Was bisher geschah …

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2055

Sonja

Der Limonadenkrug zerschellte auf den Holzplanken der Terrasse, geschockt schaute Adrian seine Enkelin an. Sonja atmete tief durch und versuchte, ihre Worte sorgfältig zu wählen.

„Was ist denn in dich gefahren?“, rief Adrian aus.

„DU!“, flüsterte Sonja und blickte ihren Großvater an.

„Großvater, du glaubst so felsenfest an deine Geschichte, dass jedes Wort aus deinem Mund weh tut“, sagte sie.

Adrian schlug mit der Faust auf den Tisch. „Jetzt hör mir mal zu! Was ich dir erzähle, ist die Wahrheit!“

„Nein, die Wahrheit, Großvater, sieht ganz anders aus.“

Sonja wusste, dass es nun an der Zeit war, zu springen. Sie musste in den Kopf ihres Großvaters eintauchen – wie diese Psychologin in dem absurden Blockbuster „The Cell“. Wer war gleich nochmal die Hauptdarstellerin gewesen … ach ja, Jennifer Lopez, die Frau mit dem unnatürlich proportionierten Hinterteil. Es hieß ja, viele Männer würden auf ausladende Formen stehen, was sie im Übrigen nicht glaubte. Ein wirklich komischer Film … Sonja hatte ihn damals nicht gemocht, aber vielleicht war diese Abneigung auch nur darin begründet, dass ihr Freund Robert sie dauernd befummelt hatte. Huh, sie konnte das Gefühl seiner klammen, ungeschickten Finger noch immer in ihren Erinnerungen abrufen … na ja, Gott sei Dank, dass …

STOPP!!!

Sonja rieb sich die Schläfen und zwang sich dazu, ihre Gedanken zu fokussieren. Es war ihr in letzter Zeit immer öfter passiert, dass sie einfach wegdriftete, so als würde sie in einem endlos scheinenden Episodenfilm von Szene zu Szene springen.

„Ist alles okay, mein Kind?“, durchbrach Adrian ihre Gedankenflut. Sie sah ihren Großvater an und stellte bekümmert fest, wie besorgt er um sie war. Dabei sollte sie es sein, die sich Sorgen machte – und das tat sie auch!

„Alles okay, ich war nur kurz abgelenkt“, erwiderte sie und atmete tief durch.

„Andres Turet hat dir nie das Haus in der Magirusstraße 33 geschenkt. Du warst es selbst und hast damit unsere Familie ruiniert. Großmutter hat sich von dir getrennt, als sie es mit dir und Andres Turet nicht mehr ausgehalten hat.“

Adrian starrte Sonja überwältigt an.

„W-wieso sollte ich so etwas tun?“, stotterte er wie vom Donner gerührt. Sonja redete weiter, als hätte sie ihn nicht gehört:

„Weißt du, warum dich die Kollegen in den Jahren, nachdem Andres Turet aufgekreuzt ist, immer so komisch angeschaut haben? Weißt du, warum das erste Treffen mit Andres, dir, Carsten und Oma damals so aus dem Ruder lief?“

Adrian öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Sonja kam ihm zuvor.

„Weil es keinen Andres Turet gibt, Großvater. Weil DU Andres Turet bist!“

Adrian barg sein Gesicht in den Händen.

„Du auch, du glaubst auch daran?“

„Daran gibt es nichts zu glauben – ES IST SO“, stellte Sonja klar. Sie nahm seine Hände, drückte sie zärtlich und begann, ihrem Großvater die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Hin- und hergerissen zwischen Unglauben, Widerstand und Entsetzen schaute Adrian in das Gesicht seiner Enkelin und lauschte ihren Worten. Er rang mit sich. In den Scherben des Glaskrugs brach sich das Tageslicht und Adrians Geist spiegelte sich in den unterschiedlichen Bruchstücken.

