Was bisher geschah …

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2004

 

Andres Turet

Ich sah ihn dort sitzen, tief in Gedanken versunken. Einen Moment lang zögerte ich und fragte mich, ob es wohl besser wäre, ihn in Ruhe zu lassen. Aber vielleicht war er für ein bisschen Gesellschaft dankbar.

Ich durchquerte die verlassene Cafeteria so schnell es mein lästiger Infusionsständer gestattete und räusperte mich hinter ihm, um mich anzukündigen.

Adrian drehte den Kopf. Die Schatten einer langen Nacht lagen unter seinen Augen.

Als er mich nach einigen Sekunden erkannte, lächelte er. Ich musste zugeben, dass ich in einem etwas anderen Outfit steckte als bei unserem letzten Treffen: typische Krankenhauskleidung eben, funktional und modisch der letzte Schrei.

„Nanu, Andres, was machen Sie – du denn hier?“, begrüßte er mich erstaunt.

Ich hob abwinkend die Hand.

„Die typischen Erneuerungsmaßnahmen, schließlich habe ich vor, noch ein Weilchen zu leben“, erwiderte ich und sah ein Schmunzeln über Adrians Gesicht huschen. Er war aufgestanden und deutete auf einen freien Platz am Tisch.

„Es macht dir nichts aus?“, fragte ich vorsichtshalber nach. Adrian schüttelte den Kopf.

Ich nahm Platz und wir sahen einander an. Ich wollte eigentlich nicht über mein Hiersein sprechen und hoffte, er würde dieses Thema nicht anschneiden.

Zum Glück erzählte er von sich und seine Augen funkelten wie Diamanten.

„Meine Frau Emily hat heute unsere Tochter zur Welt gebracht – Sofia.“

Das waren schöne Nachrichten. Ich freute mich von Herzen für ihn.

„Oha, na herzlichen Glückwunsch!“ Ich klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Ober, zwei Kurze bitte, wir haben etwas zu feiern!“, rief ich quer durch den verlassenen Raum. Adrian lachte.

„Das wäre jetzt genau das Richtige“, stimmte er zu. Ich seufzte, diese Nachricht versüßte mir den leidigen Krankenhausaufenthalt ein wenig.

Wir schwiegen ein paar Minuten, doch ich konnte Adrians Gedanken erraten. Er fragte sich, warum ich so lange nichts hatte von mir hören lassen. Doch der jüngere Mann blieb stumm und grinste breit. Er war ganz offensichtlich nicht nachtragend – eine Eigenschaft, die ich sehr zu schätzen wusste.

„Sind Frau und Kind wohlauf?“, fragte ich.

Adrian nickte und trank einen Schluck Kaffee. Ich selbst bekam das Zeug nicht runter.

„Es geht ihnen gut, beide schlafen jetzt“, gab er lächelnd zurück.

„Schön zu hören“, sagte ich.

„Was ist ein Mann ohne Familie, doch nur ein armer Narr!“

„Ist das eine ungarische Weisheit?“, fragte Adrian.

„Nein, ein Sprichwort meines Vaters.“

Adrian ließ auch das unkommentiert.

Ich blickte ihn an und meine Neugier brach sich Bahn. Ich beschloss, das Thema zu wechseln.

„Du wirst diese Frage wahrscheinlich unhöflich finden, aber es interessiert mich doch – wie geht es mit den Renovierungsarbeiten am Haus voran?“

Adrian sah mir in die Augen. Ich hätte schwören können, einen Schatten über sein Gesicht ziehen zu sehen. Er räusperte sich.

„Gut, wir können wohl demnächst einziehen.“

„Wir?“, fragte ich nach, weil ich es von ihm hören wollte. Adrian blinzelte.

„Oh – ich habe dir noch gar nicht erzählt, was ich überhaupt mache, nicht?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich leite zusammen mit meinem Freund Carsten Querer eine Kommunikationsagentur.“

Ich ließ mir nichts anmerken.

„Ich beschäftige mich also genau wie du mit Kommunikation, nur – anders“, erzählte Adrian.

„Na, dann ist ein Haus wie dieses der richtige Ort“, sagte ich. Adrian lehnte sich zurück. Seine Augen suchten einen imaginären Punkt an der Wand.

