Was bisher geschah …

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2005

Michaela und Adrian hielten ihre regelmäßige Buchhaltungsbesprechung wie immer in der Küche bei Kaffee und Zigaretten ab. Michaela war zwar nicht besonders glücklich über diese „Tür- und Angel-Gespräche“ mit ihrem Chef, aber ihr blieb oft keine Wahl, wenn sie Adrian erwischen wollte. So auch an jenem Vormittag.

Gemeinsam gingen sie die üblichen Rechnungen, Honorare und Zahlungen durch, wobei es Michaela bei einer bestimmten Position schon seit Tagen in den Fingern juckte.

„Dieser Andres Turet hat uns ja einen ziemlichen Batzen überwiesen. Für was ist das nochmal?“, hakte Michaela nach.

Adrian stand in der Küchentür, die zum Hinterhof hinausführte, und ließ warmes Sonnenlicht herein.

„Für die Störfeld-Anwendungen. Das ist ein gemeinsames Forschungsprojekt“, antwortete Adrian und blies einen Schwung Rauch ins Freie.

„Aha. Und handelt es sich bei diesem Andres Turet um einen Kunden?“

„Nein, Turet ist Privatunternehmer“, sagte Adrian. Michaela sah wieder auf die gewaltige Summe, die zwischen den anderen Zahlungseingängen hervorstach.

„Alles klar“, sagte Michaela und überflog die Dokumente, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Sie spürte Adrians Blick von der Tür aus.

„Sag ruhig, was du denkst“, forderte er sie auf. Michaela kaute auf ihrer Unterlippe.

„Es ist nichts, oder … naja, vielleicht doch.“ Sie seufzte und sah auf.

„Es sind diese Störfeld-Anwendungen, ich meine den Keller.“

„Was ist damit?“, fragte Adrian.

„Die Leute drehen irgendwie durch.“

„Lass sie ruhig. Soweit ich es mitbekomme, leidet die Arbeit nicht darunter, ganz im Gegenteil!“

„Aber …“, begann Michaela.

„Michaela, das ist Teil des Forschungsprojekts. Da ist alles in Ordnung. Hab doch einfach mal ein bisschen … naja, sei doch mal neugieriger“, konterte Adrian und lächelte sie beruhigend an.

Michaela schnalzte genervt mit der Zunge.

„Adrian, du hast mich nicht eingestellt, um neugierig zu sein, sondern um dein Chaos zu managen“, sagte sie.

„Gut, dann bin ich sicher, dass du jede Situation in den Griff bekommst. Danke, Michaela“, erwiderte Adrian und es klang, als wäre das Gespräch damit beendet. Michaela war alles andere als zufrieden. Aber sie kannte ihren Chef zu gut, obwohl er sich in den letzten Monaten irgendwie verändert hatte. Sie wusste, weiteres Nachbohren würde nichts bringen. Er verließ sich auf sie und Michaela hatte nicht vor, ihn zu enttäuschen. Sie beendeten ihr Meeting und Michaela ging wieder hinauf in die Communication:Agentur, während sich Adrian auf den Weg zu einem Störfeld-Experiment machte.

 

Kaum war Michaela wieder im Büro, kam Miguel auf sie zugestürmt.

„Ist Adrian noch da? Ich muss unbedingt die Texte mit ihm besprechen!“, japste der gerade erst frisch eingestellte Texter. Michaela schüttelte den Kopf.

„Du hast ihn eben verpasst.“

„Verdammter Mist!“, fluchte Miguel und machte auf dem Absatz kehrt. Der junge Spanier schien immer unter Hochspannung zu stehen. Gedankenverloren stürmte er zurück an seinen Arbeitsplatz, nicht ohne den ebenfalls neuen Grafiker Martin um ein Haar über den Haufen zu rennen. Die Communication:Agentur war in den letzten Monaten um zwei Vollzeit-Mitarbeiter gewachsen und Carsten konnte dank der hervorragenden Auftragslage gleich drei neue PR-Berater einstellen.

Michaela setzte sich seufzend an ihren Schreibtisch und machte sich daran, dem stetig wachsenden Berg an Dokumenten und Kundenanfragen Herr zu werden.

Als Michaela dabei war, sich durch Adrians Terminkalender zu wühlen, klingelte Carsten bei ihr durch.

„Hallo Carsten, was kann ich für dich tun?“, grüßte sie in den Hörer.

„Mir sagen, wie man Andres Turet erreichen kann“, platzte Carsten sofort mit der Tür ins Haus, was ganz untypisch für ihn war. Er wirkte gereizt.

Michaela runzelte verwirrt die Stirn.

