<- Kapitel 3 // Kapitel 5 ->


Heiko Boner suchte sich ein kleines Team zusammen, Leuten denen er absolut vertrauen konnte, andernfalls wanderten sie vielleicht alle in den Knast. Ihr Treffpunkt war sein Hobbykeller, wo es vor Gartenzwergen und anderen Tonfiguren nur so wimmelte. Dort inmitten dieses Sammelsuriums einsamer Absonderlichkeiten schmiedeten sie einen Plan. Team „Amt“ bestand aus seinem Neffen Richard, auch Ricci genannt, der als Masseur im Vier Sterne Spa und Wellness-Hotel Panorama hoch oben am Berg arbeitete, seinem Koch Winfred, der seinen manchmal hinterherhinkenden Zimmerservice ausbügelte Miriam, der schnellsten Kellnerin mit Herz und Verstand im ganzen Schwarzwald und ihm natürlich, den Kapitän.

Sie wussten, was sie taten, verstieß gegen das Gesetz, aber wen kümmerte das schon hier, tief im Schwarzwald?

In der Nacht würde es losgehen.

Thorsten hatte Spätschicht und fuhr mit dem Fahrrad in den Hinterhof des Amtes, wo es eine Reihe von Fahrrad­ständern gab. Es war kurz vor 22 Uhr und er musste sich beeilen. Thorsten war immer schon ein wenig verträumt gewesen und hatte den Kopf in einer musikalischen Wolke aus Bach-Fugen stecken, die aus seinen Ohrhörern drangen. Gerade als er um die Mauerecke in den Innenhof einfuhr sah er, wie eine Gruppe übergroßer Disneymasken tragender Leute einen zappelnden Sack in einen weißen Lieferwagen steckten. Thorsten betätigte die Bremse. Goofy, Minnie, Dagobert und Donald bemerkten ihn nicht. Zum Umkehren war es zu spät, ohne Schutz stand Thorsten ihnen im Weg. Der Lieferwagen fuhr auf ihn zu, hielt mit quietschenden Reifen an und ein Fenster wurde heruntergelassen. Onkel Dagobert steckte den Kopf heraus.

„Du hast alles gesehen?“, fragte Dagobert mit stumpfer Stimme.

„Hab ich.“ Thorsten war so geschockt, dass er nicht mal lügen konnte. Die Seitentür wurde aufgeschoben.

„Steig ein.“ Er konnte gar nicht so schnell schauen oder reagieren, schon zogen Donald und Goofy ihn samt Fahrrad in den Lieferwagen.

Als Thorsten ein Junge war hatte er sich immer gewünscht, einmal Zeit mit Donald, Goofy und Co. zu verbringen. Von ihnen entführt zu werden, war zwar ungewöhnlich aber richtig real schien Thorsten die ganze Szene ohnehin nicht. Komische Elmshagener, dachte er. Erst nichts reden und dann solche Späße. Thorsten erhaschte einen Blick auf den zappelnden Sack, bevor er Goofys verschwitzte Maske falschherum über den Kopf gestülpt bekam. Eigentlich sollte Thorsten so etwas wie Angst oder Panik empfinden, doch er war ganz im Gegenteil aufgeregt! Noch vor Wochen dachte Thorsten, dass in Emshagen nie etwas spannendes passieren würde.

„Jungs, seid nicht zu grob!“, ging Mimi dazwischen, als Thorsten und der Abteilungsleiter H. fünfzehn Minuten und einen kurzen Fußmarsch später auf zwei Stühlen gefesselt wurden. Als Thorsten wieder sehen konnte, staunte er nicht schlecht. „Hallo Abteilungsleiter H.“ Thorsten war überrascht, ihn neben sich sitzen zu sehen, nachdem man ihn die Maske abgenommen hatte.

„Äh, wer sind Sie?“, fragte Abteilungsleiter H. desorientiert. Er und Thorsten befanden sich in einer altmodisch einge­richteten Hütte. Vor den Fenstern sah man nichts weiter, als die schwarzen Umrisse der umliegenden Wälder in der Nacht.

„Thorsten Weber, Sie haben mich als Sachbearbeiter eingestellt.“

„Ach so.“ Thorsten sah Abteilungsleiter H. an, dass er ihn nicht erkannte.

„Ruhe!“, donnerte Dagobert, der mit Donald am Tisch saß. Goofy stellte gerade eine Kamera vor Thorsten und Abteilungsleiter H. auf.

„Wer bist du eigentlich Junge?“, fragte Dagobert, während er etwas auf ein Stück Papier schrieb.

„Ich bin nur ein Sachbearbeiter und Student, bei mir ist nix zu holen, glauben sie mir“, sagte Thorsten.

„Darum geht es uns auch gar nicht. Wo arbeitest du denn im Amt?“

„Ich bearbeite die Meldescheine.“

„Armes Schwein, dann ist dass, was wir hier machen nur zu deinem Besten.“

„Was machen Sie denn?“, fragte Thorsten.

„Eine Erpressung“, rief Goofy dazwischen, dann wandte er sich an Dagobert.