„Kann man so sagen“, murmelte er. Plötzlich wirkte er abwesend, als hätte es ihn gedanklich an einen anderen Ort verschlagen. Ich wusste, dass nun der richtige Zeitpunkt für mich gekommen war, zu gehen. Ich stand auf und klopfte auf die Tischplatte.

„Ich will mal nicht weiter stören“, sagte ich. Adrian sah wieder zurück zu mir.

„Oh – du …“

„Doch, doch. Adrian, es tut mir leid, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe, aber das mache ich wieder gut. Wir sehen uns bald“, versprach ich, und ich meinte es auch so.

Wir gaben uns die Hand.

„Nächste Woche bin ich wieder im Büro“, sagte Adrian. Ich lachte.

„Herrgott, du bist gerade Vater geworden, lass es doch ruhiger angehen!“

Adrian lächelte.

„Nächste Woche“, wiederholte der jüngere Mann. Ich nickte.

„Alles Gute für deine Frau und eure Tochter. Minden jót!“, wünschte ich ihm zum Abschied.

„Gute Nacht – ähm, guten Morgen, ach du weißt schon!“, sagte Adrian Dister.

Ich verließ die Cafeteria und machte mich auf den Rückweg in mein Zimmer.

Adrian war viel jünger als ich und gerade deshalb berührten mich seine Entscheidungen sehr.

Jede Entscheidung, die in jungen Jahren getroffen wurde, das wusste ich nur zu gut, stand später auf der Rechnung.

Die Zeit für die Familie, die Zeit für die Arbeit … all dies floss in meine Ausarbeitung der Störfeldtheorie ein.

Und wenn ein Mensch für diese Theorie bereit war, dann war es Adrian Dister.

Als ich ihn an diesem frühen Morgen im Krankenhaus wieder verließ, wusste ich, dass ich einen Partner gefunden hatte. Während der letzten Monate, die seit unserem ersten Treffen vergangen waren, hatte ich mir viele Gedanken um ihn und das Haus gemacht. Nun war mir klar, er war der Richtige.

Mein Herzschlag beschleunigte sich.

Ich hatte es in seinen Augen gesehen. Mit Adrian würde ich das Störfeld von der Theorie in die Praxis übertragen können. Endlich war ich bereit, den nächsten Schritt zu tun.


Selina Wyer

 

Selina Wyer, PR-Redakteurin bei Press’n’Connection, saß verzweifelt vor ihrem Computer und verwünschte ihr Studium. Trotz der unzähligen Vorlesungen rund um Journalismus und Kommunikationswissenschaft bekam sie nicht viel mehr zu Stande als

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa …

Ja, richtig. Seit fünf Sekunden hatte sie eine einzige Taste gedrückt, die das scheußliche, leere Digitalblatt zumindest mit einem einzigen Buchstaben füllte.

So hatte sie immerhin schon etwa 250 Zeichen zusammen.

Anwenderbericht, so hieß der kleine Teufel, der sie gerade an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte.

 

Selina nahm den Finger von der A wie Arschloch-Taste und schaute über ihren Bildschirm hinweg in die Bürorunde. Ihr Schreibtisch befand sich rund fünf Meter von Carsten entfernt am Fenster. Im Sommer hatte sie deshalb einen der besten Plätze im ganzen Büro. Wenn sie um die Ecke der Trennwand blickte, konnte sie Adrians Schreibtisch am anderen Ende des Raums sehen, der alle anderen Arbeitsplätze wie ein Magnet um sich herum scharte. Adrian selbst führte gerade eine offensichtlich hitzige Unterhaltung mit Carsten. Die beiden saßen in der gemütlichen Lounge-Ecke zusammen, die sich in der hintersten Ecke des Büros befand. Von ihrem Arbeitsplatz aus konnte sie selbstverständlich kein Wort verstehen, aber nach den Gesichtern der beiden zu urteilen, war es kein angenehmes Gespräch.

 

Selina war jetzt seit drei Monaten Mitarbeiterin der Kommunikationsagentur. Der Job war ihr erster nach dem Studium und sie hatte eigentlich gedacht, dass ihr Schreibtalent sie nie im Stich lassen würde. Tja, Pustekuchen. Um sich herum hörte sie das eifrige Tastengeklapper ihrer Kollegen. Konnten die nicht einfach alle mal still sein? Bei diesem Lärm war an Konzentration nicht zu denken! Selina lehnte sich genervt zurück und warf einen Blick in ihre leere Tasse.