„Carsten, ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht.“

„Aber du wirst doch sicher eine richtige Telefonnummer von diesem Turet haben oder eine Mailadresse?“, fragte Carsten.

„Nein, die hat mir Adrian nie gegeben.“ Dann stutzte sie.

„Was meinst du mit der richtigen Telefonnummer?“

„Na, die, die mir Adrian von ihm gegeben hat, ist Adrians eigene, aber er beharrt darauf, dass ich nicht mehr fähig bin, eine Telefonnummer richtig einzutippen!“

„Aha. Also, ich habe gar keine Kontaktdaten von Andres Turet, da musst du schon mit Adrian sprechen“, sagte Michaela.

Carsten brummte. „Leichter gesagt als getan.“

„Was willst du eigentlich von ihm?“

„Ihn kennenlernen. Der Typ investiert eine große Summe in das Haus und alles was ich bisher über ihn weiß, habe ich von Adrian“, seufzte Carsten.

„Ja, es ist in letzter Zeit ziemlich schwer, ihn festzunageln, er ist viel unterwegs“, stimmte Michaela zu.

„Naja, wie auch immer, danke Michaela“, verabschiedete sich Carsten.

„Nichts zu danken“, sagte sie und legte auf. Doch ihre Gedanken blieben bei Adrian und dem mysteriösen Investor Andres Turet.

 

Adrian wendete Andres Störfeldtheorien nun regelmäßig bei Kundenterminen an, um zu sehen, was passierte. Da ein Störfeld alles sein konnte, was irritierte oder etwas Gewohntes und Erwartetes durcheinander brachte, hatte er vollkommen freie Hand. So dachte er sich ein paar Störimpulse aus, mit denen er seine Gesprächspartner konfrontierte.

Adrian hatte seinen Spaß daran, den Kunden erst mal den sicher geglaubten Boden unter den Füßen wegzuziehen und sie dadurch in ihren eingefahrenen Denkmustern zu stören.

Hatte er das geschafft, begann Phase zwei seiner neuen Störfeld-Strategie: die Rückbesinnung auf die eigene Unternehmensidentität sowie deren Übertragung auf die Produkte. Es gab Termine, da klappte das ziemlich gut. Aber Adrian erlebte auch Besprechungen, die völlig aus dem Ruder liefen. Aber so war das eben in der Forschung: „Ausprobieren, Erfahrungen sammeln, bewerten und verarbeiten“ hieß seine Devise.

Adrian konnte es kaum erwarten, sich mit dem Professor auszutauschen.

 


Michaela Konradt

2005

„Michaela, der Keller ist schon seit Stunden besetzt. Ich muss da jetzt rein, verdammt noch mal!“, knirschte Miguel und baute sich vor ihrem Schreibtisch auf. Miguel deutete auf Isamus verwaisten Arbeitsplatz.

„Der ist jetzt schon ewig da unten, das geht so wirklich nicht!“, schnaubte der Kollege. Michaela unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Bevor sie auch nur ein Wort herausbrachte, feuerte Miguel die nächste Salve ab: „Warum dürfen wir eigentlich immer nur nacheinander in den Keller gehen? Das ist doch Mist!“

Michaela starrte ihn fassungslos an. Sie biss sich auf die Zunge und erwiderte mühsam beherrscht: „Weil ich es sage. Hier ist sonst zu viel Hektik und die Telefone klingeln dauernd durch. Und jetzt setz – dich – wieder – an – deinen – Platz!“

Miguel sah zuerst so aus, als wollte er widersprechen, doch schließlich wurde ihm klar, dass mit Michaela nicht gut Kirschenessen war.

„Ja gut, dann …“, brummte er und ging zu seinem Schreibtisch zurück. Kaum hatte sich Miguel getrollt, erschien Tanja auf der Bildfläche.

„Du – Michaela“, begann sie. Michaela wappnete sich. Anreden, die so begannen, verhießen nichts Gutes.

„Also, ich müsste dann auch mal wieder runter, wenn Miguel und Isamu …“, rückte Tanja mit der Sprache heraus. Michaela ließ sie nicht ausreden.

„Jetzt reicht’s aber!“ Sie knallte ein paar Akten auf den Tisch, genug war genug!

„Ich komm gleich wieder“, rief sie, sprang von ihrem Stuhl auf, stürmte aus der Glastür und die Treppe hinab. Tanja blieb verdattert zurück. Auf der Schwelle zum Untergeschoss stieß Michaela mit Isamu zusammen, der ihr gerade entgegen kam.

„Hoppla, Michaela, nicht so stürmisch!“

„Isamu, sofort hoch ins Büro!“, fauchte Michaela ihn an.

