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„Wir werden sie in die Knie zwingen mit ihrer dämlichen Kurtaxbearbeitung!“, knurrte Heiko Boner. Er war Vor­standsmitglied der Emshagener Bewirtungsbetriebe. Seit Einführung der Kurtaxe, oder auch Bettensteuer genannt, war die Stimmung zwischen den Gastronomen und Hoteliers am Tiefpunkt. Ihre Arbeitstage bräuchten 48 Stunden und selbst diese wären noch zu kurz, um den enormen bürokratischen Aufwand zu schaffen, der ihnen die Betten­steuer einbrachte. Heiko blickte in die Gesichter seiner Kollegen, die sich um den runden Tisch im Konferenzraum seines Wellnesshotels „Alpblick“ versammelt hatten. Sie demonstrierten gegen die fünfprozentige Steuerabgabe auf jeden Gast nun schon seit drei Monaten, bombardierten das Rathaus mit ihren Akten und wurden der Meldescheine nicht mehr Herr. Eigene Angestellte waren notwendig, sie hatten lange diskutiert, ein Sekretariat für das Amt zu gründen. „Nur gemeinsam schaffen wir diesen Wahnsinn“, hatte Heike Boner für seine Idee geworben. Irgendwann musste es Wirkung zeigen und die zuständigen Beamten mussten kapieren, dass sie dem Gewerbe nur schadeten. Doch es bewegte sich gar nichts. Die Situation war verfahren.

„Vielleicht sollten wir uns einfach weigern, weiterhin Gäste anzunehmen, so lange, bis sie es ändern“, schlug Barbara Krone vor. Sie unterhielt ein kleines Gasthaus am Rand der Stadt. Im Raum war es eine Sekunde lang still, wie nach einem Bombenabwurf, dann brach eine lautstarke Diskussion über das Für und Wider aus. Vielleicht war das tatsächlich eine Maßnahme, aber damit schnitten sie sich nur ins eigene Fleisch.

Heiko Boner war unfähig, sich Gehör zu verschaffen, da störte ihn auch noch das Vibrieren seines Mobiltelefons. Er ließ seine Kollegen toben und ging aus dem Saal, um das Gespräch anzunehmen.

„Boner!“, bellte er ins Telefon. Kurz darauf merkte er, dass er nicht laut zu sein brauchte, denn die Stimmen seiner tobenden Kollegen waren nur noch dumpf hinter der Tür zu hören.

„Hier ist Marcel Grummige, ihr Sohn hat mir von ihrem Problem erzählt.“

„Verdammt, wie oft denn noch. Wir wollen kein weiteres Zeitschriften-Abonnement!“ Heiko Boner wollte bereits wieder auflegen, als sein Gesprächspartner schnell hinterherschob.

„Wegen der Kurtaxe!“

„Oh – achso, wer sind Sie nochmal?“

„Marcel Grummige, von Kilwen & Co KG. Und ich denke, ich habe die Lösung für ihr Problem.“

Wenige Tage später wartete Marcel Grummige bei einer Tasse Schwarztee angespannt auf Heiko Bonner. Er saß am Fenster in einem kleinen Kaffee in einem Dorf in der Nähe von Emshagen. Es war zu gewagt, sich direkt in Emshagen zu treffen, deswegen hatte er vorgeschlagen, sich in einem der benachbarten Orte zu treffen. Heiko Boner war kein sehr geduldiger Mensch und erwartete zunächst eine Erklärung, als er sich dem jungen Mann gegenübersetzte.

„Ich habe denen von der Gemeinde das System bereits vorgeschlagen, aber die hat das nicht interessiert, deswegen komme ich zu ihnen, wir brauchen eine Gemeinde, an der wir das System testen können.“

Heiko verschränkte die Hände.

„Was denn für ein System?“

„Den elektronischen Meldeschein. Wenn die Gemeinde den akzeptiert, sind all ihre Probleme und die von Emshagen Schnee von gestern.“ Marcel blickte sich um, als fürchtete er, beobachtet oder belauscht zu werden.