Ein frischer Kaffee wäre gut. Das und eine Mohnschnecke würden ihr beim Denken helfen. Sie seufzte laut und sah zum Fenster hinaus.

Ein trüber Herbsttag, es regnete Bindfäden. Verdammt, war das deprimierend.

„Schreib. Einen. Anwenderbericht. Über. Einen. Weinbautraktor“, forderte sie sich auf.

Das war wirklich keine Mission Impossible. Trotzdem streikte ihr schöner Kopf.

Oh Mann!

Plötzlich klingelte ihr Telefon und riss sie beinahe vom Stuhl, so sehr war sie in Gedanken.

„Selina Wyer, Press’n’Connection“, meldete sie sich.

„Frau Wyer, hier Alfred Bohnagel“,

Oh Scheiße!, schoß es Selina durch den Kopf. Ihr Anwenderbericht, personalisiert durch den Marketingleiter von Bohnagel Solutions, meldete sich.

„Herr Bohnagel, grüße Sie“, stotterte Selina.

„Frau Wyer, ich brauche den Anwenderbericht noch heute Abend.“

Selina war geschockt.

„Ähm, bis ähm, wie viel Uhr denn?“

„Na, bis spätestens 18 Uhr sollten Sie den Text durchgeschickt haben, dann gehen wir es hier nochmals durch und schicken ihn zur Freigabe zurück.“

„Ok“, war das Einzige, was Selina zu sagen vermochte.

„Wunderbar, vielen Dank und bis später!“, erwiderte der Marketingleiter und legte auf.

Selina starrte vor sich auf den Bildschirm.

Regungslos und stumm waren die 250 A-Zeichen in das Word-Dokument eingebrannt.

„Wie wär’s mit mehr arbeiten und weniger träumen, Selina!“, blaffte sie plötzlich Carsten von der Seite an. Selina wurde zum zweiten Mal aus ihren Gedanken gerissen.

„Wie bitte?“

Carsten stürmte an ihr vorbei, knallte einen Schlüssel auf seinen Schreibtisch und ließ sich genervt in seinen Sessel fallen.

„Na, sollte dein Anwenderbericht nicht schon vor zwei Stunden auf meinem Schreibtisch liegen?“

„Ähm, der Kunde möchte ihn schon um 18 Uhr haben. Herr Bohnagel hat gerade angerufen.“

„Oha, dann will ich ihn bis 17.30 Uhr haben, bevor er rausgeht.“

Für einen Moment war Selina zum Heulen zumute. Ihre Armbanduhr zeigte 15:02 Uhr.

„Ich hol mir einen Kaffee, willst du auch einen?“, fragte sie ihren Chef.

„Was?“, brummte Carsten.

„Brauchst du einen Kaffee?“

Carsten sah sie über seinen Schreibtisch hinweg an. Seine dunklen Zorneswolken verdampften.

„Ja, das wäre jetzt gut, entschuldige!“, er seufzte und lehnte sich auf seinen Ellenbogen nach vorne. Er nahm den Schlüssel, den er Sekunden zuvor auf seinen Tisch geknallt hatte und betrachtete ihn eindringlich.

„Was für ein Schwachsinn!“, murmelte er, riss eine Schublade auf und warf den Schlüssel hinein.

Selina stand auf, um sich und ihrem Chef einen Kaffee aus der Küche zu holen.

Sie hatte ihn noch nie so wütend erlebt. Normalerweise blieb Carsten Querer selbst in der größten Hektik die Ruhe selbst. Er war das genaue Gegenteil von Adrian, der schnell, nun ja, aufbrausend werden konnte und in das Tempo eines Olympia-Läufers verfiel. Selina bewunderte ihren Chef. Umso mehr überraschte sie seine aktuelle Stimmung. Carsten war nicht der Typ Mensch, der seine schlechte Laune an anderen ausließ.

 

Selina verließ den Bereich der Press’n’Connection und steuerte geradewegs auf den gegenüberliegenden Raum zu, wo ihre behelfsmäßige Küche untergebracht war.

