<- Kapitel 4


Zwei Tage nachdem Heiko Boner ihn angerufen hatte, präsentierte Marcel Grummige den elektronischen Meldeschein vor den Mitarbeitern des Emshagener Rathauses in einem voll besetzten, stickigen Konferenzraum. Florian Bergbauer war froh, sich nicht aus dem Staub machen zu müssen und gab den überraschenden Anruf des Entwicklers als seine eigene Idee aus. Nun wurde er für seinen Erfindungsreichtum und seine Initiative gelobt. Marcel Grummige erklärte die neue Software. „Und was ist mit der Richtigkeit der Daten, die müssen wir doch nach wie vor überprüfen?“, fragte ein Mitarbeiter aus der Zuhörerschaft. Marcel schüttelte den Kopf: „Sie führt automatisch Plausibilitätsprüfungen durch. Also das, was die Mitarbeiter im Meldewesen bisher händisch machen mussten, wird dadurch hinfällig.  Außerdem kennzeichnet die Software auffällige Meldescheine, diese können dann manuell nachbearbeitet und korrigiert werden“, erklärte Marcel. „Außerdem kann der Sachbearbeiter den gewünschten Zeitraum für Abrechnungen und die gewünschten Betriebe übersichtlich auswählen und die Software erstellt daraufhin die Abrechnung und die Bescheide. Statistiken werden ebenfalls durch die Software erstellt. Zukünftig kann der Gastgeber auch einen elektronischen Befreiungsantrag inklusive Dateianhang stellen, wie er etwa für Geschäftsreisende oder Schwerstbehinderte gebraucht wird. Diesen muss der Sachbearbeiter nur noch prüfen und bestätigen. Ihr Papierkrieg ist damit zu Ende.“

Marcel beendete seine Präsentation. Die Mitarbeiter des Amtes waren begeistert. Die Sachbearbeiter der

Meldescheine wurden aus der Höhle herausgeholt und umgelernt. Von nun an durften sie in hellen Büros mit Fenstern ihre Arbeit ausüben. Manche arbeiteten auch im Park, wo sie frische Luft bekamen. Sogar genügend Personal für das Tourismusbüro war jetzt vorhanden und die Besucher von Emshagen äußerten auf Internetplattformen ihre vollste Zufriedenheit.

Für die Arbeit mit den Meldescheinen waren nun nicht mehr bis zu 50 Sachbearbeiter nötig, die rund um die Uhr schuften mussten, sondern nur noch drei und die erledigten die Erfassung und Bearbeitung der Meldescheine in einem Bruchteil der Zeit, die sie vorher benötigt hatten.

Felbin gehörte zu den drei Sachbearbeitern, die das Amt aus der Höhle übernommen hatten. In seiner Zeit in der Höhle hatte er beinahe vergessen, wie die Welt draußen aussah. Er arbeitete sich schnell ein und dachte oft an Thorsten. Er fragte sich, wo er wohl abgeblieben war? Doch den jungen Kollegen sah er nie wieder. Felbin glaubte daran, dass Thorsten etwas anderes gefunden hatte, denn er hatte nie zu ihnen in die Höhle gepasst.

Felbin saß schon nach wenigen Tagen und einer Schulung verwundert am Computer und staunte darüber, dass er die Arbeit unzähliger Stunden innerhalb von wenigen Klicks und ein paar Tasteneingaben erledigen konnte. Von all diesen Umstellungen im Amt bekam Thorsten in der abgelegenen Hütte allerdings nichts mit.

Das Amt sowie sämtliche Bewirtungsbetriebe Emshagens nahmen das System des elektronischen Meldescheins so dankbar an, dass sich Marcel und seine Firma Kilwen und Co. KG vor Präsenten kaum retten konnten. Eine Woche nachdem der elektronische Meldeschein die Höhle überflüssig gemacht hatte, wurden Abteilungsleiter H. und Thorsten freigelassen. In der Nacht fuhren Goofy, Donald, Minnie und Dagobert sie wieder in den Hinterhof des Amtes, wo ihnen die Masken vom Kopf gezogen wurden. Thorsten konnte nicht sagen, dass er die letzte Woche als unangenehm empfunden hatte. Er hatte ein warmes Bett gehabt, gutes Essen und war Bestandteil einer aufregenden Geschichte gewesen. Das einzige, was ihm Kopfzerbrechen machte, war die Tatsache, dass er jetzt keinen Job mehr hatte und sich eine neue Geldein­nahme­quelle für sein Studium suchen musste.

„Können Sie mich nicht zuhause absetzen, ich habe ja jetzt keinen Job mehr“, fragte Thorsten nach vorne zu Dagobert. Ein paar Sekunden war Stille. „Kommen Sie Morgen ins Hotel Alpblick, mein Freund sorgt für Sie“, sagte Dagobert. Dann ließ man ihn und Abteilungsleiter H. aussteigen. „Das war ein Abenteuer was?“, sagte Thorsten. Doch Abteilungsleiter H. beziehungsweise der Bürgermeister H. von Emshagen trottete nur zum Amt, als hätte er spät in der Nacht noch Arbeit zu tun. Thorsten schüttelte den Kopf. Verrückt, vollkommen verrückt!

Am nächsten Morgen meldete sich Thorsten im Hotel Alpblick am Empfang. Ein älterer Mann namens Heiko Boner holte ihn nach ein paar Minuten dort ab.

„Hallo, du kannst Heiko sagen. Hast du schon mal in der Gastronomie gearbeitet?“

„Nein, noch nicht.“, gestand Thorsten.

„Egal, wir bringen es dir schon bei, außerdem sind wir dir etwas schuldig“, Heiko zwinkerte ihm zu und führte ihn durchs Hotel. Thorsten kam die Stimme bekannt vor und er ahnte, dass sie Onkel Dagobert gehörte. Aber das behielt er für sich. Im Laufe der nächsten Monate glaubte er auch Goofy in dem Koch Winfred, Minni in der Kellnerin Miriam und Donald im Masseur Ricci der ab und an vorbei kam, zu erkennen – aber ganz sicher war er sich nie. Nach ein paar Monaten hatte er genug verdient, dass er Emshagen für immer den Rücken kehren konnte. Heiko, Windfred und Miriam wünschten ihm von Herzen alles Gute und verabschiedeten ihn. Als Thorsten im Bus nach Hamburg saß, beendete er die letzten Einträge in sein Notizbuch. Er blätterte an den Anfang des Buches: „Das Amt, Tag 1“ stand dort. War eigentlich auch ein guter Titel, „Das Amt“. Er dachte sich, dass die Ereignisse in Emshagen eigentlich einen prächtigen Roman abgeben könnten.

 ENDE


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