<- Klapptext // Kapitel 2 ->


Nach Emshagen fuhr man, um sich von Krankheiten, Burn-out oder einfach nur vom alltäglichen Stress zu erholen. Emshagen wirkte von außen betrachtet wie eine ganz normale idyllische Kleinstadt im Schwarzwald, in der sich die Teenager abends am Bahnhof trafen, sich betranken und ihren Frust darüber abließen, dass sie nicht in einer aufregenden Großstadt wie Hamburg, Berlin oder wenn es denn sein musste, München, aufwuchsen. Sobald die meisten Emshagener Jugendlichen die Schule abgeschlossen hatten, setzte ein regelrechter Exodus ein und der Ort verlor jedes Jahr beinahe hundert Einwohner. Das glich sich aber wieder aus, denn das ganze Jahr über ließen sich Menschen in dem Örtchen nieder, die Ruhe, Abgeschiedenheit und Entspannung suchten. Denn Emshagen gehörte zu den größten Kurorten Europas. Die Erwachsenen dieses beschaulichen Ortes trafen sich zu Tupperpartys und beschwerten oder sinnierten bei wöchentlichen Kegelabenden und Stammtischrunden über die Welt und die Politik.

Als Thorsten Weber beim Vorstellungsgespräch im Rathaus von Emshagen saß, beschlich ihn wiederholt das Gefühl, besser die Beine in die Hand zu nehmen und die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Aber wie das so mit Bauchgefühlen ist, hört man in den wenigsten Fällen auf sie und außerdem saßen Thorsten die Miete und die Studiengebühren seines Schauspielstudiums im Nacken.

„Wir arbeiten in drei Schichten, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“, verkündete der Abteilungsleiter Herr H. Seinen vollständigen Namen erfuhr Thorsten nicht. Das Namensschild auf seinem Schreibtisch zierte ein schwarzer Schriftzug: „Abteilungsleiter H.“ Nichts weiter. Besagter Herr H. hatte sich Thorsten auch so vorgestellt. „Guten Tag Herr Weber, ich bin Abteilungsleiter H“, ihm die Hand gegeben und auf den Stuhl vor seinen Schreibtisch gedeutet.

„Klingt so, als gebe es viel Arbeit“, Thorsten nahm den Satz seines Gegenübers wieder auf. Ihm war es egal, er brauchte den Job. Wenn das hier nichts wurde, dann ging er eben Schafe melken für 7,50 Euro die Stunde.

„Unendlich“, sagte der Abteilungsleiter.

Neben dem Schreibtisch an der Wand begann eine rote Lampe zu brennen. Das Telefon schrillte. „Oje, schon wieder“, seufzte Abteilungsleiter H. Er hob den Hörer ab: „Alles klar, sofort ja“, brummte er kurzangebunden ins Telefon und legte wieder auf. „Wollen Sie sofort anfangen?“

„Ähm, wie viel bezahlen sie denn nun?“

„Sie werden keinen Hunger leiden müssen. Also, ja oder nein?“, wurde Thorsten vor die Wahl gestellt. Er war etwas verzweifelt und hätte am liebsten noch das eine oder andere gefragt, aber er wollte der Aussage: „Sie werden keinen Hunger leiden müssen“, glauben. Er konnte ja immer noch zu den Schafen gehen.

„Ich machs“, entschied Thorsten.

„Wunderbar, dann unterschreiben sie hier, hier und hier.“ Ein Stapel Verträge lag schneller unter Thorstens Nase, wie er blinzeln konnte. Er begann sie durchzulesen. „Nun machen sie schon, die Zeit drängt!“, raunzte ihn Abteilungsleiter H. an.

Thorsten blätterte zu den letzten Seiten durch, bis dahin wo Herr H. seine Unterschrift erwartete. Er nahm den Kugelschreiber, den ihm Abteilungsleiter H. hinstreckte und setzte seinen Namen auf die amtlichen Unterlagen. Thorstens Gesprächspartner drückte die Gegensprechanlage. „L. führen sie unseren neuen Kollegen zu seinem Arbeitsplatz.“

„Kommen Sie, unsere Sekretärin bringt sie zu ihrem Arbeitsplatz!“ Polternd stand Abteilungsleiter H. auf und öffnete die Bürotür. Eine Frau mittleren Alters mit grauem Pferdeschwanz erwartete Thorsten. „Hier lang“, sagte sie. Die Frau hatte müde Augen, eingesunken und umrahmt mit dicken schwarzen Rändern. Kleine Smoky Eyes. Abteilungsleiter H. rammte Thorsten die Hand entgegen.

