Was bisher geschah …

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Das Jahr 2055

„Stopp!“ rief Sonja. Ihr E-MotionBook unterbrach die Aufzeichnung. Adrian sah seine Enkelin verwirrt an.

„Was hast du denn? Ich war mitten in der Geschichte!“, sagte er.

Sonja massierte sich die pochenden Schläfen. Seit Stunden hörte sie ihrem Großvater zu. Die Sonne neigte sich bedächtig am Firmament und wärmte sie nach wie vor auf der Terrasse. Doch nun war der Augenblick gekommen, auf den alles hinauslief.

„Ist dir nicht gut, mein Kind, zu viel Sonne?“, fragte Adrian besorgt. Sonja reagierte nicht. Sie musste denken. Adrian ahnte es nicht. Nicht mal im Geringsten, aber sie waren am Scheidepunkt angekommen. Langsam ließ sie die Hände sinken und sah ihren Großvater über den Tisch hinweg entschlossen an.

„Erinnerst du dich noch an das Gefühl, das du hattest, als du an dem Tag nach Hause kamst und Großmutter dir erzählte, dass du eine Woche weg gewesen wärst, statt nur drei Tage?“, fragte sie.

„Ja – natürlich, ich habe doch gerade erst davon erzählt!“

„Tja – also, so geht es mir gerade und ich fürchte, ich muss es noch mal mit dir tun“, gab sich Sonja geheimnisvoll. Adrian wurde ungeduldig, er lehnte sich nach vorne.

„Wovon sprichst du?“

„Davon, dass deine Geschichte nicht stimmt, Großvater“, sagte Sonja endlich. Adrian starrte sie fassungslos an.

„Was redest du …“

„Es gibt keinen Andres Turet, Großvater, und hat es nie gegeben!“, rief Sonja plötzlich und sprang auf. Adrian sah verwirrt zu ihr auf.

„Nicht du auch noch Sonja, niemand sonst hat mir geglaubt. Ich dachte, das zwischen dir und mir wäre etwas anderes“, sagte Adrian leise.

„Ist es auch, ich bin nämlich deine letzte Chance.“

„WIE BITTE?!“, Adrian wurde laut.

„Ich bin nicht hier, um mir deine Geschichte anzuhören, ich bin hier, um dich zu retten, Großvater!“

Sie blickten einander in die Augen. Eine lange Pause entstand zwischen ihnen.

„Ich … ich verstehe nicht …“, begann Adrian von Neuem.

„Ich weiß, und dafür kannst du auch nichts“, seufzte Sonja. Sie kam zu ihm und legte ihre Hände auf seine Knie.

„Großvater, du hast immer nur in deiner eigenen Welt gelebt. Aber du kannst daraus ausbrechen, wenn du es nur willst, davon bin ich überzeugt!“ Ihre Stimme besaß einen flehenden Unterton.

„Großvater, ich erzähle dir jetzt die Wahrheit über den Tag, an dem ihr Andres Turet kennengelernt habt. Ich hoffe, du erkennst dann …“,

Da begann Sonja damit, ihm eine ungeheuerliche Story zu erzählen.

 

* * *

 

Als Sonja ihm ihre Geschichte erzählt hatte, war Adrian eine ganze Weile nicht fähig, irgendetwas zu sagen. Regungslos saß er in seinem Stuhl. Sonja beobachtete ihren Großvater gespannt und klammerte sich an die Hoffnung. Sie tigerte auf der Terrasse herum, unfähig, sich ruhig hinzusetzen. Adrian rannte buchstäblich in seinem Kopf umher und sortierte die Räume seiner Welt. Das ergab alles keinen Sinn. Seine Erinnerungen konnten ihm keinen derartigen Streich spielen! Er musste Sonja davon überzeugen, dass er die Wahrheit erzählte.

Adrian holte Luft: „Sonja, du musst mir glauben. Das ist alles, worum ich dich bitte und warum ich wollte, dass du die Geschichte aufschreibst.“

Sonja unterdrückte ein Schluchzen und kämpfte um ihre Fassung.

„Großvater, es ist …“, begann sie. Doch Adrian unterbrach sie.

„Nein, du musst mir bis zum Ende zuhören, dann wird alles einen Sinn ergeben!“

Sonja kapitulierte. Also schön, sagte sie sich. Bis zum Ende, vielleicht erkannte ihr Großvater dann die Wahrheit? Denn dann würde kein Raum mehr übrig bleiben. Vielleicht konnte sie ihn so aus seiner Welt herausholen.

Sie brauchte nur noch mehr Geduld. EDRE würde sie führen. EDRE war der Schlüssel.

„Und jetzt setz dich wieder, du machst mich ganz verrückt!“, brummte Adrian.

„Ok, ok. Machen wir weiter“, sagte Sonja leise und nahm Platz.

„Fortsetzen“, befahl Sonja ihrem E-MotionBook.

Adrian nahm den Faden seiner Geschichte wieder auf und erzählte, wie es mit Andres Turet weiterging.