„Michaela, was ist denn los?“

„Was los ist?!“, stieß Michaela hervor und stupste Isamu mit spitzem Zeigefinger gegen die Brust. „Du warst wohl stundenlang im Keller und oben stehen schon die nächsten Schlange. So geht das nicht mehr weiter, Isamu“, sagte Michaela bestimmt.

„Adrian hat gesagt, wir können und sollen den Keller benutzen“, verteidigte sich der Programmierer, als wäre er ein kleiner Junge, der beim Süßigkeitenklauen erwischt wurde.

„Aber das ist ein riesiges Chaos!“, sagte Michaela in Rage.

„Wieso? Es läuft doch prima!“, erwiderte Isamu verständnislos.

„Prima? Hier läuft gar nichts prima. Ich sage dir, was ich jetzt mache“, begann Michaela und funkelte den Kollegen an.

„Was?“ Isamu bekam es mit der Angst zu tun.

„Ab sofort gibt es Stundenpläne, wann ihr in den Keller geht und für wie lange. Und wer seine Zeit überzieht, bekommt mächtig Ärger mit mir!“

„A-Aber Michaela, man kann doch Kreativität nicht in Stundenpläne pressen“, stotterte Isamu.

„Doch, wir sind in einer Werbeagentur und nicht im Theater!“, rief Michaela und deutete die Treppe hinauf. „Und jetzt hoch mit dir!“

Isamu wagte nicht, zu widersprechen. „Ich war eh fertig“, murmelte er, klemmte sich seinen Laptop fester unter den Arm und ging wieder nach oben ins Büro. Michaela blieb einige Sekunden lang stehen und versuchte, sich zu beruhigen. Sie traf eine Entscheidung, die längst überfällig war: Sie musste in den Keller gehen. Es gab keine Ausreden mehr. Wenn sie wissen wollte, warum die Kollegen so ausflippten, musste sie da jetzt durch. Michaela nahm all ihren Mut zusammen und stieg die Treppe hinab.

 

* * *

 Interessant, wer hatte im Keller ein Archiv eingerichtet, ohne Michaela davon in Kenntnis zu setzen? Sie stand inmitten eines kahlen, unspektakulären Raums, an dessen Wänden Aktenschränke standen, in korrekter Reihe, sauber sortiert und beschriftet. Der Keller entpuppte sich als penibel geordnetes Archiv ohne Besonderheiten. Michaela war sprachlos und ja, auch etwas enttäuscht, denn nun konnte sie die Besessenheit ihrer Kollegen noch weniger verstehen.

Sie ging von Aktenschrank zu Aktenschrank, fuhr mit den Händen über das kühle Blech, zog hier und dort eine Schublade auf, blätterte die Akten durch und begriff verwirrt, dass hier unten nur sämtliche Kundenaufträge der letzten Jahre archiviert waren.

Es war, kurz gesagt, einfach eine wunderschöne Ordnung.

Michaela seufzte. Im Keller war es staubig, ihre Nase kitzelte. Nach einigen Minuten verließ sie den Raum wieder. Sie war ratlos und so schlau wie zuvor.

Es half nichts, sie musste mit den Kollegen sprechen.

 

* * *

 Michaela blieb an diesem Tag länger im Büro und wartete darauf, dass Adrian von seinem Kundentermin zurückkehrte. Sie wollte mit ihm in aller Ruhe sprechen. Die Kollegen hatten sich bereits in den Feierabend verabschiedet, sodass sie ungestört sein würden.

„Nanu, Michaela, noch so spät hier?“, registrierte Adrian ihre ungewohnte Anwesenheit, als er kurz nach halb acht das Büro betrat.

„Wir müssen miteinander sprechen“, begann Michaela ohne Umschweife. Adrian ließ seine Tasche auf den Schreibtisch fallen.

„Um was geht es denn?“, fragte er und klang müde.

„Um den Keller.“

„Darüber haben wir doch erst heute Morgen gesprochen!“

Michaela ging zur Sitzecke hinüber, die sich rechts neben dem alten Lastenaufzug befand. Draußen war es längst dunkel geworden. Adrian folgte ihr und setzte sich ebenfalls.

Michaela hatte sich in den letzten Stunden viele Gedanken gemacht, aber keiner davon klang – naja – vernünftig.

Michaela sprach sie trotzdem aus: „Ich war im Keller.“

Adrian hob überrascht die Augenbrauen, dann grinste er.

„Na so was! Und ich dachte schon, du gehst nie hinein.“

Michaela fuhr sich nervös über die Lippen.

