Was bisher geschah …

<- Kapitel 18

Das Jahr 2015

„Ich bin wieder zurück“, sagte sie.

Carsten sah von den Zeilen auf, machte eine Pause, in der seine Worte nachhallten und klappte schließlich das Buch vor sich zu. Auf dem Cover war ein düsterer Kellerraum mit einer herabhängenden Lampe abgebildet. Der Titel Lost in Communication schien einen lautlosen Dialog mit ihm zu führen. Carsten streckte sich und richtete sich auf. Sein Rücken ächzte. Der Stuhl, auf dem er saß, war hart und der Tisch zu niedrig für seine stattlichen Maße.

Im Raum war es ungewöhnlich still, die Leute, die rund um die Bühne auf ihren Stühlen saßen, mussten die Geschichte erst einmal sacken lassen. Bis auf die Spiegelung der einen oder anderen Brille konnte Carsten im Halbdunkel des Zuschauerraums kein einziges Gesicht erkennen. Nach einigen Sekunden klatschte jemand Beifall und alle anderen stimmten mit Bravo-Rufen und Pfiffen ein. Carsten stand auf und verbeugte sich kurz. Er mochte diese Art von Auftritten eigentlich nicht, aber seit dem Erscheinen des Romans war er nonstop auf Lesereise quer durch die Republik.

Der Moderator, Frank Bachmaier, kam zu ihm auf die Bühne.

„Danke, Herr Querer, für diesen wunderbaren Abend!“, rief er überschwänglich. Carsten winkte ab.

„So, dann kämen wir jetzt zu unserer anschließenden Fragerunde an den Autor.“

Das Saallicht ging an und Carsten blinzelte. Der Moderator führte ihn zu zwei Sesseln und einem schmalen Tischchen, auf dem bereits zwei Gläser Wasser standen. Carsten nahm durstig einen Schluck, seine Stimme kratzte vom langen Lesen.

„So, wer aus dem Publikum hat eine Frage?“, rief Frank Bachmaier, der Typ Moderator, den man gerne bei RTL antraf. Zwischen den Zuschauerreihen ging nun Personal mit Mikrofonen herum. Jemand meldete sich, es war ein jüngerer Typ.

„Ja, also – ähm, mich würde interessieren, wie viel von der Geschichte tatsächlich wahr ist. Ich meine, die Agenturen gibt es ja tatsächlich und so …“

Carsten ließ sich nichts anmerken. Er hatte ein eigenes Mikrofon am Revers.

„Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Oder aber EDRE einen Besuch abstatten“, antwortete er grinsend.

„Es gibt EDRE also wirklich?“ rief ein anderer aus dem Publikum dazwischen.

„Natürlich gibt es EDRE. Ich habe auch nie behauptet, dass EDRE nicht existiert“, antwortete Carsten geduldig.

„EDRE ist eine Methode der ProzessPiraten, die, wie Sie wissen, ihren Hauptsitz in dem Haus mit der grünen Tür haben“, Carsten schmunzelte.

Eine andere Stimme rief: „Und wenn ich zu Ihnen kommen würde, in den Keller, wäre es nur ein Raum oder …“

„Natürlich wäre es nur ein Raum. Wir sind ja nicht in Hogwarts“, antwortete Carsten.

„Aber was ist mit Adrian Dister, was ist mit dieser Hauptfigur?“, fragte eine ältere Frau aufgeregt.

Carsten strich sich über die Wange und ließ sich mit seiner Antwort Zeit. Diese Frage wurde ihm bei jeder Lesung immer wieder gestellt. Trotzdem war seine Antwort manchmal verschieden.

„Die Antwort, und das ist die beste von allen, findet man nur in EDRE beziehungsweise wenn Sie sich dazu entscheiden, die ProzessPiraten in Ihr Haus zu bitten. Mehr werde ich dazu nicht sagen.“

Unruhe brach aus. Es gab noch einige Fragen, aber die waren eher banal. Da sich Carsten weigerte, konkret zu werden, war die Veranstaltung schnell zu Ende und Carsten fand sich einige Stunden später in seinem Auto wieder. Er fuhr eine einsame Landstraße zurück nach Ulm. Lost in Communication lag neben ihm auf dem Beifahrersitz. Sein Handy piepste und Carsten schaltete den Freisprecher an seinem Lenkrad an. Es war seine Frau, die sich erkundigte, wie es gelaufen war.

„Gut, Liebling. Aber weißt du, was das Erstaunlichste ist?“, fragte er.

„Was meinst du?“, erwiderte seine Frau. Man konnte ihr Stirnrunzeln förmlich durchs Telefon hören.

„Dass die Menschen selten auf die Idee kommen, andersherum zu denken, dann würden sie auch die Antwort finden.“

Es raschelte in der Leitung. Carsten geriet in ein Funkloch. Das Gespräch wurde unterbrochen. Er seufzte, schaute nach vorne auf die Straße und konzentrierte sich aufs Fahren. Als sein Handy erneut klingelte, warf Carsten zunächst einen Blick auf die Anrufer-ID.

ER war es.

„Mit meiner Lesung habe ich die Leute ziemlich verstört, aber sie sind allesamt neugierig. Wie lief es bei dir?“, fragte die Stimme.

„Dito!“, Carsten schmunzelte. Nach einer kurzen Pause sagte die Stimme:

„Übrigens, ich habe eine Idee für ein neues Buch.“

„Ach ja, und worum soll es gehen?“, fragte Carsten neugierig.

„Um EDRE und mich – ein bisschen zumindest“, die Stimme lachte. Carsten schüttelte fassungslos den Kopf. Er konnte dieses Maß an überbordender Fantasie einfach nicht fassen.

„Wir sehen uns bald wieder, Carsten!“, sagte die Stimme.

„Ich wusste gleich, schon als wir uns das erste Mal trafen, dass ich dich nicht mehr loswerde, Andres“, sagte Carsten.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung lachte erneut laut auf: „Was habe ich damals gesagt, Carsten?“

Dieser erinnerte sich.

„Das ist der Beginn einer gestörten Freundschaft“, schmunzelte er.

„Genau, also, auf nach EDRE, mein Freund!“

Damit legte Andres Turet auf und ließ Carsten alleine auf der Landstraße zurück.

Eine neue Geschichte hatte ihren Anfang genommen.

 

ENDE VON LOST IN COMMUNICATION

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