Was bisher geschah …

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2014

Adrian hatte sich im Konferenzraum der Communication:Agentur eingeschlossen. Ein scharfer Wind peitschte den Regen gegen die Fenster. Nicht nur das Wetter wartete auf eine Veränderung, auch das Haus in der Magirusstraße 33 tat es. Adrian machte das Licht aus. Er brauchte Ruhe, um die letzten Vorbereitungen für den Relaunch der ProzessPiraten abschließen zu können. Adrian wusste, er konnte damit nur Erfolg haben, wenn er nun ganz bei sich war. Und dieses „Bei-Sich-Sein“, war der Schlüssel. Er hatte ihn gefunden, schon damals in der Provence mit Andres, doch Adrian war Umwege gegangen, nein, hatte Umwege in Kauf nehmen müssen, um heute hier zu sein …

 

Adrian schloss den Beamer an, verteilte die Präsentationsmappen auf dem Tisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Minutenlang starrte er regungslos auf die neue Website der ProzessPiraten, die vor ihm auf der Leinwand pulsierte. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und dachte an den durchaus steinigen Weg, der hinter ihm lag: die ProzessPiraten. Marketing Engineering für gestörtes Marketing, EDRE. Adrian schloss die Augen, lauschte dem Regen und glaubte, das Ticken einer Uhr zu hören, das ihn durch die vergangenen Jahre führte.

 

* * *

 

2009 bis 2014

Ein paar Monate nach Adrians Rückkehr aus Frankreich bündelte er mit Andres Hilfe seine gewonnenen Erkenntnisse in einem neuen Geschäftsmodell und hob 2009 die ProzessPiraten aus der Taufe. Der Name war Programm. Gemeinsam mit einem kleinen Team wollte er die Marketingprozesse seiner Kunden kapern und die Führung übernehmen. Er wollte weg von der zwanghaften Fixierung auf Märkte und Kunden. „Wie soll ein Mensch wirklich wissen können, was ein anderer will? Die wenigsten haben die Möglichkeit, ihre Kunden tatsächlich unter dem Mikroskop zu analysieren. Und selbst wenn sie es schaffen, planbare Bedürfnisaussagen zu bekommen, können sie sich auf die Antworten nur begrenzt verlassen. Denn was ein Mensch möchte und was er wirklich braucht sind in der Regel klare Gegensätze“, referierte Adrian in seinen ersten Präsentationen. „Wir haben also zwei Optionen: Entweder fischen wir im Trüben und schließen uns der Meinung von Marktforschern und Wettbewerbern an, die es oftmals auch nicht besser wissen. Oder wir hören auf unsere Kunden und bauen eine Produktstrategie, deren Fundament so stabil ist wie Treibsand. In beiden Fällen verhalten wir uns wie fremdgesteuerte Roboter.“ Das „Not-aus“-Konzept der ProzessPiraten für dieses teuflische Kommunikationskarussell war bestechend einfach: Versöhne dich mit dem Ungewissen und der Ahnungslosigkeit. Selbst die Empathie-Begabtesten werden nie wissen, was andere Menschen wollen. Konzentriere dich auf das, was du beherrschst: deine Kompetenzen, deine Produkte, deine Identität, deine Prozesse. Von diesem ICH-Standpunkt aus kannst du deinen Weg in die Zukunft zu einem großen Teil selbst bestimmen. Nimm Außeneinflüsse an oder verwirf sie und gehe konstruktiv mit Meinungen, Trends und neuen Möglichkeiten um – ohne dich dabei zu unterwerfen. Mit diesem Verantwortungsbewusstsein entstehen authentische Angebote, die eine klare Sprache sprechen – jenseits von überlautem Marketinggeschwätz und wirkungslosen Alleinstellungsarien.

