Was bisher geschah …

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Kapitel 18

2015

Carsten, Emily und Dr. Friedrich saßen noch immer in der Cafeteria der Klinik, als sie von Adrians Flucht erfuhren. Sofort hatte sich eine Armada von Klinikmitarbeitern um Dr. Friedrich gescharrt und bestürmte den erfahrenen Arzt mit einer Kakophonie an Fragen. Er brachte die Meute mit einer souveränen Geste zum Schweigen und wandte sich zuerst an Emily: „Tut mir leid, Frau Dister, aber unter diesen Umständen müssen wir die Polizei einschalten. Ihr Mann ist eine Gefahr für sich und andere.“

Emily traute ihren Ohren nicht.

„Was ist, wenn er einfach nur nach Hause will?“, fragte sie eilig und packte hektisch ihre Tasche zusammen. „Ich fahre jetzt heim.“

Dr. Friedrich intervenierte: „Nein, davon rate ich dringend ab. Der Zustand ihres Mannes ist zu gefährlich. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er weder sie noch die Kinder erkennt“, beschwor der Arzt. Trotz ihres guten Vorsatzes, stark zu bleiben, brach Emily nun endgültig zusammen und weinte hemmungslos. Auch Carsten schwammen die Augen und er nahm seine Freundin sanft in die Arme. Er wollte sie trösten, ihr sagen, dass alles gut werden würde, doch diese Worte brachte Carsten nicht über die Lippen, so sehr er sie auch sagen wollte.

Dr. Friedrich gab seinen umstehenden Kollegen verschiedene Anweisungen und entschuldigte sich dann. Carsten hörte nur mit halbem Ohr zu. Er hatte einen Verdacht, wohin Adrian geflohen sein könnte. Er ahnte, wo er die zerstreuten Stücke seines Freundes finden würde. Es war ein Ort. Der Ursprung des ganzen Ärgers. Verdammt! Vorsichtig, aber bestimmt, machte er sich von Emily los und verließ eilig die Klinik.

***

2055 … oder auch nicht

Sonja hielt weiterhin die Hände ihres Großvaters fest, während sie ihm die Episoden der vergangenen Jahre erzählte: Adrians Einlieferung in die psychiatrische Klinik und seine kopflose Flucht. Adrian weigerte sich noch immer, ihren Worten Glauben zu schenken. Er beharrte darauf, dass Andres Turet ihn im Krankenhaus besucht habe. Doch Sonja widersprach: „Andres Turet existiert nur in deinem Kopf, Großvater. Du leidest an einer Krankheit, die sich multiple Persönlichkeitsstörung nennt. Dabei spaltet sich die Seele in mehrere, voneinander unabhängige, eigenständige Persönlichkeiten auf. Die eine weiß dabei nie, was der andere macht. Und genau das ist mit dir passiert!“, rief sie. Adrian entzog ihr seine Hände. Er schüttelte heftig den Kopf.

„Ich bin nicht verrückt!“, brüllte er und sprang vom Stuhl auf.

Wie aus dem Nichts stand plötzlich Andres vor ihm, um keinen Tag gealtert. Adrian glaubte seinen Augen nicht und auch Sonja blickte Andres fassungslos an. „A-Andres, was – du bist tot! Ich war bei deiner Beerdigung“, flüsterte Adrian heiser. Andres lächelte gutmütig. Er trug ein schwarzes Hemd und darüber ein dunkelblaues Sakko.

„Hallo Adrian“, grüßte ihn Andres Turet. Adrian sank in seinen Stuhl zurück. Dafür war Sonja aufgestanden und starrte Andres an, als sähe sie ein Gespenst.

„Mein Freund, ich muss dir etwas sagen – Sonja hat recht. Das  hatte sie die ganze Zeit über. Es ist nun an der Zeit, dass du die Realität erkennst. Du musst aus deinem Störfeld wieder herausfinden. Das wollte ich von Anfang an. Ich wollte, dass du erkennst, wer du bist. Ich hatte gehofft, dadurch wirst du wieder du selbst“, sagte der alte Professor. Adrian liefen heiße Tränen die Wangen hinab.

„Die Strategie des gestörten Marketings sollte dich zu dir zurückführen“, sagte Andres und blickte dann Sonja an.

„Hallo Sonja, es ist Zeit zu gehen“, sagte er.

Die junge Frau schüttelte seufzend den Kopf. Sie wusste, dass Andres recht hatte, doch sie wollte noch nicht loslassen.

Andres blickte wieder auf Adrian hinab und beachtete Sonja nicht weiter.

„Adrian, erkenne! Wir sind nicht im Jahr 2055 auf einer schönen Terrasse in der Sonne. Du hast keine Enkelin. Wir sind im Jahr 2015 in EDRE!“

Andres packte Adrian. Dieser öffnete die Augen, sah den Professor an und ohne Vorwarnung verschwamm die Welt um ihn herum. Ihm war, als würden seine Sinne zerfließen wie die Farben eines Gemäldes, das man mit Wasser bespritzt. Auch Sonja und Andres verschwanden, aus der Terrasse wurde ein düsterer Kellerraum. Adrian blinzelte und stieß einen Schrei aus, der durch alle Mauern hallte.

Er war alleine.

* * *

„Andres“, brüllte Adrian. Nichts geschah.

„Sonja.“

Keine Antwort.

Adrian schrie ihre Namen mehrere Male und begann sich wie wild zu drehen. Plötzlich tauchte Sonja wieder auf, wie eine Gestalt im Nebel.

„Großvater?“, flüsterte sie. Adrian sah auf und starrte seine Enkelin an. Dann erschien Andres.

„Adrian, wir können nicht alle gleichzeitig im selben Raum sein. Du weißt, dass es so ist“, sagte der Professor.

„Einer von uns ist nicht echt“, rief Sonja. „Nein, zwei von uns – nur einer ist real“, erwiderte Andres Turet.

Adrians Blick wanderte zwischen den beiden hin und her.

„Aber wer?“, keuchte er. „Wer ist real?“

Andres und Sonja sahen sich, dann lächelte der Professor: „Na der, der am Anfang da war. Öffne die Augen, du bist zuhause, du hast Panama gefunden, akzeptiere es.“

Und damit endete ihre gestörte Freundschaft.

* * *

Carsten rüttelte seinen Freund an den Schultern, der alleine auf dem Boden des Kellerraums kauerte – jenem verfluchten Kellerraum, der seit ihrem Einzug in das Haus zu Adrians Büchse der Pandora geworden war. Carsten wusste besser Bescheid als irgendjemand sonst, sogar besser als Emily, was der Keller Adrian angetan hatte. Dabei war es nie mehr gewesen als ein stinknormaler Keller.

„Öffne die Augen, Adrian, mein Freund, ich bin’s, erkennst du mich?“

Die Person am Boden hob den Blick.

„Carsten“, flüsterte sie.

„Adrian, bist du es?“

Carsten zwang sich, nichts zu erhoffen. Dafür war sein Freund zu lange krank gewesen und die Krankheit zu heimtückisch.

Die Person sah in das vertraute Gesicht vor sich. „Mit wem rede ich?“, fragte Carsten.

Die Person lächelte. „Ich bin wieder zurück“, sagte sie.

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