Was bisher geschah …

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2004

Carsten saß alleine in der Kommunikationsagentur herum. Selina war seit ein paar Minuten weg und ihr Schreibtisch verlassen. Selbst Adrian war schon gegangen, unüblich früh, aber gut – er hatte ein Baby zuhause und Emily brauchte seine Unterstützung.

Er blickte aus dem Fenster. Draußen hatte bereits die Dämmerung eingesetzt und der Herbstwind fegte ein paar vertrocknete Blätter vorbei. Carsten hielt den Kellerschlüssel einige Zentimeter von sich entfernt und war hin- und hergerissen. Die Diskussion mit Adrian früher am Tag ließ ihm keine Ruhe. Dazu kam, dass ihm sein eigenes Erlebnis im Keller nach wie vor schwer zu schaffen machte. Er wollte das nicht einfach so akzeptieren, dieses – was auch immer es gewesen war – da im Keller! Dafür musste es einfach eine rationale, ja, wissenschaftliche Erklärung geben, oder nicht? Die Unsicherheit wurmte ihn. So oder so, Carsten musste noch einmal hinein.

Was hatte Adrian gesagt: Der Keller sei ein Problemlöser? Er brauchte also ein Problem, etwas, womit er nicht weiterkam. Carsten fiel sofort die Reportage für eine Ölfirma ein, an der unter anderem ein jemenitischer Scheich beteiligt war.

Das Projekt und der Kunde waren ganz neu und Carsten hatte seine Probleme, sich in das Thema und die zahlreichen daran beteiligten Parteien hineinzuarbeiten.

Was kostet schon ein Versuch?, dachte Carsten und druckte seine Unterlagen aus. Danach machte er sich auf den Weg zum Haus.

Wenige Minuten später war er da. Der Keller, die Tür, das Klacken im Schloss, als er aufsperrte – alles ganz normal.

 

* * *

 

Er betrat erneut seine Bibliothek.

Sie war wie beim letzten Mal, unverändert. Imposant und ehrfürchtig erstreckten sich die Bücherregale bis hinauf zur gebogenen Decke.

Carsten drehte sich im Kreis – verwundert, fassungslos.

Er ging ein paar Schritte durch die Bibliothek und erreichte einen Tisch mit einer grünen Leselampe darauf. Eine seltsame Zierde, denn die Bibliothek war unnatürlich hell, so als schiene durch ein Glasdach die ganze Zeit eine helle Sonne.

Carsten zog einen Stuhl heran. Es machte zzzzzt, als die Füße des Möbelstücks über den Boden schleiften. Ganz normale Geräusche. Ob Carsten einen Tumor im Kopf hatte, der ihn halluzinieren ließ? Vielleicht sollte er zum Arzt gehen?

Schluss mit dem Unsinn!, rief sich Carsten selbst zur Ordnung. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung.

Ruhe überkam ihn, die sich wie ein Nebel in ihm ausbreitete. Ein seltsames Gefühl von Rückkehr ergriff ihn. Es war, als wäre er lange Zeit neben sich gestanden und hätte sich selbst bei seinem Tun beobachtet, ohne eingreifen zu können. Aber nun kehrte er wieder zurück. Zurück zu sich.

Die Ruhe war friedvoll. Carsten öffnete die Augen. Dort saß er, inmitten seiner Bibliothek. Es war kein Traum und konnte doch nicht real sein. Trotzdem gab es diesen Ort.

Carsten legte die Aktentasche auf den Tisch und holte seine Reportage-Unterlagen heraus. Akkurat breitete er diese vor sich aus und begann zu lesen.

Die Worte kamen, als tauchten sie aus den schwarzen Tiefen eines Sees auf.

Carsten wusste plötzlich, wie er alles verbinden konnte und vor allem, wie die Reportage zu schreiben war.

„Frag dich später, wie das möglich ist, schreib!“, sagte er zu sich selbst und begann mit den Notizen.

