Was bisher geschah …

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2004

 

In den Tagen nach der Hausübernahme suchte Adrian fachmännischen Rat bei seinen Bekannten. Christoph Keller war ein Architekt, für den er zwei Jahre zuvor ein neues Corporate Design umgesetzt hatte. Die Statikerin Sabine Richter gehörte zum engen Freundeskreis seiner Frau und zu guter Letzt setzte er auf Heiner Borenbach, einen Bauingenieur kurz vor dem Ruhestand.

Adrian hörte sich ihre Ratschläge an und beschloss, dass zwei Drittel davon Scheiße waren.

„Adrian, das Haus ist nicht mehr zu retten, verkaufe es lieber!“, riet ihm Christoph Keller und bot ihm einen dieser neu-modernen Kastenbauten mit Fensterfassade an, denen man in jeder größeren Stadt begegnete.

„Quatsch, du brauchst nur einiges an Geld“, konstatierte Heiner Borenbach, als Adrian ihm von Kellers Meinung erzählte.

Letzten Endes vertraute er seiner Statikerin. Die hatte nämlich keine Meinung und erledigte einfach nur ihren Job. Adrian tat das, was er schon oft gemacht hatte: Er nahm einen Vorschlaghammer zur Hand und ging an die Arbeit.

 

In den darauffolgenden Wochen musste sich die ganze Agenturgruppe wahrlich zerreißen. Adrian wollte unbedingt die Renovierungsarbeiten größtenteils selbst stemmen, doch ihr tägliches Geschäft durfte nicht vernachlässigt werden. Zusammen mit Carsten und einem Team aus vier Leuten machten sie sich daran, das Haus in der Magirusstraße 33 wieder auf Vordermann zu bringen.

 

Während gehämmert, gebohrt und geflucht wurde, was das Zeug hielt, vertraute sich Adrian bei einem After-Work-Abendessen seinem Kompagnon Carsten an. Drei Wochen waren nun seit seinem Erlebnis im Keller vergangen und je länger er darüber nachdachte, desto drängender wurde der Wunsch, jemandem davon zu erzählen. Zu Emily konnte er nicht gehen. In den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft war Adrians Frau nervlich so angespannt, dass er ihr nicht mit irgendwelchen abstrusen Erlebnissen kommen wollte, die er selbst nicht so recht einordnen konnte. Ein paar Mal hatte er versucht, Andres Turet anzurufen. Auch er spukte Adrian seit jenem Abend immer wieder im Kopf herum, aber er erreichte nur die Mailbox des Professors. Schließlich entschied sich Adrian, Carsten vom Keller zu erzählen. Carsten war ein rationaler Typ. Er würde das, was Adrian dort erlebt hatte, in die Wirklichkeit zurückbringen. Das Einzige, was Adrian dabei beschäftigte, war der Gedanke: Was, wenn der Keller nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte?

 

Während sie am Tisch ihres Stammitalieners Primo Piatto saßen, hörte sein Freund geduldig zu – eine Stärke, die Adrian sehr an Carsten schätzte. Adrian tat sich schwer damit, seine Erlebnisse im Keller zu schildern, ohne dass er das Gefühl bekam, nicht total durchgeknallt zu sein. Als er zu Ende erzählt hatte, waren seine Spaghetti klebrig und kalt. Die Scampi auf den Nudelnestern blickten ihn aus ihren kleinen, schwarzen Äuglein bemitleidenswert an.

Carsten sagte eine lange Zeit gar nichts, sein Blick wanderte zu den kitschigen Landschaftszeichnungen an der Wand hinter Adrian.

„Ich will ihn sehen“, sagte Carsten schließlich und schlaute ihn an. „Ich will reingehen, alleine.“

Adrian dachte an den Kellerschlüssel in seiner Tasche. Er hatte ihn vor jedem verheimlicht und bisher schien sich niemand für den Kellerraum zu interessieren.

„Lass uns jetzt gehen, die Arbeiter sind mittlerweile weg“, schlug Adrian vor. Carsten nickte. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas Unergründliches. Zum ersten Mal in ihrer Freundschaft hielt Carsten seine wahren Gedanken vor ihm verborgen.

 

Es rollten dunkle Gewitterwolken über Ulm hinweg. Carsten fuhr zusammen mit Adrian in die Magirusstraße. Wie erwartet, hatten die Handwerker die Arbeiten bereits eingestellt.

