Was bisher geschah …

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Nach einem kurzen Spaziergang stand Adrian Dister vor einem abbruchreifen Gebäude im Ulmer Stadtteil Söflingen. Er hatte niemandem etwas gesagt und wie er jetzt feststellte, schien das auch besser so. Das Haus stand eingeklemmt zwischen den Fassaden zwei moderner Bürogebäude. Unweit ragten die hohen Industriekamine des Heizkraftwerks der FUG Fernwärme in den Himmel.

Schmutziger Backstein, eingeschlagene Fenster, ein Baum auf dem Dach – wusste der Himmel, wie der da hinauf gekommen war. Adrian blickte auf seine Uhr: 14:32 Uhr.

„Herr Dister? Adrian Dister?“, überraschte ihn eine Stimme im Rücken. Adrian drehte sich um. Ein junger Typ kam geschniegelt im dunklen Anzug und mit gegelten Haaren auf ihn zu, in der Hand eine Aktentasche.

„Ja – wer sind Sie?“, fragte Adrian. Sie gaben sich die Hand.

„Thomas Mayoo vom Immobilienbüro Schneider und Partner.“

Adrian versuchte, sich seine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Was zum Henker ging hier eigentlich vor?

„Aha“, sagte Adrian nur.

Thomas Mayoo nickte zu dem Haus empor. „Sollen wir reingehen?“

Adrian hob die Augenbrauen. „Ist das denn überhaupt sicher?“

„Soweit ja“, der Makler lächelte ihn an. Ein typisches Tom-Cruise-Verkäuferlächeln.

Adrian Dister ließ sich gerne überraschen. Aber er hasste es, ahnungslos zu sein.

„Entschuldigen Sie, woher wussten Sie überhaupt, dass ich heute hier bin?“, fragte Adrian.

Der Makler sah ihn verdutzt an. „Sie wissen nicht Bescheid?“

Sehe ich so aus?, dachte Adrian. Was für eine Flachpfeife. Er schluckte die Antwort hinunter und schüttelte nur den Kopf.

„Meine Firma ist für dieses Haus zuständig. In unseren Unterlagen findet sich ein Schriftstück, in dem mir mitgeteilt wurde, dass Ihnen dieses Haus samt Grundstück übergeben werden soll. Und dass ich Sie hier am 14. Juni 2004 um diese Uhrzeit antreffe.“

Adrian war verwirrt. Jemand schenkte ihm ein Haus samt Grundstück?

„Von wem ist das Schriftstück?“, fragte er.

„Das darf ich Ihnen leider nicht sagen, der Verfasser hat eindeutige Bestimmungen hinterlassen“, entgegnete Mayoo .

Adrian hätte den Kerl am liebsten so lange gewürgt, bis er einen Namen ausspuckte. Das klang doch alles zu verrückt, um wahr zu sein. In seinem Gehirn suchte er nach Namen, Gesichtern, die ihm bekannt waren und ihm ein Haus schenken würden, aber ihm fiel niemand ein. „Ok, sehen wir es uns an“, gab Adrian schließlich nach. Der Makler lächelte erfreut und zusammen betraten sie das Haus.

Im Inneren war der Zustand noch weitaus schlimmer als von außen geahnt. Trotzdem bot das dreistöckige Gebäude ausreichend Platz für eine wachsende Agenturgruppe.

Der Makler führte ihn durch die Räume, zuletzt war der Keller dran. Da es keine Elektrizität gab, schaltete der Verkäufer seine Taschenlampe ein und führte ihn durch Spinnenweben hindurch.

„Anschlüsse sind vorhanden, aber natürlich gäbe es viel zu tun“, sagte der Makler. Im Keller war es angenehm kühl, aber merkwürdig muffig. Adrian nickte, dann fiel ihm eine Tür auf.

„Wo geht es denn da hin?“

Der Makler leuchtete auf die Tür.

„Ganz ehrlich – keine Ahnung. Wenn sie das Haus nehmen, erhalten sie den Schlüssel dafür, so sind die Bestimmungen“, erklärte der Typ. Adrian lachte. Scheiße noch mal, das alles war unglaublich verrückt – aber irgendwie nach seinem Geschmack. Er stützte die Hände in die Seiten. Mit Brechstange, Schweiß und Farbe wäre das Haus wieder herzurichten. Das war kein Hexenwerk, nur harte Arbeit.

„Ich muss darüber nachdenken, ich melde mich bei Ihnen“, sagte Adrian.

Thomas Mayoo nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Er zückte seine Visitenkarte. „Rufen Sie mich an.“

Dann gingen sie wieder hinauf und verließen das Haus. Adrian blickte Mayoo hinterher. Mit federnden Schritten ging dieser über die Straße und stieg in einen dunkelblauen BMW. Adrian holte sein Handy heraus und wählte Carstens Nummer.

„Carsten Querer“, meldete sich dieser am anderen Ende der Leitung.

„Ja, Carsten. Du, komm mal in die Magirusstraße 33, ich brauche deinen Rat.“

„Was ist denn da?“

„Komm einfach, das glaubst du mir nicht.“

Carsten – ein paar Straßen entfernt im Büro der Press’n’Connection – lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Seit drei Jahren arbeiteten sie jetzt zusammen und hatten schon das eine oder andere aberwitzige Projekt gestemmt, von dem viele gedacht hatten, dass sie es nie hinkriegen würden.

„Ok, bin auf dem Weg.“

Adrian legte auf und starrte das Haus an. Es schien friedlich und still. Er dachte an die verschlossene Tür im Keller, an das geheimnisvolle Post-it und dieses unglaubliche Geschenk. Was steckte hinter all dem? Welche Geschichte verbarg sich hinter den alten Mauern des Hauses?


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