Als er dachte, genug zu haben, obwohl der Gedanken- und Wortfluss noch nicht versiegt war, riss er sich von dem Tisch los und verließ den Keller wieder.

Genug war genug.

 

* * *

 

Kurze Zeit später stand Carsten vor der Tür des Kellers und starrte auf die Worte, die er eilig auf einen Notizblock geschrieben hatte. Sie ergaben nicht den geringsten Sinn. Es war ihm schleierhaft, wie er daraus einen vernünftigen Text machen sollte.

„Es war doch eben noch da!“, flüsterte er perplex und vollkommen verwirrt.

Plötzlich hatte er keine Ahnung mehr, was er überhaupt schreiben wollte.

Diese Klarheit, diese Erkenntnis, die er in der Bibliothek gehabt hatte, war so plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war.

Carsten drehte sich erneut zur Tür um.

„Das kann nicht sein!“, rief er.

Und öffnete sie erneut.

 

* * *

 

Kaum dass Carsten die Bibliothek erneut betreten hatte, war alles wieder da. Die Klarheit. Die Erkenntnis.

Ganz ruhig. Bleib. Ganz. Ruhig – ermahnte sich Carsten. Er setzte sich wieder an den Tisch und schrieb die komplette Reportage. Es ging wie von selbst.

Er konnte es selber nicht glauben, aber so war es.

 

* * *

 

Als Carsten wieder im muffigen Untergeschoss ihres neuen Hauses stand, den fertigen Text in Händen, begriff er: Was immer der Keller mit einem anstellte, welche Rädchen er auch in Bewegung setzte, sie liefen nur dort.

Carsten hatte nämlich keine Ahnung, wie er das geschrieben hatte, was er nun las.

Die Worte waren da und auch wieder nicht. Sie waren perfekt, aber ihm fehlte jedes Verständnis darüber, wie er sie geschrieben hatte. Es war, als ob jemand ein Stückchen eines Prozesses weggeschnitten und die Enden neu zusammengesetzt hätte.

Carsten entschloss in diesem Moment, den Text einen Kollegen lesen zu lassen, der sich in dem Thema auskannte. Wenn der Inhalt seiner Prüfung standhielt, dann war der Keller genau das, was Adrian gesagt hatte: ein Problemlöser.

Die Frage war nur, zu welchem Preis?

 

* * *

 

Ein paar Wochen später begann Carsten, mit seiner kleinen Gruppe der Press’n’Connection das erste Stockwerk in der Magirusstraße 33 zu beziehen, während Adrian mit seiner Mannschaft den nun ausgebauten Dachboden über ihnen in Beschlag nahm. Im Erdgeschoss befanden sich die Küche sowie ein Konferenz- und ein Besprechungsraum. Das Innere des Gebäudes roch nach Farbe und frisch verlegtem Parkett. Überall standen Kisten herum, lagen Computer und Druckerkabel verteilt – im Grunde funktionierte ihr neues Kommunikationshaus nur zu 30 Prozent. Es würde noch ein oder zwei Wochen dauern, bis sie ihre Arbeit hier vollständig wieder aufnehmen konnten. Aber die Euphorie und die Freude über den Umzug in zwei Etappen überstrahlte alle technischen und organisatorischen Probleme. Für das erste Wochenende im neuen Zuhause war zwar eine große Einweihungsparty geplant, doch Selina, Jörg und zwei andere Kollegen verabredeten sich bereits vorher an einem Donnerstagabend, um gemeinsam etwas trinken zu gehen und zu feiern.