Dort traf sie auf Jörg Zeitlin, der gerade die Kaffeekanne leerte. Anstatt neuen aufzusetzen, wollte er sich soeben klammheimlich davonmachen. Dummerweise versperrte Selina ihm den Fluchtweg.

„Wir haben Regeln“, sagte sie genervter, als sie es beabsichtigt hatte. Aber das wäre jetzt wahrlich die Krönung ihres beschissenen Tags gewesen.

Jörg sah sie mit einem verschmitzten Lächeln an, als wäre er ein kleiner Junge, der bei einem Streich ertappt wurde.

„Ups“, machte er.

„Ja, ups“, brummte Selina.

Sie mochte Jörg, auch wenn sie ihn für einen der verpeiltesten Menschen auf dem Planeten hielt.

„Das war die erste Lektion, als ich hier anfing: Wer die Kaffeekanne leermacht, setzt neuen auf.“ Sie kam näher und stupste Jörg mit dem ausgestreckten Zeigefinger an die Brust.

„Was wirst du jetzt tun?“ Sie warf ihm einen Blick zu, dem er unmöglich widerstehen konnte. Selina wusste, wie man spielte.

Jörg seufzte: „Schon gut, schon gut.“ Artig stellte er seine Tasse ab und eine Minute später blubberte neuer Kaffee in der Filtermaschine.

„Ja, dann gehe ich mal wieder an die Arbeit“, sagte Jörg und wollte sich schon an ihr vorbeischieben, doch Selina hielt ihn auf. Ihr war danach, jemanden zu ärgern, und Jörg war dafür das perfekte Opfer.

„Nicht so schnell! Ich finde, für deinen geplanten Regelverstoß ist eine Strafe fällig. Was, wenn es Adrian gewesen wäre, der dich erwischt hätte?“, sagte sie.

Jörg stöhnte.

„Das wäre nicht gut gewesen.“

„Genau, du weißt, wie er so was hasst. Also, meine Bezahlung sieht folgendermaßen aus …“ Selina trat dicht an Jörg heran, sah ihm in die Augen und bemerkte feine Schweißtropfen auf seiner Stirn. Sie lächelte, dann nahm sie ihm seine Kaffeetasse aus der Hand.

„W-oh, komm schon Selina, ich brauche den!“, jammerte Jörg.

„Unartige Jungs kriegen keinen Kaffee“, erwiderte sie schulterzuckend.

Jörg brummte und Selina nahm einen Schluck. Der Kaffee tat gut, er war für ihren Geschmack nur leider etwas zu stark gesüßt. Sie ließ sich gegen den Türrahmen sinken. Die Uhr an der Wand ihr gegenüber zeigte 15:15 Uhr.

„Alles ok? Du siehst … besorgt aus?“, fragte Jörg.

„Ach, ich muss nur einen Anwenderbericht schreiben und die Zeit drückt mächtig“, seufzte sie.

„Oh, das kenne ich. Wenn ich was für Adrian machen muss, drückt sie ständig. Brauchst du ein bisschen Ablenkung, das hilft manchmal?“, fragte er.

Eigentlich war Selina nicht nach Ablenkung zumute, aber ihr Kopf war immer noch leer. Gut möglich, dass sie in einer Stunde zu Carsten gehen musste, um ihm zu beichten, dass sie es nicht hinbekam.

Das wäre selbst für eine besonnene Person wie Carsten ein Grund, die Beherrschung zu verlieren. Und das zum zweiten Mal an diesem Tag.

Plötzlich kam ihr ein weiterer Gedanke. Sie war noch in der Probezeit. Was, wenn sie es total versaute und Carsten sie feuerte?! Plötzlich befanden sich ihre inneren Stimmen im Streit. Die eine schalt sie eine dumme Kuh mit dämlichen Gedanken, die andere machte ihr Angst. Beide mussten unbedingt aus ihrem Kopf raus!

„Ach was soll’s“, murmelte sie und nickte. „Ich weiß zwar nicht, mit was du mich ablenken könntest, aber einen Versuch ist es wert.“

Jörg kam dichter an sie heran. „Du hast doch bestimmt das hitzige Gespräch zwischen Carsten und Adrian gehört …“

Selina nickte.