 

Andres Turet lief durch die Agentur, saß an seinem Schreibtisch, arbeitete und redete mit den Kollegen, doch in Wahrheit war es Adrian. Die Mitarbeiter der Communication:Agentur machten mit der Zeit einen großen Bogen um ihren Chef und wussten nicht mehr, wie sie auf sein seltsames Verhalten reagieren sollten. Spielte ihnen Adrian etwas vor und gehörte das alles nur zu einem neuen kreativen Trick? Die Kollegen waren unsicher und konnten nicht mehr zwischen Adrians „normaler“ Verrücktheit und diesem neuen Zustand unterscheiden. Fest stand nur, dass Adrian und Andres ein und dieselbe Person waren. Und dass manche Räume seiner Erinnerungen nichts weiter waren als Geschichten. Es gab keinen magischen Keller, kein Gas, welches aus den Wänden strömte und auch nicht den Ausflug in die Provence. All dies gehörte zu Andres Turet und Andres Turet war eine Erfindung von Adrians Geist. Die Entwicklung der Panama-Strategie und die Geburt der ProzessPiraten waren nicht das geniale Ergebnis eines schrulligen Professors gewesen, sondern das inspirierte Gemeinschaftswerk der Agenturgruppe – ein steiniger Weg voll harter Arbeit, Kreativität, Mut und Teamwork.

 

Verblasste Erinnerungsfetzen trieben an die Oberfläche von Adrians Bewusstsein. Er war Adrian, er war Andres und er war …

Sein Rücken machte ihm schwer zu schaffen. Das lange Sitzen tat einem Mann seines Alters einfach nicht gut. Er musste sich etwas entspannen, rutschte in eine bequemere Position und sah zu, wie sein innerer Filmvorführer vergeblich versuchte, die Rolle der verlorenen Jahre einzulegen. Seine Enkelin sah ihn beklommen an, nahm seine Hände und begann zu erzählen.

 

***

2015

Emily klammerte sich an einen Pappbecher mit heißem Früchtetee. Sie starrte in die kreisende Flüssigkeit, als wäre sie ein Orakel. Aber Früchtetee konnte leider keine Zukunftsprognosen abgeben, es war einfach nur beschissener Tee. Emily sah auf, als Carsten seine Hand auf ihren Unterarm legte. Ihr langjähriger Freund gab bereits seit Tagen sein Bestes, ihre düstere Stimmung zu vertreiben – bislang ohne Erfolg.

„Alles wird gut, du wirst sehen“, sagte Carsten. Doch sie hörten beide den verzweifelten Unterton, der seine Worte Lügen strafte. Ein Gong ertönte durch die Sprechanlage, die eine ihr unbekannte Ärztin zu einem der Behandlungszimmer rief. Carsten und Emily wurden sich wieder bewusst, wo sie sich befanden.

Das Café, in dem sie Platz genommen hatten, glich den typischen Krankenhauscafés aufs Haar – mit dem kleinen Unterschied, dass die Glastüren allesamt verschlossen waren und im ganzen Raum kein spitzer Gegenstand zu finden war, dafür überall Plastik. Die Gespräche waren gedämpft. Kalkweißer Beton umgab sie, wobei vereinzelte bunte Landschaftsbilder vergeblich versuchten, die triste Stimmung zu vertreiben. Carsten und Emily fühlten sich auf eine Weise unbehaglich, die kaum zu beschreiben war.

Schließlich bemerkte Emily den eilig auf sie zukommenden Arzt. Er wirkte erfahren und kompetent, beinahe wie ein vorbildlicher Fernsehdoktor, den nichts aus der Ruhe bringen konnte.

„Frau Dister, ist es möglich, alleine mit Ihnen zu sprechen?“

Emily schüttelte den Kopf und griff hilfesuchend nach Carstens Arm. „Er ist ein enger Freund der Familie …“, sagte sie. Der Arzt nickte verständnisvoll. Auf seinem Namensschild stand: Dr. Friedrich. Der Psychiater zog sich einen Plastikstuhl heran und legte seine Hände auf den am Boden festgeschraubten Tisch. Sie waren sehr gepflegt, beinahe wie die einer Frau.

„Es tut mir leid, keine besseren Nachrichten für Sie zu haben, aber es ist schlimmer als wir bisher angenommen haben. Es sind mehrere …“, begann der Arzt. Emily versteifte sich, sie suchte Carstens Hand. Dann begann Dr. Friedrich einen unglaublich komplizierten Vortrag über eine grausame Krankheit zu halten, der sie über Adrians Zustand ins Bild setzte.

 

***

Andres Turet

Adrian stand mit dem Rücken zu mir am Fenster und schaute hinaus auf den angrenzenden Wald.