Carsten brütete während der kurzen Fahrt in Adrians Audi über eine Pressemeldung, die ihm ernsthafte Kopfschmerzen bereitete. Adrian versuchte ihm zu helfen, aber bei diesem Thema ließ sich Carsten in nichts reinreden.

Wenig später parkten sie vor dem Haus. Die Elektrik des alten Gemäuers hatte noch immer ihre Zipperlein und so mussten sie auf Taschenlampen zurückgreifen. Die Lichtstrahlen beleuchteten die teils vergipsten Wände und den unfertigen Parkett.

„Ich warte hier oben“, sagte Adrian und gab Carsten den Schlüssel.

„Alles klar“, nuschelte dieser und stieg die Treppe zum Keller hinab.

Adrian setzte sich im Erdgeschoss auf einen der Holzstühle und ließ die dunkle Fläche auf sich wirken. Der Wind rüttelte an allem, was noch nicht niet- und nagelfest war.

Das würde das große Besprechungszimmer werden, dachte sich Adrian beim Anblick des Raums. Er hatte bereits die Farben und die Innenausstattung im Kopf.

Dann wanderten seine Gedanken zurück zum Keller und zu Carsten.

 

Carsten sah sich im Untergeschoss um, ging ein paar Schritte und entdeckte die Tür. Dumpf hörte er den Regen prasseln. Der Wind, der über das Haus hinwegfegte, dröhnte wie eine vorbeidonnernde U-Bahn in seinen Ohren. Carsten trat zu der Tür und schloss sie auf. Unwillkürlich beschleunigte sich sein Herzschlag. Als die Tür ins Dunkel schwang, fühlte er sich wie der schwachköpfige Hauptdarsteller eines schlechten Horrorfilms und musste schmunzeln. Dann trat er ein, der Luftzug ließ die Tür hinter ihm mit einem gewaltigen Rumms ins Schloss krachen und er fand sich in …

 

* * *

 

… hmmm …

der schönsten Bibliothek diesseits der Bodleian Library der Oxford Universität wieder.

Carsten musste träumen: hohe Decken, Kathedralen-ähnliche Bögen und hölzerne Regale, die unter Millionen von Büchern knarzten. Der Duft von alten, ungezählt umgeblätterten Papierseiten wehte ihm um die Nase.

Carsten stand inmitten dieses herrlichen Orts und zweifelte zum ersten Mal wirklich an seinem Verstand. Was zum Henker ging hier vor?

Hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Verblüffung lief Carsten zwischen den endlos erscheinenden Bücherreihen entlang. Er war ganz alleine.

Wie real war das hier?, schoss es ihm durch den Kopf. Unwillkürlich streckte er den Arm aus und seine Fingerspitzen strichen über raue Buchrücken.

Geruch, Tastsinn – alles funktionierte.

Ein dämlicher Test: Er zwickte sich. Autsch.

Kein Traum …

Carsten blieb stehen und zog ein Buch heraus – die Erstausgabe von James Joyces Ulysses. Ein Seufzer tiefsten Wohlgefühls entrang sich seiner Kehle.

Dann, ganz plötzlich war es da. Wie aus dem Nichts materialisierte sich der Text für seine nervige Pressemeldung. Er sah ihn fix und fertig vor sich.

Ein hartes Pochen hallte durch die Bibliothek, Carsten drehte sich um.

Es klang, als würde das gesamte Gebäude beben. Er suchte den Ausgang.

Es musste doch …

 

* * *

 

Ein harter Aufprall ließ Adrian zurückstolpern.

„Hey, hey!“ rief er, als Carsten mit Schwung aus der Tür stürzte und gegen ihn stieß.

Carsten wirkte völlig verwirrt. „A-Adrian!“ stotterte er.

Adrian trat zwei Schritte zurück und musterte seinen Freund eingehend.

„Du warst zwei Stunden da drin“, sagte er.

Carsten sah ihn perplex an.

„Was?“, keuchte er und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

Völlig verwundert registrierte er die Uhrzeit. Es war kurz vor 23 Uhr.

„Was ist denn da drin passiert?“, fragte Adrian.