„Ja, hast du eine Ahnung, worum es ging?“, fragte sie neugierig.

„Was echt Merkwürdiges. Offenbar wollte Adrian Carsten dazu überreden, in den Keller unseres neuen Hauses zu gehen. Er hat ziemlich wirres Zeug geredet …“

„Aha“, machte Selina. „Und was weiter?“

„Tja, keine Ahnung. Carsten meinte, das mit dem Keller sei totaler Schwachsinn und ist richtig laut geworden. Adrian redete auf ihn ein, es ‚nochmal’ zu versuchen, was immer das heißt, und drängte ihm einen Schlüssel auf. Sehr komisch“, erzählte Jörg.

„Ja, sehr komisch“, wiederholte Selina. Sie hatte schon immer ein Faible für merkwürdige Geschichten gehabt.

„Was soll es denn mit diesem Keller auf sich haben?“, fragte sie, mehr zu sich selbst als zu Jörg.

„Adrian ist wohl der Meinung, dass dieser Keller irgendwie … Probleme löst. Mehr hab ich nicht herausgehört.“

Selina lachte amüsiert. „Probleme löst! Ha, das ist super.“

Jörg lachte ebenfalls. „Ja, kannst du das glauben? Das wäre grandios!“

Selina nickte. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Der Schlüssel in Carstens Schreibtisch.

Ihr neues Haus in der Magirusstraße. Noch war es ein paar Monate hin bis zum Umzug. Sie selbst war bereits einige Male dort gewesen, um zu helfen, so wie jeder aus der Kommunikationsagentur. Aber im Keller war sie nie gewesen.

Konnte an dieser Geschichte wirklich etwas dran sein?

Selinas Gedanken nahmen Tempo auf:

Ihr Anwenderbericht. Ihr Job. Die verfluchte A-Taste. Ein Ort, der Probleme löst …

„Ich muss los, weiterarbeiten. Tschüss Jörg!“, verabschiedete sie sich.

„Keine Ur …“, hörte sie ihn noch rufen, bevor sie aus der Küche schlüpfte. Sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch, wobei ihr einfiel, dass sie Carstens Kaffee ganz vergessen hatte.

„Ach, du bist so blöd!“ schimpfte sie sich selbst. Mit einer wohlformulierten Entschuldigung auf den Lippen bog sie um die Ecke, aber Carstens Schreibtisch war verlassen.

Selina starrte darauf. Sie dachte an den Schlüssel.

„Reiß dich zusammen!“, sagte sie zu sich selbst und machte sich wieder an ihren Anwenderbericht.

 

Fünfzehn Minuten später war sie genauso weit, wie zuvor. Von Carsten fehlte immer noch jede Spur und Selina war verzweifelt. Sie starrte auf Carstens Schreibtisch und dachte darüber nach, ihn auf dem Handy anzurufen und einfach zu fragen …

Doch im selben Augenblick kam sie sich ungeheuerlich blöd vor und verscheuchte den Gedanken wieder. Sie befand sich in einer Sackgasse.

 

Erneut fing ihr Kopf an zu rauchen: Vielleicht war es einen Versuch wert. Sie musste nur sehr schnell sein, damit Carsten nichts merkte. Herrje, sie setzte ihren Job aufs Spiel. Andererseits musste sie diesen Scheißbericht hinkriegen. Und das in zwei verdammten Stunden.

Ein Keller, der Probleme löst. Das war ihre Rettung. Sie blickte erneut auf die Uhr:

15:32.

Zum Teufel, was soll’s.

Selina stand auf, schlüpfte in ihre Jacke und stopfte einen Notizblock in die Tasche.

Den ominösen Schlüssel fand sie schnell in der obersten Schublade von Carstens Schreibtisch.

„Na, dann mal los!“ sprach sie sich selbst Mut zu und verließ das Gebäude in der Bleichstraße.

 

Im Erdgeschoss des Hauses in der Magirusstraße waren die Handwerker fleißig dabei, Wände zu verputzen. Selinas Ankunft wurde mit etlichen hochgezogenen Augenbrauen quittiert, doch sie ließ den Männern keine Zeit, Fragen zu stellen. Eilig ging sie die Kellerstufen hinab, tastete nach dem mittlerweile funktionierenden Lichtschalter und betrat das muffige Gewölbe mit suchenden Augen. Wo könnte diese Tür sein?