Sie trafen sich alle in der Heidi – einer Kneipe am Ostbahnhof Ulms, nur ein paar Schritte vom Cabaret Eden entfernt. Die Heidi war gut besucht und in zwei Räume unterteilt, in denen sich die Raucher und die Nichtraucher aufhielten. Vom äußeren Eindruck her wollte man es nicht glauben, aber das Essen war hier sehr lecker. Selina und ihre Kollegen sprachen über ihr neues Zuhause. Adrian und das Bau-Team hatten entschieden, die äußere Fassade so zu lassen, wie sie war. Einzig der Baum wurde vom Dach geholt. Sie hatten das Haus komplett entkernt und sein Innenleben modernisiert. Selina fand, der abgeblätterte, gelbe Anstrich hatte Charme. Jörg gefiel das rote Bahnhofsschild an der Wand, auf dem eine verblasste Schrift zu erkennen war. Tanja Flink, eine junge Grafikerin aus der Communication:Agentur, mochte das grüne Geländer. Sie kannte sämtliche Bedeutungen von Farben, was Selina nicht verwunderte, schließlich war das ihr Job. „Grün ist eine positive Farbe, es bedeutet wachsen oder sprießen und natürlich Hoffnung. Das passt gut, findet ihr nicht?“, fragte Tanja in die Runde. Sie war die Jüngste unter ihnen, gerade mal zwanzig Jahre alt. Tanja trug einen unschuldig wirkenden Pony und Selina hatte sofort schwesterliche Gefühle für sie entwickelt.

„Ich finde das Gebäude schon cool und alles, aber diese Gitterstäbe – echt, wie im Gefängnis“, maulte Isamu Takimoto, während er an seinem Bier nippte.

„Ach komm, die sind doch nur im Erdgeschoss und im ersten Stock. Ihr oben in der Communication:Agentur habt gar keine“, sagte Selina.

„Hässlich sind die trotzdem“, entgegnete Isamu. Er verzog missmutig das Gesicht. Der Web-Entwickler war halb Japaner, halb Deutscher. Soweit Selina wusste, arbeitete Isamus Vater in München in der Botschaft. Selina mochte den etwas eigen wirkenden Kollegen. Er liebte Weißwurst-Frühstück und Klettertouren und war für jede Party zu haben.

„Also, ich freue mich auf das Haus!“ sagte Tanja.

„Jörg, was meinst du?“ Selina sah ihren Kollegen von der Seite an. Jörg war schweigsam an diesem Abend.

„Ach, mir ist das egal, ich freue mich auf einen neuen Schreibtisch, der etwas abgelegener ist, und wo ich meine Ruhe habe“, entgegnete er.

Selina hob ihr Bier.

„Einen Toast darauf“, sagte sie. Ihre Kollegen hoben die Flaschen und sie stießen an.

„Auf das Haus in der Magirusstraße 33!“, rief sie.

„Auf das Haus in der Magirusstraße 33!“, stimmten die anderen unisono ein.

Sie tranken und schwiegen eine Weile. Jörg spielte gedankenverloren am Etikett seiner Bierflasche herum. Selina stupste ihn nach einer Weile mit dem Fuß an.

„Hey Jörg, was ist los?“,

„Hm, ach, nur eine Schreibblockade oder so etwas“, brummte er.

„Na, warte nur, bis wir ganz im neuen Haus sind, vielleicht flutscht es dann wieder wie von selbst.“, sagte sie mit einem Lächeln. Tanja war die Unbekümmertste unter ihnen. Manchmal glaubte Selina, so etwas wie Sorgen oder Trübsal existierten in Tanjas Welt nicht.

Selina biss sich auf die Lippe. Sie beobachtete ihre Kollegen. Vielleicht lag es an ihrem dritten Bier oder auch an der Tatsache, dass sie endlich jemandem von ihrem Erlebnis von vor einigen Wochen erzählen wollte. Egal was es war, die Worte sprudelten unaufhaltsam aus ihr heraus …

Als Selina zu Ende erzählt hatte, herrschte fassungsloses Schweigen am Tisch.

„Ein geheimnisvoller Kellerraum, den Carsten und Adrian vor uns verborgen halten“, wiederholte Isamu Takimoto perplex.

„Also, war das doch nicht nur eine Story … “, sagte Jörg laut vor sich hin. Dann wandte er sich Selina zu.

„Du warst drin? Und er hat dir geholfen?“

„Hab ich doch gerade erzählt, erklären kann ich es ja auch nicht!“, sagte Selina.

