Was bisher geschah …

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2004

 

Carsten blickte zu den zerbrochenen Fensterscheiben im ersten Stock des Hauses in der Magirusstraße 33 empor. Er stand mit Adrian im Hinterhof des Gebäudes. Ein uralter Lastenaufzug verband alle Stockwerke miteinander und seine rostigen Türen schienen Carsten zuzurufen: „Lust auf Selbstmord?“

„Das braucht schon etwas mehr, als nur Vorschlaghammer, Pinsel und Farbe, mein Lieber“, sagte Carsten skeptisch.

„Ach komm, sei doch nicht so pessimistisch!“, erwiderte Adrian.

„Ein bisschen Muskelarbeit und Schweiß, das ist alles.“ Adrian musterte seinen Freund von der Seite.

„Würde dir das Fitnessstudio ersparen. Drei Monate hier schuften und du hast dein gewünschtes Sixpack“, Adrian lachte. Carsten warf ihm einen gespielt beleidigten Blick zu. Er klopfte sich auf den Bauchansatz.

„Hey, ich bin verdammt gut in Form!“

 

Beide musterten erneut das Haus. Ihr Blick blieb am Baum auf dem Dach hängen. Carsten strich sich über die stoppelige Wange.

Er dachte an die irre Geschichte, die Adrian ihm erzählt hatte – die geheimnisvolle Tür, das Haus samt Grundstück geschenkt. Es würde jede Menge Arbeit auf sie zukommen, aber sie hätten dann endlich ein richtiges Haus. Das hatte was.

Carsten schürzte die Lippen.

„Denkst du, wir können den Baum auf dem Dach lassen?“, fragte er und sah Adrian an.

Dieser lachte laut auf und holte sein Handy heraus.

„Verrückter Hund, du – dann machen wir’s?“

„Wir haben nichts zu verlieren, früher oder später erschlägt unsere Decke noch irgendjemand“, sagte Carsten. Adrian wählte die Nummer von Mayoo.

Die Sonne brannte auf sie hinab und das Haus schien in der drückenden Luft zu atmen.

Carsten glaubte, das Haus zu hören. Er war kein abergläubischer Mensch, aber nie zuvor war er einem Gebäude begegnet, dem eine solche Aura von Lebendigkeit anhaftete, als handele es sich um ein Lebewesen.

 

Am späten Abend verließ Carsten die alten Räumlichkeiten der Agenturgruppe. Auf ihn wartete noch ein Abendessen mit dem Geschäftsführer der Mirabach GmbH. Das Treffen würde gleichzeitig den Rahmen für ein entspanntes Interview liefern, so zumindest hatte es ihm die Sekretärin der Geschäftsleitung angepriesen. Carsten war da skeptisch. Nach einem Tag wie heute war ihm eher danach, die Beine hochzulegen, ein Gläschen Wein mit seiner Frau zu trinken und die Ereignisse des Tages Revue passieren zu lassen. Er wollte noch mal alles durchdenken, auch wenn es für einen Rückzieher zu spät war. In diesen Minuten würde sich Adrian mit dem geschniegelten Vogel von Immobilienmakler treffen, wie ihn Adrian bezeichnet hatte, und das Geschäft unter Dach und Fach bringen. Carsten saß im Auto, genoss die abgekühlte Sommerluft und begann vor sich hinzuträumen. Gemeinsam mit Adrian hatte er schon so manches erlebt. Aber gegen die nun aufkeimende Ahnung, dass dieses Haus ein nie dagewesenes Abenteuer werden würde, konnte er sich nicht wehren. Der Sommerabend roch nach Wandel. Carsten fiel eine alte chinesische Weisheit ein: „Wenn der Wind des Wandels weht, dann bauen die einen Schutzmauern und die anderen Windmühlen.“ Mit Adrian hatte er immer Windmühlen gebaut. Windmühlen, die sie weitergetragen hatten.

Die Frage war nur, wohin nun?

 

Während Carsten durch die Nacht fuhr, bekam Adrian einen dicken Schlüsselbund von Mayoo überreicht. Der Papierkram war schnell über die Bühne gegangen und mit Einbruch der Nacht war er nun Eigentümer des Hauses 33 in der Magirusstraße. Sie standen vor dem Gebäude. Nach dem brütend heißen Tag hatte sich eine angenehme Kühle über die Stadt gelegt.

