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Felbin zeigte Thorsten den simplen, recht stupiden Arbeitsprozess: Jeder der sogenannten Sachbearbeiter, Thorsten dachte eher an Papierkrieger, sammelte die Meldescheine aller Bewirtungsbetriebe der Stadt, überprüfte sie auf die Richtigkeit der Daten und erfasste diese dann in einer Excel-Tabelle. Danach wurden Abrechnungen über die Gesamtzahl der Übernachtungen zusammengefasst und man verschickte diese wieder an die Betriebe.

Es gab eine Arbeitsgruppe zum Erfassen, eine zur Rechnungserstellung und eine zum Versenden der Tabellen und Belege. Alles ging Hand in Hand und lief wie ein gut geschmiertes Zahnrad. Nach drei Tagen hatte Thorsten den Dreh raus und fürchtete, dabei den Verstand zu verlieren. Ständig kamen neue Paletten an Aktenordnern. Die Schichten waren mörderisch lang und Thorsten hatte irgendwann keine Ahnung mehr, wann Tag war und wann Nacht. Wenn er aus dem Rathaus kam, stellte er nur noch am Rande seiner Wahrnehmung fest, dass entweder die Sonne in seine Augen stach oder schon die Scheinwerfer der Autos durch die Nacht blitzten.

Die Sacharbeiter nannten ihren Arbeitsplatz „Die Höhle“. Thorstens Kollegen waren ein seltsamer Haufen. Er hätte die Arbeit erträglicher empfunden, wenn sie zumindest kommunikativer wären, aber offenbar hatte jeder seiner Kollegen ein mönchisches Schweigegelübde abgelegt. Der Einzige, mit dem Thorsten ab und an redete war Felbin, der direkt einen Tisch vor ihm saß. Ohne Felbin hätte es Thorsten wohl kaum durchgestanden, aber dann erhielt er einen Monat später seinen saftigen Lohn überwiesen und dachte sich: was soll’s, damit hatte er seine Studiengebühren innerhalb von drei bis vier Monaten zusammen und musste sich danach eine Zeit lang keine Sorgen mehr machen. Bei den Schafen hätte er nicht so viel verdient und im Stahlwerk am Hochofen wäre die Arbeit körperlich anstrengend gewesen.

Die Gruppe an Sachbearbeitern in der Höhle blieb isoliert von den anderen. Ordentliche Mahlzeiten gab es dreimal täglich, plus Snacks und Getränke, die von kleinen Männern, die kaum ein Meter fünfzig maßen und eine große Kochmütze auf dem schmalen Kopf trugen, auf Rollwagen hereingebracht wurden. Thorsten fand es interessant, dass Köche wohl immer recht klein waren. Offenbar gab es drei, die sich in einem täglichen Schichtsystem abwechselten.

Aber das war nur eine Kuriosität von vielen, die Thorsten im Rathaus von Emshagen begegneten. In seiner ersten Woche wurden Tag für Tag neue Mitarbeiter rekrutiert, sodass bereits nach zwei Wochen alle Tische voll besetzt waren und man Ellenbogen an Ellenbogen saß und sich gegenseitig die Aktenordner vom Tisch fegte, sobald man sich unbedacht bewegte. Die Schichten wechselten sich von Woche zu Woche ab. In der einen Woche hatte Thorsten Früh- und in der anderen Spätschicht. Immer zwölf Stunden. „Anders geht das nicht“, hatte ihm Sekretärin L. erklärt. Sein Rhythmus kam völlig durcheinander. Oft kam sich Thorsten vor, wie im Schullandheim, nur dass dort mehr geredet wurde. Nach einer langen Schicht voller Zahlen und vor dem Computerbildschirm wollte man nichts mehr, als etwas essen und schlafen. Kopf und Augen ausruhen.

In der wenigen Zeit zwischen seinen Schichten versuchte Thorsten mehr über das Rathaus und seine Mitarbeiter herauszufinden. Seine berufliche Neugier als Betriebswirtschaftsstudent war von den vielen Seltsamkeiten angefeuert worden. Sein anfänglicher Verdacht, dass irgendwie alle im Rathaus mehr oder minder verrückt waren, bestätigte sich in den kommenden Wochen auf die eine und andere Weise. Jetzt, da er Mitarbeiter des Amtes war, schlich er in den wenigen Pausen auf den Fluren umher und versuchte das System der Abkürzungen zu begreifen, die an den Wänden der Abteilungen hingen: Abteilung für F, Abteilung für HV, Abteilung für XI. Wie zum Teufel sollte man sich denn nur in dem Amt zurechtfinden, fragte sich Thorsten. Er hielt seine Beobachtungen in seinem Notizbuch fest. Das Amt war wirklich eine hervorragende Möglichkeit, sich auf sein Studium vorzubereiten. Den ganzen Tag über schien das Haus wie ausgestorben zu sein. Ruhiger war nicht mal ein Kloster, so still war es auf den Fluren und hinter den Türen. Kein Flüstern, kein Tastaturgeklapper, kein Laut war zu hören. Verdammt, mussten die Wände und Türen gut isoliert sein. Thorsten wunderte die Stille nach einiger Zeit nicht mehr. Das war die einzige Möglichkeit, es sei denn, in dem Amt arbeitete niemand wirklich – die Sachbearbeiter in der Höhle ausgeschlossen, welche sich um die immensen Meldescheine der Bewirtungsbetriebe kümmerten.

Es war beinahe unheimlich, wie ausgestorben das Amt wirkte. Die Abteilung, in der Thorsten sein Vorstellungs­gespräch hatte, fand er nur mithilfe der ausgeschnittenen Zeitungsannonce wieder, die ihn überhaupt erst hierher geführt hatte. Die Abteilung hieß M. und als er bei einem seiner Rundgänge anklopfte, kam keine Antwort. Die Tür selbst war verschlossen. Seltsam, welche Arbeitszeiten in diesem Amt herrschten. Es kam sehr selten vor, dass er andere Mitarbeiter außerhalb der Höhle traf und wenn, dann ging jeder einer Unterhaltung aus dem Weg und wirkte wie ein verschrecktes Reh. Als Thorsten Felbin auf seine Beobachtungen ansprach, zuckte dieser nur mit den Achseln und sagte: „Lass das Amt mal besser so, wie es ist.“

Aber Thorsten war zu neugierig, also erkundete er weiter: Das oberste Stockwerk des Amtes war so klein, das es gerade mal einen Meter in der Höhe maß. Thorsten musste gebückt laufen, um sich hier oben zu bewegen. Zuerst glaubte er, dass er einfach nur auf dem Dachboden angekommen sei, aber hinter den vielen Türen hörte er es eifrig tippen. Endlich ein Zeichen von Leben und vor allem von Arbeit. Die Abteilungsschilder neben den Türen verrieten ihm: „Abteilung für obere Angelegenheiten 1-4.“ Interessant, das war die einzige Abteilung, die einen ausgeschriebenen Namen besaß. Das Amt steckte voller Überraschungen. Thorsten fragte sich, was wohl „Obere Angelegenheiten“ waren? Beim Versuch eine der Bürotüren zu öffnen, hatte er dasselbe Problem wie überall im Gebäude. Sie waren verschlossen. Plötzlich hörte das Getippe plötzlich auf. Thorsten legte das Ohr an die Tür, aber nichts war zu hören. Er war versucht etwas zu sagen, aber er ließ es lieber. Thorsten wollte keinen Ärger. Als er sich entfernte, begann das Tippen von neuen, als würden Dutzende Finger schnell über Computertastaturen fliegen. Wo war er hier nur gelandet?


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