Was bisher geschah …

<- Kapitel 10 // Kapitel 12 ->


2006

Freitag, 22:23 Uhr

Carsten und Michaela ließen sich erschöpft in die Polster der Sitzecke fallen.

„Dieser Keller macht mich fertig!“, stöhnte Carsten. Sein Kopf fühlte sich an, als hämmerte jemand von innen mit einem Eispickel dagegen.

Michaela ging es ähnlich. Sie wusste nicht, ob sie noch die Kraft aufbringen konnte, um in ihr Auto zu steigen und nach Hause zu fahren.

„Denkst du, wir bekommen es jetzt endlich in den Griff?“, fragte Carsten mit geschlossenen Augen und müder Stimme.

Michaela wartete ein paar Sekunden, ehe sie antwortete: „Ich hoffe es, aber sobald der Keller wieder offen ist, kann immer etwas Neues passieren.“

„Ja, zum Beispiel, dass Adrian mit Andres mal eben nach Frankreich abzischt!“, brummte Carsten.

„Ich bin genauso überrascht wie du“, sagte Michaela.

Carsten hatte bislang einige Gedanken für sich behalten. Doch mit dieser Nacht- und Nebelaktion von Adrian spürte er, dass er demnächst den Mund aufmachen musste. Am Horizont sah er Gewitterwolken aufziehen, von denen Michaela noch nichts ahnte.

Carsten rieb sich die brennenden Augen.

„Und, was machen wir jetzt?“, fragte er in die Stille des Kommunikationshauses. Michaela spürte, wie sie auf dem bequemen Sofa langsam wegdämmerte. Die Welt um sie herum wurde schwer und leise.

„Ich – weiß – es – nicht“, murmelte sie.

 

* * *

 

Fünf Tage zuvor

Montag, 8:41 Uhr

Jeden Morgen warf Michaela einen prüfenden Blick auf den Keller-Stundenplan. Er hing an der Wand neben ihrem Schreibtisch, damit sie stets ein Auge darauf werfen konnte. Es hatte sie Monate gekostet, bis alle Mitarbeiter des Hauses so weit waren, sich brav und zuverlässig in den Stundenplan einzutragen. Heute aber war etwas faul im Staate Communication:Agentur.

Michaela kannte alle Mitarbeiter und ihr fielen sofort die fremden Namen auf, die zwischen den Einträgen der Kollegen standen.

„Was soll denn das?“, entfuhr es ihr.

 

Während sich Michaela noch wunderte, stand Jörg vor der Kellertüre und zählte seine Einnahmen. Ein kleiner Zusatzverdienst war nie schlecht, besonders dann nicht, wenn man ein neues Motorrad kaufen wollte. Er blickte ungeduldig auf die Uhr. Der Typ war überfällig! Jörg klopfte lautstark gegen die Tür und rief: „He du, mach mal Schluss da drinnen!“ Es dauerte weitere drei Minuten, dann öffnete sich die Tür und ein untersetzter Kerl stolperte heraus. Er hieß Mike und arbeitete als Ingenieur bei einem Flugzeughersteller. Der PR-Berater hielt ihn am Kragen fest.

„Das macht dann noch mal 50 Kröten“, sagte Jörg.

„W-was, aber ich habe doch schon bezahlt!“

„Du hast länger gebraucht. Erleuchtung und Kreativität gibt es nicht umsonst!“, beharrte Jörg. Zähneknirschend zog Mike einen weiteren Fünfziger aus seiner Brieftasche.

„Danke. Und, war’s gut?“

Mike strahlte.

„Genial, kann ich nächste Woche wiederkommen? Da steht die nächste Projektphase an.“

„Aber sicher doch!“, Jörg klopfte ihm auf die Schulter. Dann machte sich Mike ein wenig benommen auf den Weg nach oben und Jörg sah sich schon auf seinem neuen Motorrad durch die Schweizer Alpen brettern.

Das Leben konnte so einfach sein.