„Sie verraten mir jetzt trotzdem nicht, wer hinter all dem steckt, oder?“

Mayoo zeigte eine Reihe strahlend weißer Zähne. „Keine Chance, tut mir leid.“

Adrian winkte ab. „Bestimmungen, ja ja.“ Sie gaben sich die Hand.

„Einen schönen Abend noch und viel Spaß mit dem Haus“, verabschiedete sich Mayoo.

„Danke. Auf Wiedersehen, Herr Mayoo“, sagte Adrian und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er ging zu seinem Wagen, nahm eine Taschenlampe heraus und betrat sein neues Heim. Er war einfach zu neugierig und wollte keine Sekunde länger warten.

 

Ein altes Haus ist ständig in Bewegung. Es befindet sich in einem langsamen Prozess des Verfalls, es sei denn, man tut etwas dagegen. Adrian konnte es förmlich spüren – das Knistern, Knarzen und Brummen. Das Gemäuer atmete. Er ging die Treppe hinab in den Keller. Staubpartikel schwebten im Schein seiner Taschenlampe und der muffige, abgestandene Geruch drang Adrian in die Nase. Es gab Menschen, die behaupteten, dass Gebäude nur leere, ja tote Konstrukte waren, von Menschenhand geschaffen. Häusern wohnte keine eigene Seele inne, aber sie spiegelten die Abdrücke derer wider, die sie berührt hatten. Sobald ein Mensch ein Gebäude betritt, erfüllt er es mit Leben, mit Seele. Verlässt er es, bleibt etwas haften. Spuren eines vergangenen Lebens, vergangener Gedanken und Werke.

 

Adrians Nackenhaare stellten sich auf, eine Gänsehaut überkam ihn. Er stand vor der verschlossenen Kellertür. Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Es  knackte laut – die Tür war offen. Adrian drückte die Klinke herab und stieß sie auf. Das Licht seiner Taschenlampe verlor sich in …

 


Andres Turet

 

Seit meinem Weggang hatte sich viel getan. Das Ulm meiner Erinnerung war eine völlig andere Stadt – und das gefiel mir. Veränderungen waren schon mein ganzes Leben lang treue Begleiter gewesen. Während meiner 74 Lebensjahre bin ich aus so manchem Fenster gestiegen, habe viele Steine umgedreht und unzählige Länder bereist. Zur Ruhe gekommen bin ich aber nie. Immer gab es etwas, was mich gestört, was mich angetrieben hat. Veränderungen haben einen eindringlichen Rhythmus, der sich wie ein gefräßiger Ohrwurm im Kopf einnistet und dort als Endlosschleife sein Unwesen treibt.

Veränderungen machen Angst. Sie entziehen den Boden des Bekannten, reißen einem die Sicherheit aus den Händen. Sie sind der Prozess, die Bewegung – das Leben.

 

Ich sah mir eine Weile das Münster an. Die gotische Kirche mit der höchsten Kirchturmspitze der Welt hatte mich schon immer fasziniert. Im Dunkeln wirkte sie massiv und bedrückend. Scheinwerfer im Boden beleuchteten die stummen Mauern. Ich wurde das Gefühl nicht los, als hinge ein riesiges Damoklesschwert über mir. Trotzdem blieb ich minutenlang im Schatten des Bauwerks, ehe ich mich lösen konnte und meinen Spaziergang fortsetzte.

 

Das Treffen mit den Kollegen aus der Forschung war spannend gewesen. Nach dem heißen Tag wirkte die kühle Nachtluft erfrischend und ich schlug den Weg nach Söflingen ein. Die Straßenbahn wollte ich nicht nehmen, sondern laufen, mich bewegen. Vielleicht mache ich einen Abstecher zum Klosterhof, schoss es mir durch den Kopf.

Meine Gedanken flossen ziellos dahin. Die Bücher in meiner Umhängetasche drückten mir ins Kreuz. Ich hätte sie auch im Hotel lassen können, aber ich gehe eben nie ohne meine Bücher und ein Notizbuch aus dem Haus.

Die Stunde war spät, es waren kaum Autos auf den Straßen. Ich konnte das Schwappen des Wassers in der Flasche hören, die ebenfalls in meiner Umhängetasche steckte und durch meinen Gang in Bewegung versetzt wurde. Bewegung. Bewegung war einfach auszulösen, aber schwer durchzuhalten.