 

Gemeinsam mit verschiedenen Pilotkunden arbeiteten die ProzessPiraten an der Umsetzung dieser Philosophie. Doch was auf dem Papier nach dem Dienstleistungsansatz schlechthin klang, entpuppte sich in der Praxis als Herausforderung. Viele Kunden hatten Mühe, sich mit der Frage nach ihren Wurzeln zu beschäftigen, den einen war es zu zeitraubend, den anderen fehlte der Mut. Und noch etwas stach Adrian ins Auge. Die Leute versanken aufgrund ihrer miesen Marketingabläufe schlichtweg im operativen Chaos. Niemand hatte wirklich Zeit und Muse für die zentralen Fragen der Selbstbestimmung und so setzte Adrian – trotz größerer Widerstände seitens Andres – zunächst einen vorgelagerten Gedanken in die Tat um: „Äußere Ordnung für innere Ordnung“. Mit dem Claim „Durchziehen, statt beraten“ kümmerten sich die ProzessPiraten in den ersten Jahren um die effiziente Orchestrierung komplexer Marketinginfrastrukturen und entwickelten für ihre Kunden neue Geschäftsmodelle. Der Erfolg gab Adrians Strategie recht, gleichzeitig litt er an der Krankheit, die sie ursprünglich hatten ausmerzen wollen: akute Selbstentfremdung. Er hatte EDRE aus den Augen verloren.

 

2013 zogen Andres und Adrian die Notbremse und definierten die ProzessPiraten gemäß ihres ursprünglichen Plans neu. Ihnen wurde klar, dass sie sich rückbesinnen mussten und lancierten die „Panama-Strategie“. Die Panama-Strategie brachte EDRE wieder nach vorne. EDRE war ihr Antrieb gewesen und durfte nicht in einem einsamen Landhaus irgendwo in der Provence verhungern. Adrian dachte an den Text, den er erst vor ein paar Tagen in sein Notizbuch gekritzelt hatte: „Das Wesen eines Produkts und dessen vertriebliche Strahlkraft erschließt sich nicht durch die reine Betrachtung von Form, Funktion, Nutzen und Absatzverhalten. Sein Charakter zeigt sich erst mit dem Blick auf die Identität seines „Erfinders“ sowie auf den Prozess der Produktentstehung und Weiterentwicklung“, hörte er seine Gedanken im Kopf wiederhallen. „Der Aufbau einer starken Produktidentität ist nur über die Reflektion des Unternehmens-ICH möglich. Misst man den Wert eines Produkts an den Wechselfällen und Launen von Märkten und Kunden, geht jegliches Empfinden für unternehmerische Einzigartigkeit und Würde verloren.“

 

Plötzlich hörte das Ticken der Uhr in Adrians Kopf auf und mehrere Stimmen wurden laut. Die Mitarbeiter des Kommunikationshauses standen vor der Tür. Adrian wurde in die Gegenwart zurückgeholt. Der Relaunch begann. Der Wind draußen vor dem Gebäude schien an Kraft zuzulegen, irgendwie passend, dachte sich Adrian schmunzelnd und legte los.

 

* * *

 

Die Mitarbeiter der Communication:Agentur und der Press’n’Connection versammelten sich im Konferenzraum. Adrian wartete bis jeder seinen Platz gefunden hatte, dann begann er und klickte sich durch die einzelnen Folien der Präsentation ihrer neuen Website: www.prozesspiraten.com. Das Konzept dafür stammte von Isamu, der nächtelang Adrians und Andres Ideen in greifbare Bilder umgesetzt hatte.

 

„Unsere Kunden wollen Ansätze, wie man schnell und effizient neue und bestehende Märkte auf- und ausbauen kann“, sagte er. „Und dafür liefern wir Antworten – fernab von ausgetretenen Marketingpfaden.“ Adrian drückte auf die Start-Taste seiner Fernbedienung:

 

Er stoppte das Video und ließ seinen Blick über die Gesichter der beeindruckten, aber auch ratlosen Kollegen schweifen. Adrian fing Andres ermunternden Blick auf, der ganz hinten im Raum an der Wand lehnte. Er wirkte wie ein unbeteiligter Beobachter, dabei wäre der Relaunch der ProzessPiraten und die neue Strategie für gestörtes Marketing ohne ihn nicht möglich gewesen. Wie seltsam, dass so viele Jahre in einem Wimpernschlag verstreichen konnten. Adrian spürte, wie sich die einzelnen Puzzleteile der vergangenen fünf Jahre zusammenfügten und jede einzelne Kellererfahrung zu einem einzigen Bild verschmolz, das EDRE hieß.

