<- Kapitel 1


 

Gregor Faber überprüfte die vor Kurzem fertiggestellte Litzigbrücke über den Meienreuss. Die helle Holzbrücke, welche über die steile und tiefe Schlucht auf die andere Seite führte, ruhte auf einem Stahlträger. Der Tag hatte nebelig begonnen und je weiter die Sonne nach Süden vorrückte, desto stärker wurden die Nebelschwaden hinab ins Meiental gedrängt. Die Brücke war in Ordnung. Sie hielt einigem stand. Die örtlichen Bauern mussten sich also keine Gedanken mehr darüber machen, ob sie ihre Traktoren zu schwer beladen hatten. Gregor war zufrieden. Er nahm einen Schluck Kaffee aus der mitgebrachten Thermoskanne und blickte über das Tal auf die Berge hinüber, die langsam ins Sonnenlicht getaucht wurden. Die Sustenpasstrasse war wieder frei, tagelang war der Weg gesperrt, weil ein Bergsturz herabgegangen war. Das kam regelmäßig vor. Man erzog die Kinder auf dem Berg frühzeitig, niemals loszuziehen, ohne die Familie oder Freunde wissen zu lassen, wo sie waren, damit man schnell an der richtigen Stelle suchen konnte, falls etwas passierte. So war auch Gregor großworden. Er ging zurück zu seinem Geländewagen, an der Tür prangte das Logo der Bergleben-Organisation. Gregor war jetzt seit sechs Jahren Projektentwickler für die Organisation, die sich der Hilfe zur Selbsthilfe für die Menschen der Schweizer Bergregion verschrieben und Projekte wie jenen Brückenbau über die Meienreuss finanziert hatte. Gregor startete den Motor. Als er einen Blick in den Rückspiegel warf, bemerkte er den Mann. Ein Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, saß auf seinen Schultern. Der Mann trug einen Rucksack, so wie es aussah, wollten sie über die Brücke. Gregor stieg wieder aus und wartete auf die Wanderer.

„Hallo, schon so früh unterwegs?“, grüßte er die beiden. Der Mann war mittleren Altes, vielleicht Ende dreißig. Er hatte kurzes, braunes Haar, das an den Schläfen bereits grau wurde. Er war schlank und hochgewachsen. Der Junge war das Ebenbild seines Vaters. Die beiden hielten an.

„Hallo, ja, wir wollten so früh wie möglich los, um diesen wunderschönen Tag auszunutzen.“ Der Mann reichte Gregor die Hand.

„Peter.“

„Gregor.“ Von oben wurde Gregor ebenfalls eine Hand entgegen gestreckt.

„Ich bin Oliver.“

„Oliver? Wie in Oliver Twist?“ Gregor gab dem Jungen die Hand und schüttelte kräftig und freundlich. Oliver hatte keine Ahnung, wer Oliver Twist war, sein Vater dagegen schon. Der Junge war noch zu klein, aber Peter war ein großer Dickens-Fan und mit seinem Namenswunsch hatte er sich gegen seine Frau durchgesetzt. „Ja, Oliver. Wie Oliver Twist“, erinnerte er sich an die Diskussion vor Jahren, die er schließlich für sich entscheiden konnte.

„So, und wo wollt ihr beiden hin?“, fragte Gregor.

„Wir schauen uns die Berge an!“ rief der Junge, der bereits weitaus wacher war als sein Vater. Dieser nickte lächelnd.

„Genau, wir sind vor Tagen von Indemini drüben im Tessin aus aufgebrochen und heute auch schon seit drei Stunden unterwegs.“

„Da habt ihr aber einiges an Weg zurückgelegt, soll ich euch ein Stückchen mitnehmen?“ Gregor klopfte auf das Wagendach. Peter schaute auf das Zeichen an der Fahrertür. Er hatte inzwischen einiges von dieser Organisation gehört und von den Leuten im Dorf viel erfahren. Oliver war sofort begeistert, er liebte Autofahren durch die Berge.

„Oh ja!“ Peter setzte Oliver ab und dieser sprang schneller als Peter schauen konnte in den Wagen.

„Wie alt ist denn der kleine Held?“, fragte Gregor.

„Fünf, im Herbst geht es in die Schule“, erzählte Peter, mit einem Anflug von Wehmut als er sich selbst sprechen hörte. Er genoss die Zeit mit Oliver hier in den Bergen, unterwegs, ohne Ziel.

„Ihr habt gesagt, ihr macht eine Reise durch die Berge. Ist es ok, wenn ich mit euch nach Meiringen fahre, dort habe ich ein weiteres Projekt?“, fragte Gregor.

„Klar, wie gesagt, wir sind auf der Reise,“ sagte Peter. Oliver kam zwischen den Sitzen hervor. Es stimmte, vom Tessin aus waren sie bis in das Kanton Uri gekommen und hatten schon eine Menge erlebt. Peter blickte aus dem Fenster hinaus. Seitdem sie hier waren, wurde die Wirkung, die die Berge auf ihn hatten, stärker und stärker. Als besäße die Welt hier oben eine besondere Anziehungskraft. Peter musste wieder an den Kompass seines Sohnes denken. Und an die Richtung, die er angezeigt hatte. Manchmal suchte er sie, nur um jedes Mal wieder aufs Neue zu begreifen, dass sie fort war.


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