Was bisher geschah …

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2004

 

Adrian Dister war 35 Jahre alt, als er das Haus in der Magirusstraße 33 zum ersten Mal betrat.

Beinahe hätte er es nicht getan. Adrian war nicht der Typ Mensch, der einer mysteriösen Botschaft folgte. Warum er es aber trotzdem eintrat, war einem weiteren seiner Wesenszüge geschuldet: Neugier.

Heute – 51 Jahre später – begriff er das Geheimnis genauso wenig wie in der Zeit im Haus. Damals wie heute wusste er nur eins: Der Keller stand für alles, was man sich erträumte, aber auch für alles, wovor einem graute. Mit 86 Jahren befand sich Adrian zwar noch nicht am Ende seines Lebens, doch er hörte die Uhr durchaus ticken. Dies war der Grund, warum er nun die Geschichte weitergeben wollte. Adrian hätte wohl gearbeitet, bis er tot umgefallen wäre, aber seine Krankheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Vielleicht, so hoffte er, gelangte er in der Rückblende seiner Erinnerungen ja doch zu einer Erkenntnis, die ihm bisher verborgen geblieben war. Vielleicht konnte er so aber auch endlich den Keller verlassen. Adrian wusste nicht, was er sich mehr wünschte und wovor er mehr Angst hatte: zu erkennen oder loszulassen. So war es nun mal.

Aber der Reihe nach.

Alles begann an einem heißen Junitag im Jahr 2004. Es war sicher kein idealer Zeitpunkt, um ein weiteres Mal Vater zu werden. Schließlich war Adrian Dister gerade dabei, eine 25-köpfige Agenturgruppe für Gestaltung, Medienarbeit und Web-Lösungen am Laufen zu halten. Aber an Zeitpunkte hielt sich Adrian ohnehin nie. Der gute alte John Lennon hatte schon recht, als er einmal sagte: „Das Leben ist das, was passiert, während man fleißig dabei ist, andere Pläne zu schmieden.“ Vielleicht steckte auch etwas von dem Geist dieses Satzes in jenem Morgen, als Adrian gerade seinen kleinen Sohn in die Kinderkrippe gebracht hatte und sich auf den Weg in sein Büro machen wollte. Bevor er in sein Auto steigen konnte, das er am Gehsteig vor der Krippe geparkt hatte, telefonierte er mit seiner Frau, die seit zwei Wochen zu Hause war und ihr zweites gemeinsames Kind erwartete.

Zuerst hielt er das gelbe Post-it an der Fensterscheibe seines Autos für einen Strafzettel und war kurz davor, zu explodieren. Dann aber erkannte Adrian, was es war, und las die kurze anonyme Botschaft darauf: „Magirusstraße 33 – 14:30 Uhr“

Adrian nahm den gelben Zettel ab, seine Frau hatte ihm währenddessen eine lange Liste mit Dingen diktiert, die er heute besorgen musste. Er sah sich um: Kinder, ein Rentner mit Gehhilfe, zwei geschniegelte Geschäftsleute mit Aktentaschen – nichts wirklich Verdächtiges um ihn herum. Trotzdem könnte er beobachtet werden. War das ein Scherz, eine Verwechslung? Adrian war zehn Minuten in der Krippe gewesen, genug Zeit also, um das Post-it an seine Scheibe zu kleben und zu verschwinden. Aber warum? Er knüllte den Zettel zusammen und stopfte ihn in seine Hosentasche. Wahrscheinlich nur irgend so ein pubertärer Scherz.

Adrian raste ins Büro der Communication:Agentur und traf dort auf seine Sekretärin Michaela, die ihn, kaum dass er zur Tür herein war, mit jeder Menge Problemen überschüttete: Rechnungen wollten bezahlt werden, Kundentermine standen an, die Druckerei machte Stress wegen der Druckdaten, die immer noch nicht geliefert worden waren, und Jörg Zeitlin, ein Texter, bekam seinen Hintern nicht hoch, um einen simplen DIN-A4-Werbebrief für die Kreuzquer GmbH zu verfassen. Das Technologieunternehmen war innerhalb kürzester Zeit zu einem ihrer größten Kunden avanciert. Am besten machte Adrian es doch wieder selbst.

