben seiner Frau, der Mutter von Peter, die starb, als er erst 15 Jahre alt war.

„Gestern war ich am Grab und habe frische Blumen mitgenommen“, erzählte Ralf. Peter fühlte sich schlecht, er hatte es immer noch nicht fertiggebracht, das Grab zu besuchen. Er wollte nicht an das Grab in Russo, später vielleicht, aber nicht jetzt.

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. „Du kommst zurecht?“, fragte Ralf. Peter nickte. Der alte Freund seines Vaters klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken. „Ich muss zurück, die Leute von Bergleben haben sich angemeldet.“ Sie verabschiedeten sich und Peter sah gedankenverloren dabei zu, wie das alte Auto beim Anfahren Staub aufwirbelte und wenig später hinter dem Hügel die geschlungene Straße hinunter verschwand. Peter warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war Zeit, sich um das Mittagsessen zu kümmern. Er ging ins Haus und bereitete in der Küche einen Salat zu. Noch immer trug Peter seine Kämpfe mit dem alten Gasherd aus. Für einen verwöhnten Städter mit Elektro-Induktionsglaskeramikherd und Zentralheizung eine große, manches Mal zu große Umgewöhnung. Peter legte die Zutaten auf die Arbeitsfläche neben dem Herd und holte die Gewürze aus dem Holzregal. Die Küche befand sich im Erdgeschoss neben dem alten Jagdzimmer, das sein Vater so geliebt hatte. Für ihn selbst ein eher ungeliebter Raum, mit den vielen ausgestopften Tieren. Das ganze Haus steckte voller unterschiedlicher Erinnerungen, Requisiten eines vergangenen Lebens. Wände, Böden, Möbel, überall waren die Spuren der Menschen sichtbar, die einmal zu seiner Familie gehört hatten. Generationen von Bauern, die hier oben geboren und gestorben waren. Peter brauste den Salat ab, den er aus dem Kühlschrank geholt hatte, und begann Karotten zu schälen. Alles Produkte von den umliegenden Höfen oder aus dem Dorfladen. Einen Supermarkt gab es hier ohnehin nicht. Nach alter Gewohnheit nahm Peter seinen Ehering während des Zubereitens ab und legte ihn neben sich auf das Schneidebrett. Auch in Zürich hatte er immer den Salat zubereitet, das war seine Aufgabe gewesen. Ein Mann muss das können, hörte er in Gedanken seine Frau lachend sagen. Komisch, was für eine Bedeutung so einfache Dinge haben konnten.

Als er fertig war, polierte er den Ring sorgfältig und steckte ihn sich wieder an den Finger. Ein Kuss auf die kühle Oberfläche … Wenige Minuten später war das Essen fertig und Peter stellte die Schüssel, zwei Teller und Besteck auf den Holztisch vor dem Haus. Erst gestern hatte er den breiten Tisch und die lange, schmale Holzbank vor dem Haus auf der Wiese aufgebaut. Peter schaute sich nach seinem Sohn um. Oliver war nirgendwo zu sehen.

Nur ein paar Meter von der Talsenke entfernt, ging es steil bergab. Oliver liebte den Platz am Abhang. Bei gutem Wetter konnte er weit über auf die schneebedeckten Gipfel der Alpen blicken und dem Wind lauschen. Hier oben war er ganz alleine. Er saß im Gras, sein Piratenhut lag neben ihm und er sah gebannt zu, wie ihm die Kompassnadel immer eine neue Richtung wies, wenn er seine Hand bewegte. Und je mehr er mit der Hand wirbelte, desto weniger konnte die Nadel sich entscheiden, stehen zu bleiben. Oliver war fasziniert, immer wieder drehte sich der kleine Zeiger nach Norden, dort zu den dunklen, steinigen Wänden, die hoch oben noch von Schnee bedeckt waren.

„Damit kannst du dich nicht verirren, es zeigt dir immer den Weg“, hörte er Ralfs Stimme im Ohr. Bedeutete das, dass er sich verirrt hatte? Das konnte nicht sein, er wusste, er brauchte nur ein paar Meter gehen und das Haus würde wieder auftauchen, sichtbar werden. War er vielleicht an einem magischen Ort? Oliver kam es oft so vor, als würden sie hier oben über der Welt leben und könnten auf die anderen hinab blicken. Ein bisschen wie Frau Holle. Oliver wollte etwas probieren. Er stand auf und ging ein paar Schritte vom steil abfallenden Abhang zurück. Die Nadel drehte sich immer noch in jede Richtung. Oliver ging weiter zurück und dann ein paar Schritte nach rechts zu den Büschen hin.

„Zeig mir Mama“, sagte er. Die Kompassnadel blieb stehen und deutete, wie immer, nach Norden. Der Junge erstarrte und blickte verdutzt auf das schon leicht vergilbte Kompassblatt. Norden war jetzt dort, wo das Haus stand. Die Nadel zeigte auf das Dach, welches hinter dem Hügel aufragte. Ein paar Schritte und er sah seinen Vater, der winkte und gestikulierte.

„Oliver!“ Oliver reagierte nicht. Sein Vater wedelte mit den Armen. Seine Stimme schwebte als Echo über ihn hinweg ins Tal hinab. „Oliver, komm. Essen! Und geh’ nicht zu nahe an den Abgrund, das ist gefährlich!“, hörte er seinen Vater, während er schnell auf das Haus zulief.

„Gut, Papa.“ Peter war perplex, normalerweise musste er den Entdeckungsdrang seines Sohnes vehementer stoppen und gewisse Dinge fünfmal sagen.

„Alles in Ordnung?“ Peter nahm seinen Jungen hoch und setzte ihn sich auf die Schultern.

„Ja.“ Olivers Stimme war nachdenklich. Später beim Essen ließ er den Kompass nicht los.

„Der gefällt dir, oder?“, sagte Peter.

Missverständlich. Wer ist Pirat: Oliver, Ralf oder beide? Evtl. …ganz so als wäre er ebenfalls ein richtiger Seeräuber. Oder: ganz so als wäre Oliver ein richtiger Seeräuber.


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