„Nichts“, beeilte sich Carsten zu sagen. Die schnelle Antwort hörte sich jedoch selbst in seinen Ohren unglaubwürdig an.

Adrian hob die Augenbrauen. Er glaubte Carsten kein Wort.

„Aha …“

„Ja, nichts, ich muss nach Hause“, sagte Carsten und fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn.

„Was, aber …“, begann Adrian.

„Keine Ahnung, was du meinst, das ist nur ein Keller, ok!“, pflaumte ihn Carsten an und drückte Adrian den Schlüssel in die Hand. Dann stürmte er energischen Schrittes an seinem Freund vorbei und stieg die Treppe hoch.

Kopfschüttelnd blieb Adrian zurück.

Carsten war ein erbärmlicher Lügner. Was bedeutete: Adrian hatte recht mit dem Keller. Über sich hörte er die Eingangstüre zuschlagen.

Es war Adrian, als ob er einen weiteren Beweis brauchte und so betrat er den Keller erneut.

 

Als Carsten das Haus in der Magirusstraße verlassen hatte, blinkte sein Mobiltelefon – zwei Anrufe in Abwesenheit von seiner Frau Lisa. Im Keller schien es keinen Empfang zu geben.

„Scheiße!“, fluchte er und überlegte, zu Hause anzurufen, aber mit Blick auf die Uhrzeit entschied er sich dagegen. Er würde nur seinen Sohn Benjamin aufwecken.

Carsten stieg in sein Auto und raste durch die dunkle Stadt nach Hause.

Sein Haus befand sich an der Donau, direkt hinter der Stadtmauer. Im ersten Stock hatten sie vom Schlaf- und Kinderzimmer eine herrliche Aussicht auf den Fluss und das Neu-Ulmer Ufer. Von der Küche aus gelangte man in einen schmalen Garten an der Mauer, wo Lisa Gemüse anpflanzte. Das Häuschen war ein echter Glücksgriff. Hier war Normalität, hier war Realität. Die Straßen der Stadt, die Bäume in der Gasse vor seinem Haus – alles sah so aus, wie er es kannte. Unverändert.

Carsten bemerkte, dass er immer noch schwitzte. Er fuhr sich mit seinem Taschentuch über die Stirn, bevor er die Haustür aufsperrte.

Zuhause war alles ruhig. Lisa und Benjamin waren längst im Bett.

Carsten machte kein Licht. Er streifte seine Schuhe an der Garderobe ab und schlich die Stufen zum Bad hinauf, das sich gleich neben ihrem Schlafzimmer befand. Die Tür war einen spaltbreit offen und Lisas Nachttischlampe beleuchtete schwach den dunklen Flur.

Sie war noch wach und hörte seine knarzenden Schritte.

Zum ersten Mal wollte Carsten nicht sofort mit seiner Frau reden.

Schnell verschwand er im Bad, streifte achtlos die Kleider ab und stieg in die Dusche.

Carsten hoffte, dass das eiskalte Wasser seine Gedanken reinigen würde.

Für den Keller gab es eine Erklärung und er würde sie finden, sagte er sich in Gedanken.

Minutenlang blieb Carsten unter der Dusche.

Denke nicht an den Keller, sondern an deine Arbeit, ermahnte er sich. Er versuchte, sich an seine Pressemeldung zu erinnern, die er fertigstellen musste. Plötzlich schoss es ihm durch den Kopf, dass er in der Bibliothek – nein, im Keller, ach, wo auch immer – noch gewusst hatte, wie die Pressemeldung aussah. Er hatte den ganzen Text buchstäblich vor sich gesehen. Aber nun war das alles wieder weg.

„Du verlierst nicht den Verstand, du bist nur gestresst, mein Lieber!“, sagte Carsten zu sich selbst.

Es klopfte an der Tür.

„Carsten, Liebling?“, drang die gedämpfte Stimme seiner Frau hindurch.

Carsten stellte die Dusche ab.

Sein ganzer Körper war rot, seine Haut kribbelte.

„Alles gut, mein Schatz“, sagte Carsten, während er in seinen blau-weiß-gestreiften Pyjama schlüpfte, der auf der Heizung auf ihn gewartet hatte.

Aus dem Badezimmerspiegel blickte ihm ein verstörtes Gesicht entgegen. Carsten wandte den Blick ab und öffnete die Tür.