„Wir können anfangen Hei.. – ich meine Chef.“

Dagobert warf ihm einen bösen blick zu, stand auf und hielt Abteilungsleiter H. den Zettel vor die Nase.

„Das lesen sie vor, in die Kamera, können Sie sich das merken?“

„Äh, ich…ich denke schon“, stotterte der nunmehr verunsicherte Abteilungsleiter und las den Zettel.

„Wie bitte, sind Sie wahnsinnig?“, rief er kurz darauf aus.

„Nein, aber wir wollen diesen Irrsinn stoppen“, entgegnete Dagobert.

Abteilungsleiter H. biss die Zähne zusammen. Goofy richtete die Kamera auf den Abteilungsleiter und schaltete sie ein. Er gab ein Signal.

„Vorlesen“, befahl Dagobert. Abteilungsleiter H. schwieg, doch als Goofy eine eindeutige und motivierende Handbewegung machte, leierte er den Text in einem Zug herunter.

„Liebe Familie, liebe Gemeinde, mein Name ist Abteilungsleiter H.. Ich bin zuständig für das örtliche Meldewesen. Mir geht es gut, ich bin in der Gesellschaft gefährlicher Menschen. Ihre Forderung: Meine Freilassung gegen die Abschaf­fung der Kurtaxe oder die Einführung einer unbürokratischen Alternative. Ihr habt 24 Stunden, wenn Ihr nicht auf diese Forderung eingeht, werden sich sämtliche Bewirtungsbetriebe weigern, weiterhin Gäste aufzunehmen. Vielen Dank.“ Thorsten blickte zu Dagobert und Co hinüber. Sie waren unzufrieden mit der emotionslosen Darbietung des Abteilungsleiters.

„Verdammt, der darf das doch nicht so gefühlslos runterrattern!“, murmelte Donald. Der Abteilungsleiter hatte das mit angehört und begann schrecklich zu schwitzen. Auch Mimi war unzufrieden und forderte einen weiteren Versuch.

„Ich kann das nicht besser machen“, jammerte Abteilungsleiter H.

Thorsten schritt ein: „Entschuldigen Sie, aber ich glaube, ich kann helfen.“ Alle Köpfe wandten sich ihm zu.

„Ich beginne im Herbst mein Studium und ich weiß schon, wie man Emotionen in die Stimme legt.“ Dagobert und Co. wechselten einen Blick.

„Na, dann mach mal. Bring ihn dazu, das wirklich emotional zu sagen“, entschied Dagobert und Thorsten machte sich an die Arbeit. Er nahm den Text komplett auseinander, empfahl diese oder jene Stelle langsam vorzulesen, andere wiederum schnell vorzutragen, mit Pause oder ohne. Abteilungsleiter H. solle an freudige oder traurige Dinge aus seinem Leben denken, während er den Text vorlas.

Schon beim nächsten Versuch lieferte Abteilungsleiter H. eine filmreife Vorstellung ab. Die Entführer waren zufrieden. Nach der Arbeit band man sie los und sie bekamen exzellent zu Essen. Goofy präsentierte wie ein echter Kenner, was er ihnen vorsetzte: „Spargelsalat, Champignon-Rahm und Speck mit Ofenkartoffeln.“

„Sie sind Koch“, meinte Thorsten nach der Speisevorstellung, bekam jedoch keine Antwort. Nach dem Essen plagten Thorsten Kopfschmerzen, ein Leiden seit seiner Schulzeit. Die Disney-Gruppe baute ihr Equipment ab. Donald sah zu ihm hinüber, wie er versuchte, seinen Nacken zu lockern. Wortlos kam er zu ihm hinüber und verpasste ihm die beste Massage, die Thorsten je erlebt hatte. Bevor die maskierte Truppe die Hütte schließlich verließ, kam Minnie zu Thorsten: „Von dir wollen wir nichts. Sollen wir jemanden verständigen, dass du, na, sagen wir in Urlaub bist und nicht zu erreichen?“, fragte sie ihn. Thorsten schüttelte den Kopf. „Nee, aber danke“, sagte er.

„Na dann, gute Nacht.“ Selbst unter dem dumpfen Plastik klang Mimis Stimme süß und freundlich.

Zum Schlafen gab es zwei Betten. Sie wurden in der Hütte eingesperrt, konnten sich aber ansonsten frei bewegen. Abteilungsleiter H. konnte nicht schlafen und tigerte in der Hütte auf und ab. Auf dem Amt hatte Thorsten ihn deutlich ruhiger erlebt, so viel Energie und Bewegungsdrang hätte er ihm gar nicht zugetraut.

„Die haben mich absichtlich entführt.“ Thorsten dachte sich, dass das meisten so war, bei Entführungen. Nur ihn hatten sie unabsichtlich mitgenommen.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er. Abteilungsleiter H. blieb stehen.

„Das habe ich vergessen“. Und weiter tigerte er.

„Was genau ist eigentlich ihre Aufgabe im Rathaus? und was meinen sie mit absichtlich entführt?“

Abteilungsleiter H. seufzte theatralisch.