„Hallo Adrian“, grüßte ich ihn. Adrian drehte sich um.

„Andres!“ Adrian kam auf mich zu und umarmte mich. „Mensch, was machst du denn hier?“

„Ich dachte, du könntest etwas Gesellschaft gebrauchen“, antwortete ich. Adrian lächelte dankbar, dann verfinsterte sich sein Gesicht.

„Oh ja, das könnte ich in der Tat.“ Er setzte sich auf das ungemachte Bett, an seinem Handgelenk schimmerte ein silberfarbenes Armband. Adrian steckte in Shorts und T-Shirt und gab ein jämmerliches Bild ab.

Ich kam mir ziemlich blöd dabei vor, mit schwarzem Hemd und Sakko vor ihm zu stehen. Warum nur hatte ich mich so angezogen, Herrgott noch mal?!

„Die halten mich für verrückt, Andres, die glauben, ich habe den Verstand verloren!“, beklagte sich Adrian.

Ich verschränkte die Arme und ließ mir mit meiner Antwort Zeit.

„Du bist vielleicht etwas über’s Ziel hinausgeschossen. Du hast zu viel gearbeitet und deine Familie vernachlässigt“, begann ich. Adrian stützte das Gesicht auf seine Hände.

„Die verstehen alle überhaupt nichts. Sie haben keine Ahnung, wo die Störfelder hinführen!“

„Ja, ganz genau. Und deswegen musst du daran festhalten. Lass dich nicht von den Störfeldern abbringen, die wir erforscht haben – sie sind auch der Schlüssel zu DIR!“, beschwor ich ihn. Adrian breitete hilflos die Hände aus.

„Sie haben mich eingesperrt, schon vergessen?!“, rief er ungehalten.

„Ach Quatsch, du bist in keiner geschlossenen Anstalt, du kannst jederzeit gehen!“, rief ich ihm ins Gedächtnis. Adrian erstarrte.

„Aber du musst jetzt sehr dringend etwas erkennen, Adrian“, begann ich so ruhig wie möglich. Er schaute mich an wie ein geprügelter Hund.

„Die Störfelder sind der Schlüssel zu dir, wende sie nicht nach außen an, sondern nach innen!“, rief ich ihm ins Gedächtnis.

Doch Adrian wollte davon nichts hören: „Meine Frau hat sich von mir getrennt, meine Kinder sehe ich nur noch jedes zweite Wochenende, wenn ich Glück habe. Das ist alles nur deine Schuld!“, schrie er mich plötzlich an.

Darauf war ich nicht vorbereitet.

„Was sagst du da! Ich habe dich nie zu irgendetwas gedrängt. Es ging mir immer nur um unsere Forschung. Ich wollte dir helfen, deine Identität zu erkennen, damit du endlich wirksam für deine Kunden agieren kannst!“

Adrian streckte die Hände zur Decke. „Schluss damit, ich will’s nicht mehr hören!“

Plötzlich ging die Tür auf und eine Schwester kam herein.

„Herr Dister, wir haben Sie schreien gehört, ist alles in …“, begann sie, doch da wurde sie bereits von Adrian zur Seite gestoßen. Adrian rannte an der am Boden liegenden Schwester vorbei auf den Flur hinaus. Ich wollte der armen Frau helfen, doch sie beachtete mich gar nicht und eilte Adrian entsetzt hinterher. Ich blieb geschockt zurück. Bei all meinen Bemühungen hatte ich nie gewollt, dass es Adrian schlecht ging. Ich wollte Adrian von Anfang an mit den Störfeldern nur helfen zu erkennen! Doch es stand schlimmer um ihn als gedacht. Vielleicht gab es doch keinen Weg zurück. Vielleicht musste ich mir eingestehen, gescheitert zu sein. Ich sackte auf dem Bett zusammen und starrte ins Leere, während die Tränen über meine Wangen rollten. Eine zierliche Hand strich über meine Haare, kaum wahrzunehmen, fast wie ein Hauch. Als ich den Blick hob, sah ich in ein gleichermaßen vertrautes und unbekanntes Gesicht. Sonja war gekommen. Das alterslose Mädchen lächelte verschmitzt, während sie mir ins Ohr raunte: „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich euch alleine lasse! Einer für alle und alle für einen – im Guten wie im Schlechten.“

Mir wurde übel.

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