 

Dienstag, 7:50 Uhr

Tanja führte ihre Freundin die Treppe hinab. Sie hatten sich in aller Frühe verabredet, um von Michaela nicht erwischt zu werden. Diese war nämlich gar nicht gut darauf zu sprechen gewesen, dass nun auch Firmenfremde den Keller nutzten. Tanja verstand das Getöse nicht. Jeder hielt sich doch penibel an Michaelas Stundenplan.

„Wir müssen leise sein“, schärfte Tanja ihrer Freundin Inge ein. Dann standen sie vor der Kellertüre. Dieser Ausflug war „off-list“.

„Darf ich jetzt hineingehen?“, fragte Inge.

„Deshalb sind wir ja hier, aber nur ein paar Minuten. Wenn du mich klopfen hörst, dann folge einfach dem Geräusch, verstanden?“

Inge nickte und verschwand im Keller. Tanja blickte auf ihre Armbanduhr. Fünfzehn Minuten, dann hatte sich schon der nächste Kollege für eine Kellersitzung eingetragen. Sie hatten nicht viel Zeit.

 

Dienstag, 8:45 Uhr

Miguel zeigte seinem Bruder den mysteriösen Keller.

„Kann man da auch zu zweit reingehen?“, fragte Ernesto neugierig.

Miguel zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht, ich glaube, das hat noch niemand gemacht. Vielleicht funktioniert es dann nicht, weil der Keller überfordert ist oder so.“

Ernesto strich über die Tür.

„Hilft er einem auch bei Frauenproblemen?“

Miguel lachte schallend: „Na, das wär’n Ding! Hab ich noch nicht ausprobiert!“

Die gute Laune der beiden Brüder wurde jäh von Schritten auf der Treppe unterbrochen.

Gregor, ein Kollege von der Press’n’Connection, kam auf sie zu.

„Nanu, laut Stundenplan bin ich doch jetzt dran!“, sagte er.

„Ganz ruhig, Greg, wir sind schon wieder weg“, erwiderte Miguel.

„Dann macht mal, es gibt Leute, die müssen nämlich arbeiten!“, pflaumte sie der Kollege an.

„Hey, was soll das denn heißen? Jetzt beruhig dich wieder.“

„Beruhig du dich doch!“, Gregor baute sich schnaubend vor ihnen auf. Ernesto ging keiner Rauferei aus dem Weg und spannte bereits seine Muskeln an. In diesem Moment kamen erneut Schritte die Treppe hinab getrampelt und Carsten erschien.

„Verdammte Scheiße nochmal, wo sind meine PR-Berater?“, brüllte er sie an.

Gregor drehte sich perplex um. „A-aber Chef, ich bin doch laut Plan jetzt dran …“, begann er, da ging die Kellertüre auf und Martin, ein weiterer PR-Berater, kam heraus.

Alle sahen den Kollegen überrascht an.

„Martin, du solltest schon seit zwanzig Minuten wieder am Platz sein!“, blaffte ihn Carsten an. „Da oben laufen die Anrufe für dich auf!“

„Ja, genau, wir haben so etwas wie einen Stundenplan!“, sagte Miguel.

„Ja – richtig!“, pflichtete Gregor den anderen bei, während er den Fremden neben Miguel anstarrte.

„Wer ist das überhaupt?“

Miguel antwortete nicht sofort. Carsten kam näher.

„Ich bin sein Bruder“, sagte Ernesto.

Carsten fuhr aus der Haut: „Was ist das hier – eine Jahrmarktattraktion?“

„Aber das macht doch jetzt jeder so“, verteidigte sich Miguel.

„Das ist mir scheißegal, los, alle an ihre Plätze, sofort!“, brüllte Carsten.

„Aber Chef, ich war eingetragen, ich muss in den Keller“, widersprach Gregor.

„Du bist eingetragen, zu arbeiten, verstanden? Und wenn du das jetzt nicht umgehend tust, schick ich dich auf Recherchereise nach Sibirien!“

Gregor trollte sich.

„Also Miguel, wir sehen uns, ich mach mich mal vom Acker“, verabschiedete sich Ernesto von seinem Bruder. Die Versammlung löste sich auf. Carsten blieb vor Wut schäumend zurück.

