Was bisher geschah …

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2014

Carsten tigerte unruhig im Innenhof der Agentur auf und ab und wartete darauf, dass das Einsatzkommando der Feuerwehr endlich aus dem Keller auftauchte.

Er hatte umgehend alle Kollegen aus dem Haus gescheucht und einen Notruf abgesetzt, nachdem er den Anruf aus der Klinik bekommen hatte. Isamus Arzt, ein Doktor Reuther, hatte zunächst vergeblich versucht, Adrian zu erreichen und war dann von der ebenfalls kranken Michaela an ihn verwiesen worden. Nach einer gefühlten Ewigkeit erschienen die Männer in der Küchentüre und legten ihre Atemschutzgeräte ab.

„Also?“, fragte Carsten ungeduldig.

Ein kräftiger Typ, mit dem sich Carsten lieber nicht anlegen wollte, wischte sich über das Gesicht. „Wir müssen natürlich noch einige weiterführende Untersuchungen vornehmen, bevor wir ein offizielles Gutachten erstellen können, aber …“

„Wie sieht es aus?“, unterbrach ihn Carsten.

„Wir müssen den Raum umgehend versiegeln und das Gebäude evakuieren. Zwar wissen wir im Moment nicht genau, womit wir es hier zu tun haben, aber die bislang erfassten Werte sind auf jeden Fall gefährlich für das menschliche Nervensystem“, riet der Fachmann.

In den folgenden Minuten hörte Carsten den detaillierten Ausführungen konzentriert zu, ließ sich dann noch ein paar Unterlagen geben und die Männer schließlich ihre Arbeit tun. Er konnte sowieso nichts daran ändern. Aber nun hatte er wenigstens Gewissheit. Für den Keller gab es eine logische, wissenschaftliche Erklärung und sie war gefährlich: Es war das Gas gewesen, das die Halluzinationen – aber eben auch die Inspirationsschübe – bei den Kollegen ausgelöst hatte. Zwar war es nach Ansicht der Fachleute wohl kein Problem, das Gebäude nach der Beseitigung des Lecks und der vorsorglichen Versiegelung des Kellers wieder zu benutzen, doch Carstens Welt schien ernsthaft zu wanken. Er machte sich Vorwürfe – hätte er doch nur auf sein Bauchgefühl gehört. So wichtig der Keller auch für die Entwicklung der ProzessPiraten-Strategie gewesen war – genug war genug. Das Panama-Konzept kam auch ohne EDRE aus. Es war an der Zeit für klare Worte!

 

Andres Turet

Ich bemerkte Carsten erst, als mich eine Salve der Empörung traf: „Hast du davon gewusst, ja oder nein?!“

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

„Der Keller, eure ach so tolle EDRE-Schöpfung. Es strömt Gas aus der Wand und das hätte Isamu beinahe das Leben gekostet“, rief Carsten in hellem Zorn. Dann wandte er sich an alle Mitarbeiter, die sich im Hof zusammendrängten: „Hört ihr, der Keller an sich hat nichts magisches. Es ist die halluzinogene Substanz darin, das ist alles!“

Zwischen den Kollegen wurde es totenstill, alle hatten von Isamu gehört. Carsten drehte sich wieder zu mir um und taxierte mich.

Da es nicht meinem Stil entspricht, in der Öffentlichkeit zu streiten, bat ich Carsten, mit mir in die Küche zu gehen, um unter vier Augen darüber zu sprechen. Doch er wiegelte ab: „Nein, es sollen alle hören, keine Geheimnisse mehr!“

Langsam wurde ich zornig, doch Carsten ließ mich nicht zu Wort kommen.

„Sag schon, du warst der anonyme Hausschenker, Adrian hat es mir erzählt. Also wusstest du auch von dem Gas. Wir waren die ganze Zeit über nichts anderes als deine Versuchskaninchen!“, brüllte Carsten.

Ich blieb ruhig und ließ ihn zu Ende toben. Natürlich tat es mir unglaublich leid, was Isamu in EDRE widerfahren war, aber ich hatte keine Ahnung von irgendwelchen Gefahren gehabt. Ich war genauso bestürzt wie Carsten, doch er glaubte mir nicht.

„Ihr und eure Störfeldforschungen, du wusstest genau, wie gefährlich der Keller ist und hast uns für deine Zwecke benutzt!“

„Das ist doch Unsinn, Carsten. Außerdem haben die Störfeldforschungen der Agentur gut getan. Schau dich doch nur um, wie erfolgreich ihr jetzt seid. Was mit Isamu passiert ist, war ein schrecklicher Unfall. Und ich schwöre dir, dass ich nichts von dem Leck wusste!“ beteuerte ich.

„Das ist mir egal. Der Keller wird zugemacht und zwar für immer. Es ist vorbei. Und ich sag’ dir noch was: Es wäre besser, wenn du dich gleich darin einschließt und nie mehr wieder rauskommst!“

Mir blieb die Luft weg. Alle Augenpaare waren auf mich gerichtet – sie starrten mich an. Ich beherrschte mich nur mit Mühe, derart respektlos war ich noch nie behandelt worden. Ich wollte dem undankbaren Mistkerl alles Mögliche entgegenschleudern, aber ich schwieg. Ich stand auf, sah mich um und wusste, dass es Zeit war, loszulassen. Ohne ein weiteres Wort verließ ich den Hof, wobei sich Carstens wütender Blick in meinen Rücken bohrte.