„Wir kommen jetzt zu einem sehr, sehr wichtigen Teil der Geschichte“, begann Sonjas Großvater.

 

Andres Turet

2008

Ich nahm die Stufen hoch zur Communication:Agentur und nickte Michaela am Empfang zu. Die anderen Mitarbeiter gingen konzentriert ihrer Arbeit nach, trotzdem grüßte ich jeden Einzelnen und steuerte dann Adrians Schreibtisch an. Adrian und mir war es in den letzten beiden Jahren gelungen, EDRE erfolgreich in die Arbeit der Agentur zu integrieren. Michaelas Stundenplan war hinfällig geworden und ich kam nun regelmäßig in die Agentur. Das Chaos, so wie es mir Adrian noch vor zwei Jahren geschildert hatte, war von EDRE bzw. der Transformation von EDRE beseitigt worden. Nun war EDRE eine kreative Anwendung, welche die Arbeit der Agentur bereicherte und das Auftragsbuch des Kommunikationshauses zum Platzen brachte. Doch ich hatte noch etwas für Adrian. Nun war es an der Zeit, das große Geheimnis zu lüften. Jetzt, da ihre Arbeit Erfolg zeigte und alles in ihrer Umlaufbahn seinen Weg zog. Ich begegnete Adrians Blick, der von einem Stapel Zeichnungen aufsah.

 

Ich führte Adrian einige Minuten später hinab in EDRE – den Keller.

„Wir müssen gemeinsam rein“, sagte ich. Adrian runzelte die Stirn.

„Was hast du nun wieder vor, alter Mann?“, stöhnte Adrian.

„Das sage ich dir gleich“, versprach ich und öffnete die Tür. Zum ersten Mal betraten wir nun gemeinsam EDRE. Zumindest dachte das Adrian.

 

* * *

 

Adrian sah sich in EDRE um. Ich beobachtete ihn dabei.

„Ein leerer Raum, nichts weiter …“, murmelte der jüngere Mann.

„Wir wissen beide, dass er das nicht ist“, sagte ich lächelnd.

„Trotzdem, wir waren noch nie zusammen drin, warum hast du mich hierhergebracht?“, fragte Adrian.

„Um ein Geheimnis zu lüften. Es ist notwendig, dass du alles verstehst, es wird dich noch weiterbringen“, sagte ich. Adrian verschränkte die Arme und sah mich erwartungsvoll an.

„Der Typ, der dir dieses Haus hier geschenkt hat, bin ich“, offenbarte ich ihm ohne weitere Umschweife. Adrian blinzelte geschockt.

„Was …“, entfuhr es ihm.

„Ja. Es war mein Plan, könnte man sagen. An dir wollte ich eine Art von Exempel statuieren.“

„Du warst das?“, wiederholte Adrian. Er suchte nach etwas, woran er sich festhalten konnte, doch der Raum war leer und finster.

„Aber warum und woher kennst du mich eigentlich?“, stotterte er. Adrian musste diese Information immer noch verdauen.

„Ich kenne dich schon mein ganzes Leben lang, Adrian, das ist die Krux daran. Nichts mit diesem Haus war zufällig, oder gar mit uns beiden“, begann ich und erzählte ihm endlich die Wahrheit, die ich so viele Jahre lang für mich behalten hatte.

 

* * *

 

Adrian hatte das Zeitgefühl verloren. Er saß im Hinterhof des Kommunikationshauses auf der schmalen Plattform vor dem Lastenaufzug. Langsam zog er den Rauch seiner Zigarette ein. Die tat ihm gut.

„Adrian?“, eine Stimme riss ihn aus den Gedanken. Es war Carsten, er war aus der Küchentür herausgetreten.

„Hi Carsten“, grüßte ihn Adrian.

„Wie, ähm … geht’s dir?“, fragte Carsten vorsichtig.

„Prima, willst du was Verrücktes hören?“

Carsten antwortete nicht darauf. Adrian erzählte es ihm trotzdem.

„Es war Andres, er war es, der mir das Haus geschenkt hat. Er steckt hinter allem“, erzählte Adrian. Carsten sah Adrian in die Augen. Adrian hatte nicht die leiseste Ahnung, was sein Freund dachte.

„Na, sag doch was dazu, Mensch!“ forderte ihn Adrian auf.

„Was soll ich dazu sagen? Irgendwie überrascht mich das nicht“, sagte Carsten. Adrian schwang sich von der Plattform herab und drückte die Zigarette im Aschenbecher, der daneben stand, aus.

„Du bist komisch, mein Freund. Wie auch immer, ich muss los!“, verabschiedete sich Adrian und ging zu seinem Auto. Er hatte keine Lust auf eine längere Unterhaltung mit Carsten.

Carsten sah Adrian nach. Beinahe hätte er laut aufgelacht, über Adrians Kommentar, er sei komisch. Er ging wieder nach oben in die Press’n’Connection. Es gab viel zu tun. Zumindest seinen Laden hatte Carsten im Griff.

 

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