Was bisher geschah …

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2014

Isamu Takimoto

Isamu konnte sich kaum noch daran erinnern, wann er das letzte Mal geschlafen hatte. Seit Tagen beschäftigte sich der Programmierer mit einer Website, welche die Strategie des gestörten Marketings noch wirkungsvoller unterstützen sollte. Isamu war ein glühender Fan der neuen ProzessPiraten-Idee und mochte Adrians Präsentationsart. Sie hatte Isamu von Anfang an mitgerissen. Die aktuelle Arbeit stellte jedoch außergewöhnliche Anforderungen an ihn und es war alles andere als einfach, Adrians Vorstellungen zufriedenstellend umzusetzen. Der Arbeits- und Zeitdruck war immens. Er hatte schon seit Wochen das Gefühl, nicht mehr bei sich zu sein. Der einzige Ort, der ihm half, seine Gedanken zu fokussieren und ja, bei sich zu sein, war EDRE. Doch nach wie vor war die Zeit, die jedem im Keller des Hauses zur Verfügung stand, streng limitiert. Michaelas und Carstens Regeln hatten sich nicht geändert: Wer gegen den Stundenplan verstieß, bekam einen äußerst schmerzhaften, verbalen Einlauf. Doch Isamu hatte einen Weg gefunden, seine EDRE-Zeit zu erweitern und heute würde er es wagen …

Er hatte vor, die ganze Nacht dort zu verbringen und so hoffentlich das Projekt erfolgreich abschließen zu können. Michaela hatte seinen Zeitverzug bereits angemahnt. Viele Neukundenprojekte warteten auf dringende Bearbeitung.

Isamu konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass die Stunden vor seinem Eintauchen in EDRE seine letzten im Kommunikationshaus sein würden.

Bereits vorgestern Abend hatte er den Kellerschlüssel aus Michaelas Safe gestohlen und ein augenscheinliches Duplikat deponiert. Mithilfe eines universalen Codeworts, dem selbst die Höhlen der großen Märchenerzähler machtlos ausgeliefert waren, hatte er einen Binärschlüssel für das elektronische Sicherheitssystem des Safes entwickelt und eingespeist:

0101 0011 0110 0101 0111 0011 0110 0001 0110 1101 0010 1100 0010 0000 1100 0011 1011 0110 0110 0110 0110 0110 0110 1110 0110 0101 0010 0000 0110 0100 0110 1001 0110 0011 0110 1000 0010 0001[1]

Für Isamu stellte Software Engineering das universale Versprechen dar, alle Herausforderungen mittels intelligenter Zahlenfolgen lösen zu können. In seinen Augen war es das Werkzeug, das ihn zum Architekten seiner eigenen Welt machte.

Um in der pedantischen Michaela keinen Argwohn zu wecken, durfte er nichts dem Zufall überlassen. Doch bislang hatte niemand etwas bemerkt. Als das Haus am späten Abend dunkel und verwaist im Schatten der Bäume schlief, war es endlich soweit. Ein altes japanisches Sprichwort besagt: Regeln sind dazu da, sie zu überwinden, um zu erforschen, was dahinter liegt. Isamu hatte nie verstanden, warum der Keller überhaupt Regeln brauchte. Der Programmierer betrat EDRE und nahm sich vor, erst wieder zu gehen, wenn er zu sich selbst zurückgefunden hatte und ganz bei sich war.

 

* * *

Im Traum löste sich die Welt auf. Isamu war zurück in Tokio. Doch anstatt den vertrauten Straßenzügen zu folgen, schwebte er in die 80 104 105 108 104 97 114 109 111 110 105 101 13 10 13 10 und wurde Zeuge, wie seine Cousine die Geige im 103 114 111 223 101 110 32 79 114 99 104 101 115 116 101 114 13 10 13 10[2] spielte. Er lauschte 66 101 101 116 104 111 118 101 110 115 32 57 46 32 83 121 109 112 104 111 110 105 101 13 10 13 10, während ihm die Tränen 252 98 101 114 32 100 105 101 32 87 97 110 103 101 110 32 114 111 108 108 116 101 110. Raum und Zeit zerflossen in Klang und Ton. Die Welt wurde zu einem Ort, den er gestalten konnte, wie es ihm gefiel. Er war der Architekt seines Universums. Die Welt war programmierbar, sie war eine Symphonie aus Zahlen …