„Ich bin der Bürgermeister, aber das weiß keiner. Mein Stellvertreter übernimmt sämtliche Amtsgeschäfte.“

Donnerwetter, dachte Thorsten, das war ja besser als jeder 08/15-Thriller.

„Ja, aber warum denn diese Geheimniskrämerei?“

„Ich hatte keine Lust mehr auf den Job, aber ich kann nicht gekündigt werden, dann haben wir das eben so arrangiert“, erzählte Abteilungsleiter H. und blickte Thorsten an. „Die Arbeit im Meldewesen macht mir mehr Spaß. Organisation, Menschen und Berge von Papier – diese Dinge begeistern mich.“

Das Erpresservideo wurde in der Landesschau ausgestrahlt und machte auf Youtube schnell die Runde durchs Netz. Bereits am nächsten Tag zierte die fette Schlagzeile: „Entführungsdrama. Mysteriöse Forderung!“ das Titelblatt des Emshagener Anzeigers. Doch hinter den verschlossenen Türen des Amtes reagierte man zunächst mit reaktionären Trotz: „Wir lassen uns nicht erpressen!“, ließ der Bürgermeister Florian Bergbauer, der ja eigentlich nur ein Stellvertreter war, an die Medien weitergeben. Der Bürgermeister und seine Mitarbeiter ließen die Frist von 24 Stunden verstreichen. Auf so eine Chance hatte Florian Bergbauer nur gewartet. Endlich konnte er zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war.

Er würde sich in die oberste Riege der Politik katapultieren und nicht länger auf den lästigen Schatten von Abteilungsleiter oder besser Bürgermeister H. angewiesen sein. Doch er hatte die Rechnung ohne die Entschlossenheit der Hoteliers und Gastronomen gemacht. Diese legten in und um Emshagen die Arbeit für 24 Stunden nieder und weigerten sich, Gäste aufzunehmen oder zu bedienen.

Während dieser Ereignisse bastelten Dagobert und seine Crew in der Hütte an einem weiteren Video, aber Abteilungs­leiter H. verfiel wieder in seine roboterhafte und einschläfernde Sprechweise und konnte sich schon bald gar keinen Text mehr merken. Thorsten musste wieder einspringen und machte mit seinem Chef ein paar Schauspielübungen, um ihn locker zu machen.

„Zuerst die Stimme lockern“, wies Thorsten Abteilungsleiter H an. Thorsten machte vor, wie man den Kiefer massierte und mit der Zunge die Zähne zählte und Kreisbewegungen machte. Dann tönten sie ein paar Vokale, bevor es an Improvisationsübungen ging. Thorsten brachte Abteilungsleiter H. bei, die Kamera als seinen Freund zu sehen und den Text nicht der Kamera, sondern den Zuschauern zu erzählen. Wie gerne wäre Thorsten Schauspieler geworden.

Dagobert, Minnie, Donald und Goofy beobachteten die beiden äußerst skeptisch, doch dann artete der Schauspielunterricht in eine Gruppenstunde aus und alle hatten richtig Spaß. Am Ende des Tages gab Abteilungsleiter H. eine oskarreife Vorstellung. Die Likes auf Youtube übertrafen noch das erste Video und überholten sogar Justin Biber, der dabei gefilmt worden war, wie er betrunken von der Bühne fiel. Die Disney-Gruppe bedankte sich bei Thorsten für die Hilfe. Jeden Abend verwöhnte Goofy Thorsten und Abteilungsleiter H. mit ausgezeichneten Speisen. Thorsten hatte noch nie so gut gegessen, wie in dieser Woche, als er in einer Hütte in den Bergen eingesperrt war.

Die großangelegte Suchaktionen der Polizei blieben erfolgslos. Nach einer Woche konnte selbst Florian Bergbauer die Augen vor dem drohenden finanziellen Kollaps nicht mehr verschließen. Der Streik der Hoteliers dauert an. Er setzte sich mit den Leuten der Abteilung für „obere Angelegenheiten“ in Verbindung.

„Bergbauer, wir sind hier oben sehr beschäftigt!“, fluchte der zuständige Abteilungsleiter in Telefon.

„Das weiß ich, aber ich brauche einen Rat wegen dieser Kurtaxe-Geschichte.“ Florian Bergbauer war verzweifelt.

„Ich brauche jetzt eine Lösung!“, rief er ins Telefon.

„Bergbauer, wir sind nicht dafür da, um für Sie zu denken.“ Prompt wurde aufgelegt. Florian Bergbauer sank in seinem schicken Ledersessel, der am Kopfende eines rund zehn Meter breiten Schreibtisches stand, zusammen. Wenn er das nicht auf die Reihe bekam, musste er sich schnell aus dem Staub machen, bevor die ganze Verantwortung auf ihn abgewälzt wurde.

Heiko Boner wusste von seinen Informanten, wie die Stimmung im Amt war und dass der Bürgermeister unter großem Druck stand. Nun war der Moment endlich gekommen, Marcel Bescheid zu geben: „Schlagen Sie denen im Amt nochmals den elektronischen Meldeschein vor, ich bin sicher, nun werden die auf Sie hören.“


<- Kapitel 3 // Kapitel 5 ->