„Wir kehren zum Ursprung zurück“, sagte Adrian in die Runde.

„Dafür haben wir die Panama-Strategie entwickelt. Wer von euch kennt die Geschichte ‚Oh, wie schön ist Panama‘?“ Gemurmelte Kindheitserinnerungen waberten durch den Besprechungsraum.

„Panama zeigt uns, dass die Antwort nicht in der Ferne liegt, also anderswo, sondern in uns – dort, wo wir herkommen. Und was bedeutet das für unsere Kunden?“, wollte Adrian von der Runde wissen. Die Kollegen sahen sich fragend an. Adrian sah zu Carsten hinüber. Er kannte die Neuausrichtung bereits und ungeachtet dessen, dass sie in den letzten Jahren oft verschiedener Meinung waren, fand Carsten die Panama-Strategie richtig gut. Carsten grinste und nickte Adrian zu. Er fuhr fort: „Erst wenn sich die Identität eines Unternehmens in seinen Produkten klar widerspiegelt, besitzen diese eine authentische Marktstärke und stabile Zukunftsfähigkeit. Deshalb stellen wir bei der Suche nach Identität acht Fragen …“ Adrian klickte zur nächsten Folie.

 

  1. Wo kommst du her?
  2. Was war die Idee, mit der du angetreten bist, als du deine Produkte und Dienstleistungen auf den Markt gebracht hast?
  3. Welche Meilensteine haben deine Herkunft zur Gegenwart gemacht?
  4. Wie hast du die folgenden Ressourcen allokiert: Zeit, Geld, Energie und Talente?
  5. Welche Versprechen hast du deinen Kunden gegeben, damit sie dir vertrauen?
  6. Was hat dich souverän gemacht?
  7. Worin bist du richtig gut?
  8. Wieso glaubst du an dich selber oder würdest du dich eigentlich lieber erschießen?

 

„Selbstverständlich respektieren wir bei diesen Fragen auch wichtige Faktoren wie Marktentwicklungen, Kundenwünsche oder Wettbewerbsdynamiken. Aber wir wissen, dass nur ein starkes Unternehmens-ICH zu einer Identität verhilft, die authentisch macht. Und nur von diesem Standpunkt aus können Unternehmen in die Zukunft sehen“, fuhr Adrian fort und rief die letzte Folie seiner Präsentation auf. Diese war gleichzeitig der Neuanfang. Sie zeigte einen Kellerraum: EDRE. „Unsere Kunden wollen alle wirksames Marketing machen und fragen dabei konsequent, was sie für ihre Märkte und Kunden tun können. Dieser Fokus hat aber leider keine Wirksamkeit, sondern Fremdsteuerung zur Folge. Und schlimmer noch: Unsere Kunden haben sich, ohne es zu bemerken, immer stärker entfremdet – von sich selbst, ihrem Unternehmen und ihren Produkten.“ Adrian holte tief Luft und fuhr fort: „Diesen Teufelskreis wollen wir durchbrechen. Wir wollen stören, denn Panama ist in jedem von uns, es ist unser ICH. Wir setzen unsere Identität als Störfeld im Kopf ein, um innerlich aufzuräumen. Erst dann sind wir und unsere Kunden überhaupt erst wieder in der Lage, die Dinge aus uns selbst heraus zu gestalten. Wir wollen unsere Zukunft selbst sehen – nicht sehen lassen!“ Die Kollegen waren begeistert. Adrian guckte sich um. Ihm spukte ein Satz des französischen Malers Eugene Delacroix durch den Kopf, der auf die zurückliegenden Jahre wie die Faust aufs Auge passte: Wir arbeiten nicht nur, um etwas zu produzieren, sondern auch, um der Zeit einen Wert zu geben.