* * *

 

„Yes!“, rief Adrian, als er das Telefonat mit dem Marketingleiter der Stadt Wobershafen beendet hatte, und knallte den Hörer auf die Gabel.

Seine Mitarbeiter im Büro hielten in ihren Tätigkeiten inne und sahen zu ihm hinüber – ganz so, als erwarteten sie augenblicklich neue Instruktionen. Adrian lächelte und hob beschwichtigend die Hand.

„Weitermachen“, grinste er.

Er lehnte sich zurück und ließ den Blick durch das Büro schweifen. Braune Umzugskisten bevölkerten bereits den ganzen Raum. Die Vorfreude seiner Mannschaft auf den bevorstehenden Umzug in die Magirusstraße war groß, obwohl sie noch nicht mal einen offiziellen Termin festgesetzt hatten. Adrian war bester Laune. Michaela kam zu ihm an den Tisch, wie immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Ich habe hier die neue Kostenschätzung der Renovierungsarbeiten und diese Rechnungen liegen schon seit zwei Wochen in der Schublade. Wenn du sie jetzt nicht unterschreibst, backe ich keine Bananenmuffins mehr und nehme mir eine Woche frei“, drohte sie. Obwohl Michaela lächelte, wusste Adrian, dass sie es ernst meinte.

„Na schön, her damit“, grummelte er und griff nach den Papieren, die ihm Michaela hinhielt.

„Hab ich schon mal erwähnt, dass ich Rechnungen hasse?“, murmelte Adrian, während er seine Unterschrift unter die Schriftstücke setzte.

„Ja, täglich, seit etwa fünf Jahren“, sagte Michaela.

Adrian gab ein genervtes Brummen von sich.

„Ist doch gar nicht so schlimm, oder?“, sagte sie.

„Jaja, das sage ich meinem Jungen auch immer, wenn wir vom Impfen kommen, aber wehgetan hat es ihm trotzdem. Ohne Belohnung komm ich dann nie aus der Nummer raus. Wo ist meine?“

„Ich hab Zigaretten gekauft. Die Belohnung für große Jungs liegt in der obersten Schreibtischschublade“, erwiderte Michaela.

Adrian seufzte und sah sie an. „Was würde ich nur ohne dich tun?“

Sie zuckte kommentarlos mit den Schultern und ging zu ihrem Schreibtisch zurück.

Adrian holte die Zigaretten heraus. Die neue Kostenkalkulation verstärkte seinen Wunsch nach einer Kippe. Er stand auf und verließ das Büro, um unten vor dem Gebäude in Ruhe zu rauchen.

Die Straßen und Grünflächen lagen voller gelbbrauner Blätter. Es war kühl und hatte vielleicht gerade mal 16 Grad. Der Herbst schien bereits im September mit großen Schritten näher zu kommen.

Adrians Gedanken wanderten nach Wobershafen. Er brauchte eine Marketingkampagne für die Stadt. Bloß keinen 08/15-Müll, wie ihn jede zweite Werbeagentur fabrizierte. Es musste etwas komplett Ungewöhnliches sein. Adrian dachte nach. Das Nikotin tat gut und half ihm beim Denken, doch der zündende Gedanke wollte sich einfach nicht einstellen. Einer Eingebung folgend beschloss er, am späten Abend dem Keller einen Besuch abzustatten.

 

Eingepackt in seine Daunenjacke betrat Adrian nach Sonnenuntergang das Haus in der Magirusstraße. Die Arbeiten machten schnell Fortschritte und einzelne Räume sahen schon beinahe fertig aus. Ein paar Monate noch, dann würde er jederzeit in den Keller gehen können, dachte er. Ärgerlicherweise wäre es dann aber auch mit dem Geheimnis vorbei. Der Keller wäre nicht länger sein privates Refugium.

 

Grübelnd ging Adrian hinab und schloss die Tür auf …

 

* * *

 

Einige Tage später saßen Adrian und sein Sohn Eric im Auto. Der Termin für ein neues Marketingkonzept der Stadt Wobershafen war ausgerechnet an einem Samstagvormittag. Adrian hatte vorgehabt, den Tag mit Eric zu verbringen, damit Emily ihre Ruhe hatte. Und so fuhr er gemeinsam mit seinem warm eingepackten Jungen nach Wobershafen, um den Auftrag an Land zu ziehen.

