Was bisher geschah …

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Andres Turet

2006

„Genauso hab‘ ich mir ein Landhaus in der Provence immer vorgestellt!“, schwärmte Adrian, als wir davor Haus parkten. Auch für mich war es immer wieder ein Gefühl wie Heimkommen. Das Haus stand inmitten einsamer Lavendelfelder, die nächste Stadt war knapp fünfzig Kilometer entfernt und der nächste Nachbar nur durch einen mehrstündigen Fußmarsch zu erreichen. Es war ein idyllisches Plätzchen, ein Überbleibsel aus einer anderen Welt, das losgelöst war vom Netz sämtlicher Kommunikationskanäle.

Ich führte den jüngeren Mann ins Haus. Es war kalt im Inneren. Kein Wunder, ich kehrte schließlich nach langer Zeit dorthin zurück. Der Staub kitzelte in der Nase und lag wie eine feine Puderschicht auf den Möbeln. Es war ein einfaches Haus mit einem großen Wohnzimmer samt Holzkamin sowie Küche, Bad und einem Schlafraum. Telefon und Internet suchte man vergebens. Adrian steckte sein Handy wieder zurück in die Hosentasche und stellte seinen Rucksack ab. Dann holten wir die Lebensmittel für die nächsten Tage aus dem Kofferraum und verstauten alles in der Küche.

„Hier sind wir ganz ungestört“, sagte ich ihm.

„Also genau das, was ich im Moment brauche“, erwiderte Adrian lächelnd.

Ich machte mich daran, ein wohliges Feuer im Kamin zu zaubern und sah aus den Augenwinkeln, wie Adrian die Bücherregale inspizierte.

„Wie wär’s mit einem Cognac, mein Lieber?“, fragte ich meinen Gast, der zustimmend nickte. Ich ging zu der kleinen Bar hinüber und holte einen acht Jahre alten Rémy Martin Coeur de Cognac aus einem dunkelbraunen Holzschrank. In der Küche spülte ich kurz die Gläser aus. Die Wasserleitungen rumorten zwar protestierend, funktionierten aber einwandfrei.

Kurz darauf machten wir es uns im Wohnzimmer bequem.

„Du wolltest mir etwas zeigen“, begann Adrian. Im Kamin knisterte und knackte das Holz.

„Ja – dich“, sagte ich.

Adrian sah mich fragend an. Der jüngere Mann wirkte sehr müde.

„Diesmal habe ich keine Ahnung, was du meinst“, erwiederte Adrian.

„Na, du hast mir doch von den Erfahrungen deiner Kollegen im Keller erzählt. Und du hast zu mir gesagt, dass du denkst, der Keller sei Identität“, sagte ich.

Adrian nickte. Er konnte dem Professor dieses Mal nur schwer folgen.

„Ich wollte dich hierher bringen, damit du mit deiner Identität konfrontiert wirst.“

„Aber ich bin bereits ich. Ich meine, ich kenne mich.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, widersprach ich.

Wir schwiegen eine Weile, dann erzählte Adrian unvermittelt: „Sie wollten den Keller schließen!“ Ich sah Adrian erschrocken an.

„Was für ein Schwachsinn. Der Keller ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Nein, er ist die Antwort. Und sie ist direkt vor unserer Nase, wir müssen sie nur noch erkennen“, redete Adrian weiter.

„Wir sind Marketiers. Wir beschäftigen uns ständig mit Produkten. Aber Produkte brauchen genauso eine Identität wie wir, und die Störfeldtheorien liefern uns die Antworten.“

„Kennst du ‚Oh wie schön ist Panama’?“, fragte ich ihn unvermittelt. Damit brachte ich ihn total aus seinen Gedanken, was meine Absicht gewesen war.

„Natürlich. Das habe ich meinem Jungen schon oft vorgelesen.“

„Dann weißt du ja, worum es in der Geschichte eigentlich geht?“

Adrian überlegte. „Die Antwort ist oft da, wo man nicht nach ihr gesucht hat. Vor der eigenen Nase. Sie war schon immer da, man hat sie nur nicht gesehen …“

Andres nickte und ergänzte: „Die Geschichte lässt sich wunderbar auf euch und eigentlich auf fast jede Kundensituation übertragen. Tiger und Bär sind mit ihrem Leben unzufrieden. Deshalb machen sie sich auf den Weg nach Panama. Sie glauben, dass dort ein spannenderes, besseres Leben auf sie wartet. Was sie auf ihrer Reise nicht bemerken, ist, dass sie im Kreis gehen und so kommen sie am Ende wieder dort an, wo sie losgelaufen sind – Zuhause. Da sie jedoch denken, sie seien nun in Panama, ist ihr Haus jetzt schöner und begehrenswerter als je zuvor. Sie sind glücklich und zufrieden. Daraus erschließt sich: Am Ende des Tages findet man die Lösung eines Produktproblems, die perfekte Idee für ein Marketingkonzept oder die durchschlagende Vertriebsstrategie in einem selbst und nicht da draußen – bei den Kunden, Märkten und Meinungsmachern und das heißt …“

„Identität“, sagten wir gleichzeitig. Wir lachten, stießen an und tranken.