Während Adrian redete war es ihm, als stünde er außerhalb seines Körpers – sich selbst beobachtend. Die Panama-Story war der Funken gewesen, der das Feuer zum Brennen gebracht hatte. Heute begann ein neues Kapitel, etwas, das vor zehn Jahren im Keller seinen Anfang genommen hatte. Adrian begegnete Andres Blick und erinnerte sich an die vielen nächtlichen Gespräche in der Roten Flora bei reichlich Bier und Wein …

„Glaubst du, das funktioniert?“, hatte Adrian Andres mehr als einmal gefragt.

Andres war überzeugt. „Ich glaube daran.“

„Aber wie willst du sie dahin bringen? Ich meine, um sich selbst wieder neu zu entdecken?“ hatte Adrian gefragt.

Der Professor hatte gelächelt, als wäre er im Besitz einer uralten Wahrheit: „Durch die Geschichte. Deine Kunden sollen ihre eigene Geschichte erfahren. Verstehst du? Sie sollen am eigenen Leib spüren, dass ein wirksames Kundenversprechen nur auf Basis einer reflektierten Identität möglich ist. Nur mithilfe einer starken Identität können wir die natürliche Komplexität eines Produkts durchdringen und wirksam kommunizieren.“

„Die Panama-Strategie ist also der Weg von innen nach außen“, sagte Adrian.

„Genau, Leute“, rief Andres durch den Besprechungsraum. „Sie löscht die Festplatte des Gelernten, wodurch wir wieder an den Anfang zurückgeschleudert werden. Mit der Frage: Wer bin ich und was will ich?“

Die beiden Männer schauten sich durch den Raum hinweg an. Die letzten Jahre hatten ein seltsames wie einzigartiges Band zwischen ihnen geknüpft, das kaum jemand verstand. Nach der Präsentation der ProzessPiraten gab es viel Diskussions- und Gesprächsbedarf unter den Kollegen des Kommunikationshauses.

Die kommenden Jahre würden die neue Strategie des gestörten Marketings auf eine harte Probe stellen. Denn selbst für die mutigsten Menschen war die Konfrontation mit der eigenen Identität eine Herausforderung.

War der Mensch überhaupt in der Lage, sich selber zu sehen, oder war Identität so etwas wie Mundgeruch: ein Umstand den man selbst erst bemerkte, wenn ein anderer die Nase rümpfte?

 

* * *

 

In den folgenden Monaten wanderten die Kollegen der Communication:Agentur wie neugierige Schüler um den neuen und regelmäßig verwaisten Schreibtisch herum, der ein paar Schritte von Adrians Reich entfernt stand. Er gehörte Andres Turet. Adrian hatte verkündet, dass Andres nun aufgrund seiner Störfeldforschungen einen festen Platz im Haus einnehmen würde, um das Marketing Engineering der neuen ProzessPiraten voranzutreiben. Zudem bat Adrian das gesamte Team darum, Andres wie ein vollwertiges Mitglied zu behandeln. Schließlich hatte der Mann viel für das Haus getan, auch wenn die meisten Mitarbeiter davon operativ kaum etwas mitbekommen hatten.

 

Michaela und die anderen wussten nicht so recht, wie sie mit dem kauzigen Professor umgehen sollten, der sich in der Folgezeit nie an Termine hielt und immer nur dann blicken ließ, wenn es ihm gerade passte. Michaelas Versuch, konkrete Office-Zeiten auszumachen, scheiterten alle. Sie begriffen schnell, dass man Andres Turet nicht festnageln konnte. Er ging entweder lange bevor die ersten Kollegen eintrafen oder kam nachdem der letzte das Licht gelöscht hatte. Man sah ihn irgendwie nie.

 

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