„Und ich habe mich mit Selina, Isamu und Tanja über unsere ‚Kellererfahrungen’ ausgetauscht.“

Adrian beugte sich nach vorne, jetzt war er neugierig geworden.

Für Michaela war es nicht einfach, über derart irrationale Dinge zu sprechen. Doch es führte kein Weg daran vorbei.

„Adrian, der Keller sieht für jeden anders aus. Für Selina ist es eine Flughafenwartehalle, für Tanja ein Berg und Isamu steht mitten in Hongkong“, erzählte sie.

„Und für dich?“

„Gar nichts. Es ist einfach nur ein Archiv.“

„Ein Archiv!?“, wiederholte Adrian verwirrt.

„Und das ist noch nicht alles. Für die Kollegen sind das Orte mit einer ganz besonderen Bedeutung. Dort fühlen sie sich wohl, sie sind irgendwie – bei sich“, sagte Michaela.

Adrians Gedanken schweiften ab.

„Hast du auch mit Carsten gesprochen?“

„Nein, Carsten war zu beschäftigt.“

Er nickte und fuhr sich nachdenklich mit der rechten Hand über die Wange.

„Was bedeutet das nur?“, fragte Michaela ahnungslos.

Adrian dachte an die Gespräche mit Andres Turet und ihm kam ein Wort in den Sinn: Identität.

Er trommelte mit den Fingern auf der Sessellehne herum.

„Sonst funktioniert es, äh, mit dem Keller und den Kollegen?“

„Nein, überhaupt nicht! Jeder ist nur noch genervt, und es wollen viel zu viele Leute rein“, beschwerte sich Michaela.

„Hm, erinnerst du dich, was du mir heute Morgen gesagt hast?“ Michaela wusste nicht mehr, worauf Adrian hinaus wollte.

„Weswegen ich dich eingestellt habe“, half Adrian. Michaela nickte.

„Wenn es Chaos gibt, dann weißt du ja, was du zu tun hast, ich verlasse mich auf dich. Währenddessen kümmere ich mich um den Keller“, versicherte ihr Chef. Michaela atmete tief durch.

„In Ordnung“, sagte sie. Adrian stand auf.

„Ok, jetzt geh nach Hause, ich mache auch nicht mehr lange. Emily wartet schon“, sagte er und Michaela kam seiner Aufforderung nach. Adrians Gedanken kreisten um den Keller. Jeder wurde darin auf seine wahre Identität zurückgeworfen – man war „bei sich“. Aber das gelang nur, wenn man „bei sich sein“ als aktiven Zustand begriff, von dem man sich ab- oder zuwenden konnte – entfremden oder rückbesinnen. Sobald man diesen Zustand erreichte, war man zu allen kreativen wie geistigen Höhenflügen fähig. Der Keller sah für jeden anders aus, da er die Identität jedes Einzelnen widerspiegelte. Also bin ich der Keller oder ist der Keller ich?

Adrians Gedanken entkamen ihm, noch ehe er sie festhalten konnte.

 

Noch am selben Abend erhielt Carsten zu Hause einen Anruf von seinem alten Studienfreund Fin. Dieser war nun Professor für Unternehmenskommunikation an der Budapester Corvinus Universität. Sie waren gerade mit dem Essen fertig geworden und Carsten zog sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück, um ungestört telefonieren zu können.

„Aber da muss es doch irgendwelche Aufzeichnungen geben!“, bohrte Carsten nach.

„Tut mir leid, alter Freund, aber es ist nichts zu finden. Die Fakultät hat nie von ihm gehört“, beharrte Fin am anderen Ende der Leitung.

Carsten konnte sich darauf keinen Reim machen.

„Wozu wolltest du das eigentlich wissen, wenn ich indiskret nachfragen darf?“

Fin war neugierig, aber Carsten hatte nicht vor, seine Gedanken zu teilen.

„Ach, nur für ein Projekt. Blöde Recherche, weißt du“, wiegelte er ab. Er konnte es förmlich durch den Hörer fühlen, dass Fin ihm kein Wort glaubte.

„Ok, also, wie gesagt, mehr konnte ich auch nicht herausfinden.“

„Alles klar. Ich wünsche dir was und danke für deine Mühe.“

„Nichts zu danken, liebe Grüße an deine Frau. Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder!“, verabschiedete sich der Freund.

„Bestimmt. Mach’s gut, Fin“, sagte Carsten und beendete das Telefonat.

Er blieb noch eine Weile am Schreibtisch sitzen und hing seinen Gedanken nach.

„Andres Turet, wer bist du?“, fragte er laut zu sich selbst.

 

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