70 114 101 117 100 101 44 32 115 99 104 246 110 101 114 32 71 246 116 116 101 114 102 117 110 107 101 110 44 13 10 84 111 99 104 116 101 114 32 97 117 115 32 69 108 121 115 105 117 109 46 32 13 10 87 105 114 32 98 101 116 114 101 116 101 110 32 102 101 117 101 114 116 114 117 110 107 101 110 44 13 10 72 105 109 109 108 105 115 99 104 101 44 32 100 101 105 110 32 72 101 105 108 105 103 116 104 117 109 33 13 10 68 101 105 110 101 32 90 97 117 98 101 114 32 98 105 110 100 101 110 32 119 105 101 100 101 114 13 10 87 97 115 32 100 105 101 32 77 111 100 101 32 115 116 114 101 110 103 32 103 101 116 101 105 108 116 59 13 10 65 108 108 101 32 77 101 110 115 99 104 101 110 32 119 101 114 100 101 110 32 66 114 252 100 101 114 44 13 10 87 111 32 100 101 105 110 32 115 97 110 102 116 101 114 32 70 108 252 103 101 108 32 119 101 105 108 116 46 13 10

74 97 44 32 119 101 114 32 97 117 99 104 32 110 117 114 32 101 105 110 101 32 83 101 101 108 101 13 10 83 101 105 110 32 110 101 110 110 116 32 97 117 102 32 100 101 109 32 69 114 100 101 110 114 117 110 100 33 13 10 85 110 100 32 119 101 114 39 115 32 110 105 101 32 103 101 107 111 110 110 116 44 32 100 101 114 32 115 116 101 104 108 101 13 10 87 101 105 110 101 110 100 32 115 105 99 104 32 97 117 115 32 100 105 101 115 101 109 32 66 117 110 100 33 13 10 13 10

 

* * *

„Verdammt, wo hast du nur deinen Kopf“, brummte Michaela vor sich hin, als sie ihre Wohnungstüre hinter sich ins Schloss warf. Wieder einmal war sie völlig in Gedanken gewesen, als sie die Agentur verlassen hatte, ohne ihre mittäglichen Einkäufe im Kühlschrank der Kaffeeküche mitzunehmen. Müde und genervt steckte sie ihren Autoschlüssel ins Zündschloss. Sie musste zurück ins Büro, wenn sie nicht mit knurrendem Magen einschlafen wollte. Es war bereits kurz nach 23 Uhr und sie erwartete nicht, dass noch irgendjemand arbeitete – nicht einmal Adrian. Doch als die Scheinwerfer ihres Wagens den Innenhof der Magirusstraße 33 beleuchteten, entdeckte sie Isamus Bike unter dem Wellblechdach des baufälligen Carports. Michaela zog verwundert die Stirn kraus. Isamu würde sein geliebtes Fahrrad doch niemals über Nacht stehen lassen, er fuhr bei jeder Witterung. Er war zwar ein verrückter Kerl, doch sie hatte ihn sehr gerne.

Michaela parkte ihr Auto und stieg aus. Alles schien normal zu sein und doch beschlich sie eine merkwürdige Ahnung, dass irgendetwas anders war. Das Gebäude wirkte heute wie ein atmender Organismus. Eine Gänsehaut kroch Michaela den Rücken hinauf. „Jetzt komm, fang du nicht auch noch an zu spinnen!“, rief Michaela sich selbst zur Ordnung. Sie schritt auf die Küchentüre zu, holte ihren Hausschlüssel heraus und schloss auf. „Oh Mann, hier stimmt was ganz und gar nicht“, entfuhr es ihr, als sie einen fremdartigen, metallischen Geruch wahrnahm. Sie schaltete das Licht ein, ging durch die Küche und öffnete die Tür zum Eingangsbereich. Ihre Einkäufe waren völlig vergessen. Auf dem Weg zum Konferenzzimmer blieb sie abrupt stehen, rieb sich die Schläfen und blinzelte. Ihr Blickfeld schien sich auf skurrile Weise zu verengen, vor ihren Augen verschwammen die Konturen des Raumes mehr und mehr … die Farben, die Proportionen – alles floss ineinander. Gleichzeitig pulsierte der Raum wie ein geschäftiger Marktplatz an einem Samstagmorgen. Was war hier nur los?