„Der Keller braucht ein Konzept. Dieses ganze Ding braucht irgendein Konzept“, überlegte Adrian. „Es kann nicht immer nur ‚der Keller’ sein. Wir müssen ihn in etwas Sinnvolles und Anwendbares verwandeln. Ich glaube, die Zeit des kreativen Chaos ist vorbei, da haben die Kollegen schon Recht. Ich muss jetzt etwas tun“, überlegte Adrian.

„Marketing muss gestört werden, Adrian. Genauso wie die Menschen. Sie müssen gestört werden, damit sie sich selbst und die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen. Und dieser Sichtwechsel führt zu ihrer Identität“, sinnierte ich und seufzte: „Jahrzehntelang forschte ich daran, das Werbeprinzip von AIDA auf den Kopf zu stellen. Du weißt schon, dieses ganze ‚Attention, Interest, Desire und Action’-Gedöns, nach dem alle Marketiers arbeiten …“

Plötzlich begann Adrian zu lachen.

„Es ist so einfach, Andres! Der Keller – natürlich: Enter, Disturb, Respect, Embrace – EDRE!“

Adrian knallte das Cognac-Glas auf den Eichentisch vor ihnen.

„Das ist der Prozess: betreten, stören, fremde Gedanken respektieren und akzeptieren – Identität leben, also umarmen. Das ist EDRE und EDRE bedeutet, die gewohnte Welt auf den Kopf zu stellen“, Adrian funkelte mich an. Er sprudelte beinahe über vor Begeisterung. Ich lächelte. Adrian hatte es erkannt.

„Der Keller ist EDRE. EDRE ist gestörtes Marketing“, sagte ich.

„Und gestörtes Marketing ist Identität“, sagte Adrian. „Der Gegenentwurf zu AIDA.“

Er hob sein Glas.

„Auf EDRE!“

Wir stießen an.

„Und auf ‚Oh wie schön ist Panama’“, ergänzte ich.

EDRE … Ein Störfeld, das zurück zur Identität von Produkt, Unternehmen und Mensch führte.

Ich sank tief in die weichen Polster der Couch und war zufrieden mit mir. Es hatte sich, wie ich vermutet hatte, bewahrheitet. Der Ausflug und vor allem das Haus hatten Adrian geholfen. Wir waren einen großen Schritt vorangekommen. Nun musste EDRE nur noch in die Köpfe der Menschen.

Wir hatten noch viel Arbeit vor uns.

 

* * *

 

„Ich bin nicht, was ich bin!“
William Shakespeare, Othello

 

7 Tage später

Adrian schloss die Haustür zu seiner Wohnung auf und ließ die Reisetasche neben der Kommode im Flur auf den Boden plumpsen.

„Bin wieder da!“, rief er in Richtung Wohnzimmer, aus dem das Geräusch des Fernsehers drang. Sofort kam sein Sohn um die Ecke geflitzt und warf ihn beinahe von den Füßen.

„Papi, endlich bist du wieder da!“ rief der Junge vergnügt. Adrian nahm ihn fest in die Arme.

„Warum warst du denn so lange weg? Ich hab dich ganz doll vermisst!“, jammerte der Junge. Adrian legte verwirrt die Stirn in Falten.

„Wieso denn lange, es waren doch nur ein paar Tage und Mami wusste Bescheid …“, wunderte sich Adrian.

„Wusste das Mami?“, Emilys Stimme schwebte durch den Flur. Adrian sah auf. Sie stand mit Sofia in der Türschwelle zur Küche. Seine Tochter trug eine Serviette um den Hals, mit roten Soßenklecksern darauf.

„Papi!!!“ rief die kleine Sofia und streckte die Ärmchen aus.

„Hallo Schatz“, grüßte sie Adrian. Doch seine Frau wirkte alles andere als erfreut ihn zu sehen. Ihre Gesichtszüge waren wie versteinert. Eine Mischung aus Wut und Sorge lag in ihren Augen.

„Alles in Ordnung hier?“, fragte Adrian verwundert.

Emily stieß ungläubig die Luft durch die Nase aus.