Jörg schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Ich will ihn sehen!“, sagte er und stand auf.

„Wie, jetzt gleich?“, fragte Tanja.

„Ja. Na, was sagt ihr, lasst uns zum Haus gehen und das Ganze überprüfen“, schlug Jörg vor. Tanja sah zögerlich in die Runde.

„Also, ich weiß nicht … “, begann sie. Isamu gefiel die Idee.

„Ach Leute, ein kleines Abenteuer, was solls!“, sagte er, leerte sein Bier in einem Zug und stand ebenfalls auf. Jörg und Isamu blickten erwartungsvoll auf die beiden Frauen hinab.

Plötzlich bereute Selina, ihren Kollegen vom Keller erzählt zu haben. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

„Na gut“, sagte sie und sah Tanja an.

„Kommst du mit?“, fragte sie.

„Ähm … ok“, Tanja brachte ein erzwungenes Lächeln heraus.

„Das ist ja wie im Film“, sagte sie aufgeregt. Die Gruppe zahlte die Rechnung und machte sich auf den Weg nach Söflingen zum Haus.

Draußen war es kühl und ungemütlich. Kurz vor Mitternacht lag die Magirusstraße wie ausgestorben im Straßenlicht. Das Haus selbst war komplett dunkel. Nicht mal Adrian arbeitete um diese Zeit noch. Heute zumindest nicht.

Ihr neues Zuhause war durch ein Zahlenschloss gesichert. Jörg tippte die vierstellige Kombination ein, der Türsummer brummte und sie gelangten in den Eingangsraum. Gleich rechts führte die Treppe hinauf in die Press’n’Connection und eins höher in die Communication:Agentur. Durch eine Doppelglastür kamen sie in den Konferenz- und Besprechungsbereich – aber das war nicht ihr Ziel. Selina betätigte den Lichtschalter neben der Tür und sie stiegen die Treppe zum Untergeschoss hinab.

Sie führte ihre Kollegen zu der leicht im Verborgenen liegenden Tür.

„Sie wird verschlossen sein“, konstatierte sie. Jörg machte einen Versuch. Selina behielt recht. Isamu fuhr sich über die stoppelige Wange. Dann holte er aus seiner Brieftasche eine Magnetkarte heraus und machte sich an der Tür zu schaffen.

„Isamu, das funktioniert doch bei so alten Türen nicht!“, sagte Jörg. Obwohl sie alleine waren, flüsterten sie dennoch.

„Wenn ich nur einen Dietrich hätte … “, überlegte Isamu laut.

„Spinnst du, das kannst du nicht machen!“, flüsterte Tanja aufgeregt.

„Tanja hat recht. Isamu, hör auf. Es war eine blöde Idee, hierher zu kommen“, entschied Selina.

„Wozu diese verschlossene Tür? Ich will das wissen!“, sagte Jörg und Isamu nickte zustimmend.

„Wir fragen Adrian und Carsten morgen“, sagte Isamu.

„Genau, ich meine, stellt euch doch mal vor, was wir mit so einem Raum alles machen könnten, wir würden für jedes Problem eine Lösung finden. Das wäre doch der Hammer!“, schwärmte Jörg.

„Die zwei schnappen wir uns gleich in der Früh, den Keller können sie jedenfalls nicht mehr vor uns geheim halten!“, stimmte Isamu zu.

„Ach Jungs, jetzt lasst uns daraus doch nicht so ein riesen Ding machen.“ Selina gefiel die Idee nicht so recht, Carsten und Adrian mit ihrem Wissen über den Keller zu konfrontieren.

„Selina, stell dir doch mal vor, dass du den Keller nicht mehr heimlich benutzen müsstest!“, sagte Isamu. Da war etwas dran, gestand sich Selina ein. Kleinlaut schloss sie sich also den Jungs an.

„Ich mag Geheimnisse“, sagte Tanja leise. Sie grinste. Es war also abgemacht.

 

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