Der Raum war groß und es gab verschiedene kleinere Zimmer, sodass man das Untergeschoss im Ganzen gar nicht überblicken konnte.

Selina begann sich umzusehen, nach ein paar Minuten fand sie eine Tür. Sie lag verborgen hinter einem Mauervorsprung.

Wie bereits erwartet, war sie verschlossen.

„Das ist doch kompletter Blödsinn“, flüsterte sie.

Die Uhr zeigte: 15:47 Uhr.

Dumpf hörte sie die Geräusche der Handwerker über ihr.

Selina umklammerte den Schlüssel so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie steckte ihn ins Schloss. Es machte Klack. Sie legte eine Hand auf die Klinke und drückte sie hinab.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, ein Gefühl kroch ihr den Rücken hinauf, wie ein Windzug.

Es war …

 

* * *

 

Die Abflugtafel zeigte ihr alle Länder, die sie in ihren Träumen schon so oft bereist hatte. Selina ging ein paar Schritte durch die riesige Wartehalle des Flughafens.

Ein herrliches Gefühl von Freiheit, Klarheit und Weite ergriff sie.

Wie von selbst fand sie einen Sitzplatz. Um sie herum wuselten die Menschen zu ihren Flügen. Durch die Fensterfront sah sie hinaus auf das Rollfeld.

Ständig hallten Durchsagen durch das Terminal.

Ankommen, zu sich kommen, fortgehen, wiederkommen – all dies verband sich hier.

 

Und dann, ganz plötzlich, waren die Worte da. Sie konnte ihn förmlich vor sich sehen, diesen verfluchten Anwenderbericht. Fix und fertig geschrieben stand er vor ihrem geistigen Auge. Sie gab einen Seufzer der Freude von sich, kramte ihren Notizblock heraus und begann, den kompletten Bericht runterzuschreiben. Es ging wie von selbst.

 

* * *

 

Selina stand vor der Tür. Sie starrte auf die Sätze vor sich auf dem Block. Der komplette Bericht. Sie las ihn durch. Er war perfekt und es ergab alles einen wunderbaren Sinn!

Sie drehte sich zum Keller um und atmete so schwer, als hätte sie einen Marathon hinter sich. Sie lachte und schaute auf die Tür.

Was zum Henker ging hier vor?

„Ein Problemlöser, das gibt’s doch nicht!“, stieß sie aus.

Selina warf einen Blick auf ihre Uhr und stutzte. 17:04 Uhr.

Sie war über eine Stunde im Keller gewesen. Wo war die Zeit geblieben?

Egal, nichts wie zurück!, dachte sie. Selina konnte sich später einen Reim auf den Keller machen. Jetzt musste sie schleunigst den Schlüssel zurücklegen, ohne dass Carsten etwas merkte.

 

Ihr Chef kam pünktlich um 17:30 Uhr zurück. „Sorry, musste mal raus“, sagte er nur.

Selina präsentierte ihm voller Stolz ihren Text. Der Schlüssel war längst wieder dort, wo er sein musste. Sie hatte Glück gehabt, unverschämtes Glück.

„Wunderbar! Gut gemacht, Selina, liest sich fantastisch!“ lobte Carsten, nachdem er den Text durchgegangen war. Sein manchmal angsteinflößender Rotstift hatte kaum etwas auszusetzen gehabt.

Selina schickte den Bericht an Herrn Bohnagel weiter. Kurz vor Büroschluss um 18:30 Uhr kam die Freigabe mit wenigen Änderungen zurück und konnte veröffentlicht werden.

Selina hatte es geschafft. Sie packte ihre Tasche, wünschte Carsten einen schönen Abend und verließ das Büro.

Zuhause streckte sie sich auf ihrer Couch aus und dachte darüber nach, was es mit dem Keller auf sich hatte. Geistesabwesend hatte sie den Fernseher eingeschaltet.

Es begann gerade ein Film mit dem Titel „Stranger than Fiction“.

Seltsam passend. Was war heute nur mit ihr passiert?

 


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