 

Üblicherweise war er bei Konzeptpräsentationen immer mit Laptop, Pappen und Mustern unterwegs. Heute hatte er nichts davon bei sich. Alles was er brauchte, steckte in seiner Jackentasche und war nur wenige Zentimeter groß.

„Halbe Stunde Großer, dann geht’s weiter!“, sagte Adrian über die Schulter zu seinem Sohn, der im Kindersitz saß und fröhlich aus dem Fenster guckte.

Eric konnte selbst an einem Verkehrsschild etwas Spannendes entdecken.

Während sie Wobershafen näher kamen, musste Adrian an sein Erlebnis im Keller zurückdenken, dort war ihm schließlich die Idee gekommen.

Was auch immer der Keller mit ihm anstellte, es funktionierte.

Es war, als würde der Ort den ganzen überflüssigen Gedankenbrei absaugen und nur das übriglassen, was tatsächlich gebraucht wurde. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Adrian konnte es kaum erwarten, in die perplexen Gesichter der Marketingleute von Wobershafen zu schauen.

 

Im Rathaus angekommen, brachte Adrian Eric zur Empfangsdame, die ganz verzückt von dem kleinen Bengel war.

„Könnten Sie während meines Termins mit Herrn Jaber eine halbe Stunde auf ihn achten?“, fragte Adrian die Frau mittleren Alters. „Aber selbstverständlich!“, erwiderte diese in freundlichem Ton. Eric sah seinen Vater in kleinkindlicher Empörung an. Adrian beugte sich zu ihm hinab und flüsterte ihm ins Ohr: „Nachher gibt’s ein Eis, wenn du jetzt brav bei der Dame bleibst.“

Erics Augen leuchteten. „Au ja!“, quäkte der kleine Mann.

Adrian hatte ein schlechtes Gewissen, dass er seinen Sohn mit Süßigkeiten bestach.

Doch in 18 Jahren war es vielleicht einmal ein Auto … besser also, er machte den Auftrag klar. Adrian ließ seinen Sohn bei Frau Wie-auch-immer zurück und klopfte wenig später an die Tür von Friedrich Jaber, Marketingchef der Stadt Wobershafen.

 

Adrian wartete, bis alle Teilnehmer am Konferenztisch Platz genommen hatten. Er saß einer Delegation von vier Leuten gegenüber, unter ihnen nur eine Frau.

„So, was haben Sie für uns, Herr Dister?“, begann Friedrich Jaber.

Adrian schaute in jedes Gesicht. In den Augen, die ihn musterten, lag Verwunderung.

Sie fragten sich, warum er nicht längst seine Präsentation, oder was auch immer, ausgepackt hatte. Adrian zog den Moment der Spannung noch einige Sekunden in die Länge, eher er in seine Tasche griff, eine Serviette herausholte und sie vor sich auf den Tisch legte.

„Das ist ihr Konzept“, sagte er. Amüsiert betrachtete Adrian die verständnislosen Blicke.

Friedrich Jaber rieb sich die Stirn und suchte die Augen seiner Kollegen. Verwirrtes Gemurmel kroch durch den Raum, gefolgt von unsicheren „Ähms“.

„Herr Dister, also … was … ähm … wollen Sie uns denn damit sagen?“

Adrian lächelte. Jetzt geht’s los, dachte er und enthüllte seine Idee.

 

Später an diesem Tag erzählte Adrian seiner Frau Emily beim Abendessen, wie er den Auftrag der Stadt Wobershafen bekommen hatte.

„Der Wobershafener Sieben ist ein Gedankenspiel, das frei assoziierte, spannende Geschichten mit dem Stadtnamen verbindet. Er kann alles sein. Auf einer Speisekarte im Restaurant gibt es Wobershafener Sieben Schweinebraten nach einem streng geheimen Rezept. Oder wir graben auf dem Stadtplatz ein Loch und behaupten, wir suchen nach dem Wobershafener Sieben. Das wird das neue Tourismus-Marketingkonzept der Stadt!“, erzählte Adrian begeistert.

Emily verzog schmerzhaft das Gesicht, nicht aufgrund der Geschichte, sondern weil sie Probleme beim Sitzen hatte. Vielleicht noch einen Monat, und sie würde ihr Töchterlein Sofia zur Welt bringen.