 

Mittwoch, 14:22 Uhr

Ein Kollege nach dem anderen verschwand im Keller. In Michaelas Arbeitstag machte sich pure Hektik breit, da jeder Mitarbeiter das Telefon auf sie umstellte. Nun liefen sämtliche Kundenanfragen bei ihr auf und das operative Tagesgeschäft kam trotz des Stundenplans völlig zum Erliegen.

Michaela telefonierte sich seit Stunden die Finger wund. Egal was sie in den letzten Wochen und Monaten versucht hatte, um den Keller und die Mitarbeiter zu managen – nichts davon funktionierte. Es war wie die verdammte Büchse der Pandora. Wie bekam sie das Ding bloß wieder zu?

Während Michaela von einem Kunden in die Warteschleife gelegt wurde, kam ihr ein Gedanke, der keinem gefallen würde.

Aber es war eine längst überfällige Maßnahme. Sie sperrte die Kellertür ab, sammelte unter einem Vorwand alle Schlüssel ein und verstaute diese im Tresor ihres Schreibtischs. Dort lagen nur die wichtigsten Dokumente und niemand außer ihr und Adrian kamen da ran.

 

Mittwoch, 17:06 Uhr

Später beriet sie sich mit Carsten, der – wie so oft in letzter Zeit – eine finstere Miene vor sich herschob.

„Carsten, der Keller und wir – das funktioniert einfach nicht.“

„Wem sagst du das“, brummte Carsten. Sie saßen ungestört im Konferenzraum.

„Seitdem du den Keller abgesperrt und die Schlüssel beschlagnahmt hast, sind erst gut zwei Stunden vergangen und die Leute flippen total aus!“, zischte Carsten.

„So ist es eben – bis auf Weiteres ist der Keller nicht zu erreichen“, entschied Michaela.

„Hast du das mit Adrian besprochen?“

„Nein.“

Carsten stieß die Luft aus. Sie wussten beide, dass Michaelas Handeln ohne vorherige Rücksprache mit Adrian keine gute Idee gewesen war.

„Wir müssen mit Adrian reden“, beharrte Michaela. „Du siehst doch, wie es hier in den letzten Monaten zugegangen ist.“

„Ja, ich weiß“, stimmte Carsten zu.

„Ich bin der Meinung, der Keller sollte versiegelt bleiben. Aus, Schluss, vorbei!“

Carsten erwiderte nichts. Im Grunde war er Michaelas Meinung.

„Carsten, auf dich hört er!“, sagte Michaela eindringlich.

„Ich denke, dass du besser zu ihm durchdringst“, entgegnete Carsten. Michaela schüttelte den Kopf. Carsten seufzte.

„Also schön, ich rede mit ihm, er kommt später in die Agentur“, sagte er.

 

Mittwoch 18:09 Uhr 

Als Adrian die Agentur betrat, besprach er gerade am Telefon einen Vorschlag von Andres. Der kauzige Professor hatte ihn kurz entschlossen in sein Haus in der Provence eingeladen.

„Ich wollte morgen früh fahren, würde das bei dir gehen?“, fragte Andres Turet am Telefon.

„Puhh – also, ich würde ja schon gerne …“, sagte Adrian und steckte sich noch in der Küche eine Zigarette an.

„Wir wären drei Tage weg.“

„Ok, und hier geht es nicht?“, fragte Adrian nochmals. Er hörte buchstäblich, wie Andres am anderen Ende der Leitung den Kopf schüttelte.

„Ich brauche dich dort. Erstens muss ich dir etwas zeigen und zweitens denke ich, tut es unseren Forschungen gut, einmal vollkommen abgeschieden von allem zu sein.“

Adrian musste dem Professor zustimmen und reizvoll war es allemal – ein paar Tage in einem Haus in der Provence.

Trotzdem würde Emily von der Idee nicht gerade begeistert sein. Er konnte sie nicht drei Tage alleine lassen, vom Geschäft ganz zu schweigen. Auf der anderen Seite ging es genau darum – ihr Geschäft und der Versuch, etwas Einzigartiges zu schaffen.

Die Störfeldtheorien.