 

Hohe Kamine fingen meinen Blick ein, ich war nun auf der Höhe der FUG Fernwärme.

Das verfallene Haus in der Magirusstraße 33 stand eingeklemmt und trotzig zwischen modernen Wohnbauten.

Ein Mann kam heraus. Eine Hand suchte das Geländer vor der Tür, verfehlte es.

Der Mann stolperte die Stufen der Treppe hinab, er fing sich, setzte sich auf die unterste Stufe und wirkte, als ob er sich orientieren, ja, zu sich kommen müsste.

Ich ging zu ihm hin und holte die Wasserflasche heraus.

 

„Trinken Sie einen Schluck“, bot ich dem jüngeren Mann an. Dieser sah zu mir auf. Er trug eine rote Mütze, ein verwaschenes grünes T-Shirt und eine verblichene Jeans. Seine Augen waren gerötet und er machte den Eindruck einer ausgequetschten Zitrone.

Der Mann räusperte sich und nahm die Wasserflasche. „Danke“, sagte er, schraubte sie auf und trank einen großen Schluck. Ich ließ meine Augen an der Fassade des Hauses hinaufwandern.

„Eine ziemliche Bruchbude“, entfuhr es mir.

Der Mann atmete laut aus.

„Ja, allerdings“, stimmte er zu. Ich blickte wieder zu ihm hinunter. Er suchte etwas in seinen Jackentaschen.

„Mist, Zigaretten sind im Auto“, murmelte er.

„Tut mir leid, ich rauche nicht mehr“, sagte ich. Der Mann winkte ab, legte eine Hand um das Geländer und zog sich hoch. Ich griff ihm unter den anderen Arm.

„Danke, geht schon“, sagte der Mann. Ich trat einen Schritt zurück. Er wirkte immer noch ein wenig wackelig auf den Beinen, brauchte ein paar Sekunden und atmete einige Male tief durch.

„Alles gut“, der Mann hob beschwichtigend die Hände, in der einen immer noch die Wasserflasche.

„Der Kreislauf, langer Tag …“, murmelte er. Ich nickte verständnisvoll und bemerkte, dass wir gleich groß waren.

„Danke für das Wasser.“

„Kein Problem“, sagte ich und reichte ihm meine Hand.

„Mein Name ist Andres Turet.“

Der Mann ergriff meine Hand. Ein starker, entschlossener Händedruck.

„Adrian Dister“, stellte sich der Jüngere vor.

„Freut mich, also – es geht wieder?“, fragte ich vorsichtshalber. Adrian Dister nickte.

„Das war nichts weiter.“ Er warf einen Blick auf die Uhr.

„Ach du Sch- kurz vor dreiundzwanzig Uhr!“, bemerkte er.

„Sie müssen sicher nach Hause, ihre Familie wartet bestimmt auf Sie“, sagte ich.

„Oh ja, also, schönen Abend noch und danke!“, der Mann ging in den Hinterhof, dort parkte ein dunkles Auto, ein Audi.

„Ich brauch‘ jetzt ’ne Zigarette“, hörte ich Adrian Dister noch laut vor sich hinsagen. Doch bevor er einsteigen konnte, schienen ihm erneut die Kräfte zu versagen, denn er musste sich schnell mit den Händen auf dem Wagendach abstützen. Ich ging zu ihm.

„Entschuldigen Sie, aber was halten Sie davon, wenn wir etwas trinken gehen, um sie wieder fit zu kriegen? Nicht weit von hier ist eine Kneipe“, schlug ich vor. Ich war um den jüngeren Mann etwas besorgt.

Adrian Dister sah mich an und nickte.

„Gute Idee.“

 

Ich saß mit Adrian in der „Roten Flora“. Anders als der Name vermuten ließ, handelte es sich dabei weder um einen Stripclub noch um ein Bordell. Die Rote Flora war eine abgehalfterte Arbeiterkneipe, wo man auf einem Flachbildfernseher an der Wand Fußball guckte und über die letzte Gehaltsabrechnung schimpfte. Die Kneipe lag nur ein paar Straßen von dem Haus entfernt, wo ich Adrian aufgelesen hatte.