Eric stocherte in seinen Erbsen herum.

„Das ist gut, aber was hat es mit der Serviette auf sich, das verstehe ich noch nicht?“, fragte Emily.

Adrian winkte mit der Hand ab.

„Ach das, ich hätte alles nehmen können. Es sollte nur die Idee an sich verdeutlichen und die Leute aus ihrer Wohlfühlzone reißen. So hatte ich von Anfang an ihre Aufmerksamkeit“, antwortete er. Emily nickte verständnisvoll.

„Das ist ein toller Erfolg, ich bin stolz auf dich!“, sagte sie. Adrian war mit den Gedanken jedoch bereits beim Projekt für die Stadt. Er musste schleunigst wieder runter in den Keller, er half ihm, das Unnötige auszusortieren.

„Mama, das schmeckt nicht!“, quengelte Eric.

„Seit wann?“, fragte Emily.

„Ich mag keine Erbsen mehr …“

„Aufessen, Großer!“, sagte Adrian. Sein Sohn blickte ihn mitleidheischend an.

„Aber ich …“, begann er.

„Ich sagte, es wird aufgegessen!“, wiederholte Adrian, etwas strenger als beabsichtigt.

„Menno …“, murmelte Eric, begann aber, brav seine Nudeln mit Erbsen zu essen.

Adrian widmete sich wieder seinen Wobershafener Überlegungen.

„Adrian, wir sollten gehen“, drang Emilys Stimme in seine Gedankenwelt ein.

„Wir sind doch noch gar nicht fertig.“

„Ich meine ins Krankenhaus, ruf Carsten an“, sagte sie.

Schlagartig war Adrian ganz bei Emily.

„Wie-jetzt?“, stotterte er.

„Ruf-Carsten-an,“ Emilys Stimme duldete keinen Widerspruch.

„Ach du Scheiße.“ Adrian rannte zum Telefon.

Carsten ging nach zweimaligem Klingeln an den Apparat.

„Ich bespreche um diese Uhrzeit bestimmt keine Pressemeldungen mehr für Wobershafen!“, meldete sich dieser am anderen Ende der Leitung.

„Quatsch, ihr müsst rüberkommen und Eric holen. Ich muss mit Emily ins Krankenhaus, danke!“ Adrian legte auf, noch bevor Carsten etwas erwidern konnte.

Emily stand mühsam auf und hielt sich den runden Bauch.

„Kommt jetzt mein Schwesterchen, Mama?“, fragte Eric ganz aufgeregt.

„Ja, sieht so aus, Eric“, keuchte Emily, während Adrian schon durch die Wohnung sprang und alles zusammensuchte, was Emily brauchen würde. Fünf Minuten nach Adrians panischem Anruf waren Carsten und Lisa da, um Eric abzuholen. Es folgte eine Verabschiedung in aller Kürze, dann setzte Adrian Emily ins Auto und sie rasten zur Klinik am Safranberg, die zum Glück nur wenige Autominuten entfernt war.

Es wurde eine lange Nacht.

 

Kurz vor Morgengrauen saß Adrian erschöpft, aber überglücklich in der verlassenen Cafeteria der Frauenklinik. Seine Hände umklammerten einen dampfenden Styropor- Kaffeebecher. Adrian starrte in die schwarze Flüssigkeit. Er konnte es immer noch kaum glauben, aber nur zwei Stunden zuvor hatte er sein Töchterchen zum ersten Mal im Arm gehalten.

Sofia. Sie hatte einen Riesenradau gemacht. Am liebsten hätte er vor Glück getanzt, doch seine Tochter, dieses kleine Lebewesen, hatte ihn schon zur Gänze mit ihrer Magie eingefangen.

Nun schliefen Mutter und Tochter erschöpft und selig. Adrian hatte bereits alle notwendigen Telefonate erledigt. Am Vormittag würden Emilys Eltern kommen. Carsten, Lisa und Eric hatten sich für den Nachmittag angekündigt.

Nun hatte Adrian Zeit für sich. Ein seltsames Gefühl der Leere breitete sich in ihm aus – jedoch nicht emotionaler, sondern vielmehr räumlicher Art.

Adrian konnte dieses Gefühl nicht wirklich beschreiben, aber es war da.


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