Michaela hustete und wischte sich erneut über die Augen. Sie stolperte, hielt sich an der Wand fest und zog an der schweren Zwischentüre aus Glas. Der beißende Geruch wurde schlagartig stärker. Michaela wusste instinktiv, wo der Ursprung des ekelhaften Gestanks zu finden war. Sie wandte sich nach links und ging Stufe für Stufe hinab in den Keller. Unten angekommen, sah sie die Kellertüre weit offen stehen. Einzig ihr Gefühl für die gewohnte Umgebung leitete sie noch, während sich der Raum um sie herum in etwas verwandelte, das sich jenseits der Realität befand. Erinnerungen – ein Burgtor, eine endlose Blumenwiese, dann, etwas anderes … Mit der Vehemenz einer Brechstange drängte sich ein Bild in ihren Kopf: ein unendlich langer Tunnel mit vollen Aktenschränken an den Wänden.

„ISAMU!“, rief Michaela. Sie erreichte die Tür zum Keller – zu EDRE. Im Inneren war es stockdunkel. Sie schaute hinein und sah nichts als Schwärze, doch sie hörte etwas – ein Stöhnen.

„ISAMU!“ schrie sie und kramte hektisch nach ihrem Smartphone. Seltsam, ihre Bewegungen wirkten wie in Zeitlupe. Sie brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie ihr Telefon aus der Hosentasche befreit hatte. Mit fahrigen Fingern schaltete sie die Taschenlampe ein und entdeckte Isamus zusammengekrümmten Körper auf dem Boden. Sie stürzte auf ihn zu und rüttelte an seinen Schultern, doch der Programmierer war nicht ansprechbar. Ein einzelner klarer Gedanke brach sich Bahn: „110“.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang wie aus einer fernen Galaxis, ein endlos nachhallendes Echo bohrte sich in ihr Gehirn. Aus ihrem Mund kamen Worte, die sich fremd anhörten.

Michaela blieb bei Isamu, bis sie sich urplötzlich im Innenhof der Magirusstraße 33 wiederfand, um sie herum ein Durcheinander an Stimmen und Blaulichtern – das Notarztteam. Michaela sah die Sterne über sich am Himmel. Ein Sanitäter, den sie wegen seiner Atemschutzmaske kaum als solchen erkannte, gab ihr Sauerstoff. Langsam wurde Michaela wieder klar im Kopf und sah, wie ein verkabelter Isamu eilig in den Krankenwagen geschoben wurde.

 

* * *

Frank Reuther war Oberarzt des Universitätsklinikums in Ulm. Einen Patienten mit derart schweren Vergiftungssymptomen hatte er schon lange nicht mehr behandelt. Frank studierte das Krankenblatt des jungen Japaners, der im Laufe der Nacht eingeliefert worden war. Eine Kollegin hatte ihn bewusstlos in einem Kellerraum ihrer Arbeitsstätte gefunden. Die ersten Tests ergaben eine extrem hohe Dosis eines äußerst seltenen Gasgemischs, dessen Stickgasgehalt bei mehrstündiger Exposition lebensgefährlich war. Wäre der Patient nur wenige Stunden später gefunden worden, hätten sie nichts mehr für ihn tun können. Frank Reuther war von den Assistenzärzten hinzugerufen worden, die nicht so recht wussten, wie sie verfahren sollten. Der Oberarzt orientierte sich zunächst an den normalen Anzeichen einer Kohlenmonoxidvergiftung. Als erstes stabilisierten sie die Vitalfunktionen, dann wurde der Patient in eine Überdruckkammer zur Sauerstoffbehandlung gebracht. Doch dies waren nur einige Schritte von vielen. Der junge Mann hatte, so viel stand bereits fest, eine längere Therapie vor sich. Nachdem er schnell wieder zu Bewusstsein gekommen war, halluzinierte er und sprach in unzusammenhängenden Zahlenreihen. Erst am vierten Tag seines Krankenhausaufenthalts war er wieder fähig gewesen, in einigermaßen klaren Worten zu kommunizieren. Seine Retterin Michaela Konradt hatte Glück im Unglück gehabt und lediglich minimale Vergiftungssymptome gezeigt. Nach zwei Tagen engmaschiger Beobachtung konnte sie bereits nach Hause entlassen werden.

Was dem Oberarzt zudem keine Ruhe ließ, war der Unfallort. Denn der Ursprung des hochgefährlichen, halluzinogenen Gasgemischs lag im Raum, in dem die junge Frau den Patienten gefunden hatte. Er musste sofort mit den Verantwortlichen des Hauses sprechen, bevor noch Schlimmeres geschah.

[1] Des Rätsels-Lösung: Ali Baba. Oder: Binärsystem, http://www.robertecker.com/hp/research/leet-converter.php?lang=de

[2] American Standard Code for Information Interchange (ASCII, http://www.robertecker.com/hp/research/leet-converter.php?lang=de)

 

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