„Jetzt komm erst mal an, dann reden wir später“, sagte sie, drehte sich um und verschwand mit Sofia wieder in der Küche. Sofia begann zu weinen. Adrian und sein Sohn sahen sich perplex an.

„Was ist denn hier los?“, fragte Adrian. Eric nahm seinen Vater bei der Hand und zog ihn zum Wohnzimmer.

„Du warst soooo lange weg“, wiederholte der Junge wieder.

Adrian sah genervt zur Decke. Warum verhielt sich seine Frau nur so komisch, bei Kindern konnte er es ja verstehen, dass drei Tage eine lange Zeit waren, aber bei seiner Frau?

Adrian folgte seinem Sohn verdattert ins Wohnzimmer, da Emily offenbar stinksauer auf ihn war.

 

* * *

 

Emily wechselte kein Wort mit ihm, bis sie Sofia für ihr Schläfchen ins Bett gebracht hatte. Dann schob sie Eric „König der Löwen“ in den DVD-Player und zog Adrian ins Schlafzimmer, um in Ruhe mit ihm zu reden. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, fiel sie über ihn her.

„Eine Woche! Adrian, du warst eine Woche weg. Ohne Nachricht oder Lebenszeichen. Und jetzt spazierst du hier rein, als ob du nur mal eben Brötchen holen gewesen wärst. Von wegen drei Tage!“ Emily hatte Mühe zu flüstern, so aufgelöst war sie. Adrian starrte sie mit offenem Mund an. Er war fassungslos.

„Was sagst du da, ich war wie lange weg …?“, wiederholte er.

„Eine. Verdammte. Woche!“

Adrian wusste nicht, was er sagen sollte, er verstand nur Bahnhof und setzte sich aufs Bett. Diese Neuigkeit zog ihm sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weg.

„Hast du keine Erklärung für mich, nichts, das du mir sagen möchtest?“, fragte Emily aufgeregt. Nein, hatte Adrian nicht. Er blickte auf seine Armbanduhr und bemerkte erst jetzt das Datum. Warum war es ihm nicht schon früher aufgefallen?

Er zog sein Handy aus der Hosentasche, aber es hatte sich entladen und war tot.

„Eine Woche, wie kann das sein?“ wiederholte Adrian nochmals. Noch bevor er sich sammeln konnte, seine Gedanken sortieren, drang Emily weiter in ihn ein.

„Steckt da etwa eine andere Frau dahinter?“, bohrte sie.

„Was zum Teufel redest du da? Natürlich nicht. Du weißt doch, dass ich mit Andres in Frankreich war“, ereiferte sich Adrian.

„Dann will ich diesen Andres Turet jetzt kennenlernen, und zwar sofort. Zeig mir den Typ, der meinen Mann so in Beschlag nimmt!“ forderte sie ihn auf, während Adrian immer noch zu verstehen versuchte, wie er eine ganze Woche seines Lebens verlieren konnte. Er erinnerte sich, als wäre es erst gestern gewesen, wie er mit Andres nach Frankreich losgezogen war. Adrian dachte an die letzten drei ereignisreichen Tage zurück. Sie verstrichen so schnell, dass es schon bedauerlich gewesen war. Und erst vor etwa einer halben Stunde hatte ihn Andres wieder vor der Communication:Agentur abgesetzt. Da Adrian ohnehin schon ein schlechtes Gewissen wegen der drei Tage Abwesenheit von seiner Familie hatte, war er sofort nach Hause gefahren und hatte sich nicht erst ums Geschäft gekümmert, obwohl es ihm in den Fingern juckte, auch dort nach dem Rechten zu sehen.

Und nun das! Adrian verstand das alles nicht.

Emily taxierte ihren Mann, als sie ihn geknickt vor sich sitzen sah und ihre angestaute Wut verpuffte. Sie setzte sich neben ihn, um ihren Kopf an seine Schulter zu lehnen.

„Was ist los, Adrian? Hilf mir, es zu verstehen“, bat sie.

Adrian brachte einen heiseren Laut heraus. Wie konnte er das tun, wenn er es selbst nicht verstand. Was geschah nur mit ihm?

„Du willst ihn kennenlernen?“, wiederholte er. Emily nickte.

„Ich mache mir Sorgen“, sagte sie. Adrian nickte.

„Und Carsten auch, diese Geheimnisse müssen aufhören. Du darfst uns nicht aus deinem Leben ausschließen!“, flehte sie beinahe. Adrian biss sich auf die Lippen.

Also gut, dachte er. Es ist an der Zeit, Klarheit zu schaffen. Für alle. Er würde sofort Andres anrufen!