Ach ja, die Rote Flora erinnerte mich an vergangene Zeiten. Ich war erleichtert, dass es sie noch gab. Zumindest ein Ort in der Stadt, der sich nicht verändert hatte. Nachdem ich die Getränkekarte vergeblich nach meinem geliebten Borsodi abgesucht hatte, ein ungarisches Bier aus einer Brauerei in Budapest, bestellte ich ein Helles. Adrian nahm ein Lager. Obwohl er zunächst protestierte, bestand ich darauf, ihn einzuladen.

Wir setzten uns an einen fleckigen Tisch voller Bierdeckelabdrücke. Im Raum nebenan wurde Tischkicker gespielt. Es war laut und in der Luft lag der Geruch von Hopfen und Schweiß.

Ich hielt Adrian Dister das Bierglas entgegen.

„Egészségedre!“

„Bitte?“, fragte er.

„Das ist ungarisch und heißt Prost“, erklärte ich. Adrian Dister stieß mit mir an.

 

Wir nahmen beide den ersten Schluck und nach einigen Minuten wirkte Adrian wacher und seine aschgraue Gesichtsfarbe war einem gesunden Rot gewichen. Dem jüngeren Mann ging es offenbar besser. Adrian Dister musste nicht viel sagen, um Eindruck auf mich zu machen. Ich konnte es nicht erklären, aber es war ein vertrautes Gefühl, als würden wir uns schon länger kennen, und nicht erst seit ein paar Minuten.

 

„Darf ich Sie fragen, ob Sie dieses Haus renovieren? Zumindest sieht es danach aus, als könnte es ein wenig frische Farbe vertragen“, begann ich eine Unterhaltung.

Adrian Dister schürzte die Lippen und machte ein amüsiertes Geräusch.

„Ein wenig ist gut“, murmelte er und suchte mit den Augen die Wand ab. Er wirkte, als würde er über etwas nachdenken.

„Sind Sie zufällig Psychologe oder Mitarbeiter einer Irrenanstalt?“, fragte Adrian mich unvermittelt.

Ich musste schmunzeln.

„Nein, ich wäre ein miserabler Psychologe und viele sind der Meinung, ich eingeschlossen, dass mir ein Aufenthalt in einer Irrenanstalt sicherlich nicht schaden würde“, ich nahm einen Schluck Bier.

Adrian Dister lachte. „Glauben Sie an den schöpferischen Geist?“, fragte er zögernd.

„Allerdings“, gab ich zurück.

Meine unmittelbare Zustimmung nahm ihm wohl ein wenig den Wind aus den Segeln, denn er wirkte für einen Moment perplex, ehe er fortfuhr.

„Ok – hm, glauben Sie daran, dass es Orte gibt, an denen all das, was man im Inneren trägt und irgendwie festhängt … na, sagen wir, hervorsprudelt?“

Ich musste über die Worte meines Gegenübers nachdenken. Diese Gedanken beschäftigten mich schon lange.

„Ich war die letzten 40 Jahre Professor für Kommunikationswissenschaften in Budapest. In jüngster Zeit forschte ich über ein noch recht unbekanntes Phänomen …“ Ich wusste noch nicht, wie ich den Satz weiterführen sollte. Adrian Dister wäre der erste Mensch, dem ich von meinen neuen Theorien erzählen würde. Der Mann gegenüber runzelte die Stirn und trank einen Schluck.

„Sie waren Professor in Budapest? Deswegen ihr Egészségedre-Ausspruch – Ihr Deutsch ist aber verdammt gut!“

„Meine Familie ist deutscher Abstammung. Ich wuchs in Budapest auf, wurde aber mehrsprachig erzogen“, erklärte ich.

„Und Sie lehrten Kommunikationswissenschaften?“

„Die letzten vierzig Jahre ja, nun bin ich Pensionär“, erzählte ich ihm und trank.

„Ich habe einen Freund in Budapest, sein Sohn besucht die Corvinus Universität …“

„Ja, dort lehrte ich.“

„Ok, und Sie erwähnten etwas von einem Phänomen, das mit dem Geplapper des schöpferischen Geistes zusammenhängt?“

Ich blickte in die Augen des anderen. Sie besaßen eine unergründliche Tiefe und eine vereinnahmende Neugier. „Vielleicht ja, es geht darum …“ Ich suchte nach Worten, dann wurde ich abgelenkt. Lautes Gejohle brandete durch den Raum. Ein Typ hatte sich auf den Kopf gestellt und balancierte einen Bierkrug auf seinem rechten Fuß.