„Ich habe recherchiert, in keiner Gemeinde sind die Probleme durch die Kurtaxe so groß wie bei Ihnen, sie brauchen uns.“

Heiko Boner beugte sich nach vorne. „Erzählen Sie mir mehr davon!“ Und das tat Marcel. Er erzählte von dem Kilwen Meldewesen/Kurtaxabrechnung. Damit könnten Gemeinden und private Betreiber elektronische Meldescheine einführen. Die vereinfachte Erfassung und automatisierte Verarbeitung von Meldescheindaten beinhalte auch die so wichtige Plausibilitätsprüfung und garantiere so für korrekte Abrechnungen und Statistiken.

„Um es kurz zu sagen, beim elektronischen Meldeschein erfassen Sie, also die Hoteliers und auch die Gastgeber von Ferienwohnungen und Pensionen die Meldescheine digital, dann werden diese automatisch an die Gemeinde­software übertragen, auch bei Änderungen, also wenn ein Gast früher abreist oder länger bleibt als geplant oder seine Schwiegermutter doch mitbringt. Somit müssen sie nicht mehr Personal für mehrere Stunden abstellen und die Gemeinde spart sich den immensen Arbeitsaufwand.“ Heiko Boner hörte ruhig zu, bis sein Gegenüber fertig war, dann blickte er auf die Straße hinaus.

Ein elektronischer Meldeschein, rekapitulierte er und dachte an den bisherigen aufwendigen Prozess: Gast kam ins Hotel, Heiko Boner oder einer der Mitarbeiter des Alpblick-Hotels legten ihm Meldescheine vor, die der Gast ausfüllen musste. Reiste der Gast früher ab oder blieb länger musste ein Änderungsmeldeschein ausgefüllt werden. Bei Geschäftsreisenden oder Schwerstbehinderten musste Heiko ebenfalls eine Meldung ausfüllen und der Gemeinde nachweisen, dass der Gast von der Steuer befreit war. Das alles war mehr als umständlich. Heiko Boner hatte von der „Höhle“ gehört, nichts offizielles, aber die Gerüchte hielten sich schon lange. Der Elektronische Meldeschein war die Alternative auf die Heiko Boner gewartet hatte.

„Es reicht nicht, wenn wir, also die Bewirtungsbetriebe, die Software installieren?“ fragte er.

„Nein, die Gemeinde muss es ebenfalls besitzen, nur dann funktioniert das System und sie können sich die Arbeit, die sie jetzt haben, sparen“, sagte Marcel. Heiko Boner nickte. „Die vom Amt müssen überzeugt werden“, sagte er mehr zu sich selbst, als zu Marcel.

„Aber ich verstehe nicht, warum die Gemeinde uns nicht anhören will, unser System spart doch Geld, Zeit und nun ja, Papier. Zudem bringt es auch den Gästen einen echten Komfort-Mehrwert“, Marcel schüttelte ungläubig den Kopf.

„Junge, in unserem Rathaus gehen schon seltsame Dinge vor sich. Es wundert mich gar nicht, dass sie so einer elektronischen Neuerung skeptisch gegenüberstehen. Was kostet denn die Einführung?“ fragte Boner weiter.

„Im Vergleich zu dem jetzigen Budget nicht der Rede wert!“ Marcel holte ein Papier mit Berechnungen hervor. Heiko Boner dachte nach, sie brauchten einen Plan, eine Strategie um die Holzköpfe im Amt dazu zu bewegen, das System einzuführen.

„Wir werden den Druck erhöhen und dann erscheinen Sie mit der Rettung“, sagte Heiko Boner nach einer Weile des Grübelns. Er beugte sich über den Tisch und schob sein Gesicht dicht vor das des jungen Entwicklers.

„Sie warten auf unser Stichwort, dann müssen Sie aber schnell sein und ein gutes Angebot vorlegen.“

„Was haben sie denn vor?“ fragte Marcel.

Heiko Boner stand auf und ließ ein paar Euro auf dem Tisch liegen.

„Dieses verschlafene Nest ein wenig aufmischen.“


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