 

* * *

 

Carsten wartete schon ungeduldig im Café Einstein auf Adrian, Emily und Andres. Er saß an einem Ecktisch am Fenster. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und draußen fegte ein scharfer Wind durch die Straßen. Das Café Einstein lag günstig für Emily und Adrian nur ein paar Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Carsten spielte mit einem Bierdeckel. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken ziellos umher. Eine Woche war Adrian weg gewesen, ohne eine einzige Nachricht. Vorhin hatte ihn Emily angerufen und von dem Treffen mit Andres erzählt. Endlich!, dachte Carsten, nun würde sich das Geheimnis um den Kerl auflösen. Er konnte es kaum erwarten. Vielleicht würde sich ihre Welt dann bald wieder in einer normalen Umlaufbahn bewegen.

Carstens Handy klingelte. Er sah auf das Display. Es war seine Frau, die sich gerade fertigmachte für heute Abend. Sie würde sich mit Freundinnen Othello im Ulmer Theater anschauen. Carsten war kein großer Fan von Shakespeare und von Schauspielhäusern ganz zu schweigen. Lisa erzählte ihm, dass mit dem Babysitter alles klarginge und fragte, wie es bei ihnen lief.

„Noch gar nicht, ich warte noch“, berichtete Carsten.

„Ok, also, wir sehen uns dann später Zuhause. Ich liebe dich“, verabschiedete sich seine Frau. Carsten musste lächeln. Das waren ihre täglichen Rituale, die ihm Halt gaben. Das gemeinsame Frühstück, die kurzen Anrufe und jene drei Worte. Seltsam, wie viel Bedeutung Kleinigkeiten innewohnen. Carsten legte auf und starrte durch das Fenster.

 

* * *

 

Es klingelte an der Haustür der Disters. Adrian öffnete in der Erwartung, Andres gegenüberzustehen. Doch es war nur der Babysitter, ihre Nachbarin Frau Milde, eine ältere Dame, von Beruf Krankenschwester, und seitdem die Disters sie kannten, allein lebend.

„Ah, gut dass Sie da sind. Wie bereits erzählt, wir werden nicht lange weg sein“, sagte Adrian.

„Das macht gar nichts, Herr Dister!“ entgegnete Frau Milde und sie gingen zusammen nochmals alles durch. Emily zog sich währenddessen im Schlafzimmer ein paar frische Sachen an und schickte einen Gruß in den Flur hinaus. Adrian und Frau Milde gingen ins Wohnzimmer zu den Kindern. Eric passte auf seine kleine Schwester auf, da meldete sich Adrians Handy wieder. Andres war dran:

„Bin gleich da, mein Lieber!“, sagte der Professor. Adrian hatte ihm nicht erzählt, dass seine Abwesenheit für große Verwirrung gesorgt hatte. Der Professor selbst wirkte ganz unbefangen und natürlich. Nichts deutete daraufhin, dass sie beide irgendwie eine Woche Zeit verloren hatten.

„In Ordnung, es gibt da etwas zu besprechen“, deutete Adrian an. Während er gleichzeitig seine Kinder beobachtete und dabei zusah, wie sich Frau Milde zu ihnen auf den Boden setzte.

„Ich freue mich, endlich deine Frau und deinen Kompagnon kennenzulernen, bis gleich!“, verabschiedete sich der Professor.

Es musste eine Erklärung für alles geben, eine logische und vernünftige Erklärung!, sagte sich Adrian in Gedanken, um sich selbst zu beruhigen.

 

* * *

 

Etwas später im Einstein konnte Carsten beobachten, wie zwei Personen draußen, und noch zu weit entfernt, um deutlich im Zwielicht erkennbar zu sein, offenbar eine hitzige Diskussion austrugen. Es waren ein Mann und eine Frau. Der Mann hatte breitere Schultern und wandte sich nach einigen Sekunden von der Frau ab. Die Diskussion war beendet. Er schritt entschlossen auf das Einstein zu. Die Frau folgte ihm. Beide schälten sich aus der Dämmerung heraus und Carsten konnte sie nun deutlich sehen, bevor sie hereinkamen. Endlich, dachte er! Er hatte bestimmt schon eine halbe Stunde gewartet. Doch etwas stimmte nicht. Carsten erhob sich. Die beiden steuerten seinen Tisch an.

„Hallo Emily, hallo …“, begann Carsten.

„Carsten …“, setzte Emily an, da wurde ihm schon die Hand entgegengestreckt.

„Andres Turet. Schön, Sie endlich kennenzulernen!“, stellte sich der Professor vor.

Carsten sah Emily an. Das Innere seines Kopfes konnte man in diesem Augenblick mit einer Wüste vergleichen. So begegneten sich Andres, Emily und Carsten zum ersten Mal.

 

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