Adrian hörte sich „Ja“ sagen. Er würde das regeln und ihn begleiten. Andres Turet war begeistert und sie verabschiedeten sich. Keine Sekunde zu früh, denn Carsten kam zu ihm in die Küche.

„Ich habe dich in den Hof fahren sehen“, begrüßte er ihn.

„Hi Carsten, wie geht’s?“, grüßte ihn Adrian ein wenig verstimmt. Carsten war seit Monaten komisch drauf, wie er fand.

Carsten hielt sich nicht lange mit unnötigen Worten auf: „Wir haben den Keller verschlossen und das bleibt er auch.“

Adrian sah ihn perplex an.

„Wie bitte?“

„Es funktioniert einfach nicht. Er richtet nur Chaos an.“

Adrian musste die Worte kurz sacken lassen, dann verlor er die Fassung.

„Was für ein Müll, Carsten! Der Keller wird wieder aufgemacht, verdammt noch mal. Wir brauchen ihn. Er ist wichtig für uns!“ Er hämmerte auf den Küchentisch. Carsten war jedoch von seiner Meinung nicht abzubringen.

„Carsten, der Keller wird wieder geöffnet, basta!“, brüllte er. Dann packte er wutentbrannt seine Tasche.

„Ich muss jetzt nach Hause und packen. Richte Michaela aus, dass ich drei Tage mit Andres in Frankreich und wahrscheinlich nur unregelmäßig zu erreichen bin.“

„Warum das denn zum Teufel?“, rief Carsten.

Adrian antwortete nicht und lief bereits über den Hof zu seinem Auto. Carsten stürmte hinterher.

„Adrian, jetzt warte doch!“, er hielt den Freund an der Schulter fest. Adrian drehte sich um.

„Irgendetwas stimmt mit diesem Andres Turet nicht!“, platzte es aus Carsten heraus.

Adrian runzelte die Stirn.

„Ach Herrgott, der ist eben ein bisschen verschroben, na und?“

„Nein, darum geht es nicht!“, beharrte Carsten. Die beiden sahen sich in die Augen.

„Adrian, ich weiß nicht, mit wem du dich da immer triffst, aber keiner von uns hat ihn je kennengelernt oder gesehen …“, begann Carsten.

„Ja, und?“

Carsten starrte Adrian eindringlich an.

„Adrian, die Corvinus Universität in Budapest hat nie von dem Kerl gehört!“

„Das ist doch blanker Unsinn!“, erwiderte Adrian.

„Nein. Ich habe recherchiert.“

„Du meinst geschnüffelt?“

„Ich bin Journalist“, verteidigte sich Carsten.

„Ach, vergiss es!“ sagte Adrian und wandte sich ab, um sein Auto aufzusperren.

„Adrian, es gab dort nie einen Andres Turet!“, rief ihm Carsten noch durch die geschlossene Fensterscheibe hindurch zu. Doch Adrian startete bereits den Motor und fuhr mit quietschenden Reifen los. Carsten blickte ihm hilflos hinterher. Den letzten Gedanken hatte er für sich behalten: Wer auch immer Andres Turet war, es gab ihn jedenfalls nicht.

 

Donnerstag, 10:14 Uhr 

Michaela hatte den Kollegen die Kellerschlüssel zurückgegeben und ihre Befürchtungen wurden Realität: Alles wurde noch schlimmer. Die Agentur verwandelte sich in ein Tollhaus. Der Stundenplan wurde schlichtweg ignoriert.

 

Freitag, 16:36 Uhr

Es war zum Verrücktwerden, die gesamte Mannschaft schien die Fassung zu verlieren. Zwei Kollegen bekamen sich derart in die Haare, dass sie sich auf dem Flur prügelten, als der eine seine Kellerzeit um ein paar Minuten überzog. Michaela bekam die beiden nicht auseinander und musste Carsten und Isamu zu Hilfe holen.

Am Ende des Tages war die Tür zum Keller wieder verschlossen. Die Frage war nur, für wie lange? Michaela und Carsten blieben bis spät nachts in der Agentur, um sich zu beratschlagen.

Die Situation schien aussichtslos.

 

<- Kapitel 10 // Kapitel 12 ->