„Sehen Sie das?“, fragte ich und deutete zu der Gruppe Männer hinüber, die sich um den Bierkrug-Akrobat versammelt hatte. Adrian Dister sah hin.

„Darum geht es, sich auf den Kopf zu stellen, von einem Moment auf den anderen.“

Als ich Adrian und seine Reaktion beobachtete, war ich erstaunt. Er wirkte nicht so, als habe er ein großes Fragezeichen über dem Kopf oder würde nur Bahnhof verstehen. Nein, er war anders. Ich sah ihm an, dass er zumindest eine Ahnung bekam, was ich sagen wollte und das bedeutete mir viel. Ich holte meine Visitenkarte heraus. Die Uhr zeigte inzwischen weit nach Mitternacht.

„Lassen Sie uns in Kontakt bleiben, ich bin noch eine Weile in der Stadt“, sagte ich während ich ihm meine Karte zuschob. „Und nennen Sie mich Andres.“

„Sehr gern, aber nur, wenn sie mich Adrian nennen.“

Wir lachten, dann beglich ich die Zeche und klopfte auf den Tisch.

„Für mich ist es spät“, sagte ich und stand auf.

Wir gaben uns die Hand und wünschten einander eine gute Nacht.

So begegnete ich Adrian Dister.

In dieser Nacht nahm alles seinen Anfang.

 

. . .

 


 

Adrian war noch zu aufgewühlt, um nach Hause zu gehen. Er blickte dem alten Mann namens Andres Turet hinterher wie er die Bar verließ und bestellte sich daraufhin ein weiteres Bier. Die Ereignisse im Keller, das Treffen mit Andres Turet und ihr Gespräch wirbelten in seinem Kopf umher wie ein Wasserstrudel.

Als Adrian bemerkte, dass er Probleme haben würde, Auto zu fahren, legte er den Weg zu seiner Wohnung in der Oststadt zu Fuß zurück.

Emily Dister hörte den Schlüssel im Türschloss – es war Viertel nach fünf Uhr morgens.

Sie blieb im Bett und wartete darauf, dass ihr Mann ins Schlafzimmer kam. Zum Glück hatte Eric einen tiefen Schlaf und wachte von dem Gepolter, das Adrian veranstaltete, nicht auf. Emily konnte nie besonders gut schlafen, wenn Adrian die Nacht über weg war. Sie war wütend, dass er sich nicht gemeldet hatte, aber der Streit würde bis zum Morgen warten müssen, wenn Eric in der Krippe war. Zum Glück wurde der Kleine immer von ihrer guten Freundin Marissa abgeholt, denn manchmal war Adrian so vergesslich, dass sie ihn anrufen musste, um ihn daran zu erinnern, ihren Sohn abzuholen. Emily strich sich über den runden Bauch. Darin hatte es sich ihr kleines Töchterlein gemütlich gemacht. Sie würden sie Sofia nennen.

 

Adrian zog im Flur die Schuhe aus und schlich sich zunächst in das Zimmer seines Sohnes. Es stand voller Dinosaurier und Playmobilburgen. An sein Bett zu kommen, glich einem Hindernisparcours. Er blickte auf den schlafenden Jungen hinab und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Das war ihr Ritual, jede Nacht. Adrian war sich bewusst darüber, wie spät es war, aber das ließ er sich nicht nehmen.

„Träum was Schönes, mein Sohn“, sagte Adrian und machte sich auf den Rückweg durchs Zimmer. Als er sich ins Bett neben Emily kuschelte, war diese wach und blockte seinen Arm ab, der sich über sie legen wollte.

„Wo warst du?“, zischte sie leise. „Ich habe mir Sorgen gemacht!“

Scheiße, dachte Adrian, wie sollte er ihr erklären, dass er in einer Bar versackt war? Wie sollte er ihr vom Keller erzählen? Und warum zum Henker war es bereits halb sechs Uhr morgens? So lange hatte er doch gar nicht gebraucht! Emily erwartete eine Antwort, aber Adrian dämmerte bereits in die Dunkelheit hinüber.

 


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