„Wiedersehen“, sagte dieser, dann rief er den nächsten Bewerber herein. Draußen auf dem Flur saßen noch Dutzende. Thorsten dachte an seine Studiengebühren, die er irgendwie zusammenkriegen musste und beschloss aus diesem Grund auch Frau L. keine Fragen zu stellen und alles auf sich zukommen zu lassen. Das war zumindest seine Einstellung, als er der grauen Maus von Sekretärin hinterher trottete, die ihn einen langen, düsteren Flur entlang führte.

Die Sekretärin öffnete vor Thorsten eine breite Eisentür. Dahinter lag ein großer Raum, grell überbeleuchtet von Neonleuchtstäben an der Decke. Vergebens suchte Thorsten die Wände nach Fenstern ab. An drei langen Tischreihen saßen mehr als 50 Mitarbeiter und tippten mit starrem Blick auf den Computerbildschirm vor sich auf die Tastatur. Jeder von ihnen war mit mehreren Aktenordnern beschäftigt, die zusammen mit Papierbergen aufgestapelt neben ihnen lagen. Alle paar Sekunden machten sie eine Pause, um den Obersten, der aufgeschlagen war, umzublättern. Die meisten Stapel wirkten wie der schiefe Turm von Pisa und drohten jeden Moment umzukippen. Thorsten kam gerade an, als das Rolltor an der hinteren Wand offen stand. Ein Laster hatte davor geparkt und lud Paletten voller Aktenordner und weiterer Papierberge ab.

„Was ist denn das?“, entfuhr es Thorsten.

„Ihr neuer Arbeitsplatz, die Kollegen erzählen ihnen alles.“ Weitere Erklärungen waren offenbar unnötig und schon verschwand die Sekretärin L. durch die Tür.

„Ein Neuer“, rief ein schlaksiger Typ, der Thorsten entgegen kam. Ein anderer lud gerade die Aktenordner von der Palette auf einen Hubwagen und rollte diesen zu seinem Tisch.

„Was wird hier eigentlich gemacht?“, fragte Thorsten.

„Hier bearbeiten wir die Bettensteuer der rund 243 Hotelbetriebe in und um Emshagen“, erklärte der Typ. Er reichte Thorsten die Hand.

„Hast du ein Zuhause, ein Bett?“, fragte er.

„Ähm, ja, klar.“

„Kündige deinen Mietvertrag am besten, du wirst nicht viel Zeit in deiner Wohnung verbringen, im Nebenraum sind Betten. Essen wird geliefert.“ Das musste Thorsten erst einmal verdauen, mit unsicherer Stimme hörte er sich selbst fragen: „Was genau machen wir hier eigentlich? In der Anzeige stand irgendetwas von Sachbearbeitungsarbeiten und das Vorstellungsgespräch ging so schnell…“, der Typ lachte und schlug ihm hart aber freundschaftlich auf den Rücken. „So war es bei uns allen, ich bin übrigens Felbin.“

„Thorsten.“ Sie gaben sich die Hand.

Felbin nahm ihn mit zu den Tischen. „Na dann, mal ab an die Arbeit“.

Jeder Mitarbeiter war schweigend in seine Arbeit vertieft, keiner sah auf, als Felbin und Thorsten näher kamen. Felbin führte Thorsten an einen leeren Computerplatz.

„Kennt ihr einander?“, fragte Thorsten, als er den Blick über die konzentrierten, abweisenden Gesichter der anderen Mitarbeiter schweifen ließ.

„Kaum. Es gibt immer jemanden, der einen anderen zugewiesen kriegt, der diesen dann einlernt. Aber nach einer kurzen Einlernphase war es das dann auch mit Small-Talk“, war Felbin zu vernehmen.

„Was bist du dann hier, der Geschichtenerzähler?“ Thorsten war danach zu scherzen. Nach etwas, das die beklemmende Stimmung auflockerte.

„Kann man so sagen.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über Felbins Lippen, dann ging es an die Arbeit.


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