 

* * *

 

Adrian nahm Andres’ Anruf im Auto entgegen. Dieser schilderte in knappen Worten die Auseinandersetzung mit Carsten und informierte ihn über das gefährliche Gas im Kellerraum.

Adrian war erschüttert. Minutenlang ließ er seine Gedanken ziellos schweifen, bis der Professor weiterredete und ihm aus der Seele sprach: „EDRE wurde in diesem Keller geboren, Adrian, aber wir brauchen ihn nicht länger. Die Panama-Strategie steht. Und es ist auch nicht notwendig, dass ich weiterhin vor Ort bin.“

„Was soll das heißen?“, fragte Adrian.

„Dass wir beide weiterhin zusammenarbeiten werden, immerhin haben wir noch viel Arbeit vor uns. Aber ich werde keinen Fuß mehr in die Agentur setzen.“

„In Ordnung“, sagte Adrian. Doch es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Er war genauso bestürzt wie die anderen über Isamus Zusammenbruch. Und nun, wo alle Kellererlebnisse auf das Gas zurückzuführen waren, war sich Adrian nicht mehr sicher, was er eigentlich glauben sollte …

„Andres, du wusstest nichts …“, hakte er nochmals nach.

„Natürlich nicht!“, antwortete der Professor prompt.

Adrian schwieg eine Weile. Er fuhr eine verlassene Landstraße entlang.

„Aber dieses halluzinogene Gas, all die Dinge … Was macht das aus EDRE?“ fragte Adrian.

„Das, was es immer war, Adrian. Bewerte EDRE nicht anhand der aktuellen Ereignisse, sondern durch dich selbst. Nur das zählt. Ich muss jetzt Schluss machen, wir hören uns“, verabschiedete sich Andres und legte auf. Adrian warf sein Telefon auf den Beifahrersitz. Nach Hause wollte er nicht, dazu war er zu aufgewühlt. Im Radio lief Bruce Springsteen, der davon sang, dass alles einen Preis hatte. Er drehte das Radio laut, kurbelte das Fenster runter und zündete sich eine Zigarette an. Seltsam, wie ein Song das eigene Leben so exakt widerspiegeln konnte. Die kratzige Stimme des „Boss“ brüllte ihm aus der Seele und Adrian genoss für einige Minuten das schwerelose Gefühl, sich ganz in einem Song zu verlieren. Er fuhr aus der Stadt, hoch zur Wilhelmsburg und parkte seinen Wagen vor den massiven Festungsmauern. Adrian war als Junge oft hier gewesen, daher kannte er das Gelände wie seine Westentasche. Der Turm war immer offen – auch heute Nacht. Adrian schaltete die Taschenlampe seines Smartphones ein und stieg die ausgetretenen Steinstufen hinauf. Oben angekommen, eröffnete sich ein fantastischer Blick auf Ulm und das Lehrer Tal. Adrian trat an den Rand der Plattform und ließ den Blick schweifen. Er dachte an EDRE, Andres und Isamu. Vor seinem inneren Auge erschienen seine Kinder, die friedlich in ihren Betten schliefen und er konnte Emily hören, die ihn bat, nach Hause zu kommen. Es war Zeit, den Preis zu bezahlen. Das war die Erkenntnis dieser Nacht. Adrian hörte noch immer Bruce Springsteens Stimme in seinem Kopf. Er atmete tief durch und nickte sich selbst zu … er hatte soeben eine Entscheidung getroffen.

 

 

You make up your mind, you choose the chance you take
You ride to where the highway ends and the desert breaks
Out on to an open road you ride until the day
You learn to sleep at night with the price you pay


Now with their hands held high, they reached out for the open skies
And in one last breath they built the roads they’d ride to their death
Driving on through the night, unable to break away
From the restless pull of the price you pay

 

***

Einige Wochen später waren alle Untersuchungen abgeschlossen. Die Feuerwehr hatte das Leck gefunden und kurze Zeit später den nun sicheren Keller endgültig versiegelt. Es war zu Ende.

„Das war die richtige Entscheidung“, sagte Carsten.

„Uns blieb gar keine andere Wahl“, erwiderte Adrian. Die beiden alten Freunde sahen sich an.

„Fällt es dir schwer, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?“, fragte Carsten.

„Nein, aber weißt du was, wir machen jetzt einfach weiter“, sagte Adrian und verschwieg Carsten damit, wie es seit jener Nacht auf der Wilhelmsburg in ihm brannte.

„Das finde ich gut, mein Freund“, sagte Carsten. Er war erleichtert darüber, wie vernünftig sich Adrian anhörte und klopfte ihm auf die Schulter – eine alte Geste zwischen ihnen, die lange ausgeblieben war.

„Komm, lass uns ins Primo Piatto gehen und darüber reden, wie wir die ProzessPiraten weiter ausrichten“, schlug Adrian vor. Carsten lächelte erfreut.

Sie wendeten sich von EDRE ab, in dem Bewusstsein, dass Panama nun in ihnen war und keinen Raum mehr brauchte … sie waren gespannt darauf, wo auch immer sie dieses Wissen hinführen würde.

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