„Jörg, in einer Stunde kriegst du den Text, lies Korrektur, danke!“, rief er kurz durch den riesigen Raum zu dem Schreibtisch des jungen Kollegen.

„Häh, ich dachte, ich soll …“

„Keine Zeit, einfach machen.“ Adrian hasste es, sich auf lange, unnötige Diskussionen einzulassen. Jörg murmelte etwas Unverständliches. Dann kam Carsten Querer, der Chef von „Press’n’Connection“ herein. Die Ärmel seines karierten Hemds hochgekrempelt und mit tiefrotem Gesicht. Die PR-Agentur war erst seit rund drei Jahren selbstständiger Teil des Kommunikationshauses und Adrian war jeden Tag aufs Neue froh, sich nicht um Presse- und Medienarbeit scheren zu müssen.

 

In ihren Büroräumen stand wieder einmal die Luft. Draußen hatte es zwar „nur“ 30 Grad, aber im Inneren herrschte eine abartige Hitze. Zu verdanken hatten sie das dem nicht isolierten, mit Teerpappe ausgelegten Dach über ihren Köpfen.

„Carsten, na wie läuft’s?“, fragte Adrian.

„Gar nicht. Gestern hat eine Mitarbeiterin gekündigt.“

„Was ist passiert?“

„Der Arbeitsplatz sei unzumutbar, sie habe keine Lust, sich tot zu arbeiten“, seufzte Carsten.

Adrian schüttelte den Kopf. Carsten winkte ab: „Ich regle das schon“, sagte er und verschwand hinter der Trennwand in seinen Bereich. Verdammt noch mal, dachte Adrian. Warum kapierten die Leute nicht, dass sie eine Gemeinschaft waren? Nur wegen ein paar kleiner Probleme verlässt man doch nicht gleich das Schiff! Adrian wischte sich den Schweiß von der Stirn. Michaela saß schon wieder am Schreibtisch und telefonierte. Adrian beobachtete sie ein paar Sekunden. Er stand inmitten ihres Großraumbüros und um ihn herum herrschte der geschäftige Trubel ihres Alltags. Michaela hatte wirklich eine Engelsgeduld. Auf sie konnte er sich immer verlassen. Adrian wusste selbst, dass ihr Domizil eine Zumutung war und dass sie unaufhörlich wuchsen. Er hatte nur keine Ahnung, wohin.

Dann, als er gerade einmal zehn Sekunden an seinem Schreibtisch saß, krachte der Putz in einer großen Staubwolke von der Decke herunter und verfehlte ihn nur um ein paar Zentimeter. Alle Mitarbeiter im Büro sahen perplex zu ihm hinüber. Adrian seufzte. Seit beinahe sieben Jahren waren sie jetzt schon in einer alten Fabrikhalle in der Bleichstraße untergebracht. Adrian blickte in die Gesichter seiner Leute, jeder erwartete einen Wutausbruch. Aber schließlich gewann die Vernunft die Oberhand und er begann damit, sich abzuklopfen. Als er seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche zog, um ihn auf seinen Schreibtisch zu legen, fiel das zusammengeknüllte Post-it heraus. Adrian starrte darauf, faltete es wieder auseinander und las die Nachricht ein weiteres Mal. Gegen seine Neugier war er noch nie angekommen. Auch wenn sie ihn einige Male in die Sackgasse geführt hatte, viel öfter hatte sie ihm Erfolg beschert – einen Versuch war es wert. Adrian Dister sah auf seine Armbanduhr. 10:45 Uhr. Er hatte noch Zeit und die Magirusstraße war ohnehin nur einen Katzensprung entfernt. Was hatte er schon zu verlieren?


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