Was bisher geschah …

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2004

 

Als Adrian am nächsten Morgen in die halb ausgeräumte Agentur kam, empfing ihn wie so oft Michaela. Adrian wappnete sich bereits für die Flut an Terminen, doch anstelle ihres alltäglichen Morgenprogramms deutete sie nur auf die Lounge-Ecke. Adrian folgte ihrem Blick. Dort saßen Carsten, Jörg, Isamu, Tanja und Selina. Alle anderen Kollegen arbeiteten an ihren Plätzen.

„Was ist hier los?“, fragte Adrian Michaela ungehalten. Diese zuckte die Schultern.

Adrian knirschte mit den Zähnen und ging mit energischen Schritten zu den Kollegen hinüber. Michaela folgte ihm.

Carsten blickte zu ihm auf. „Adrian, wir müssen etwas besprechen“, sagte sein Kompagnon in einem Ton, der Adrian schon jetzt auf die Palme brachte.

„Das sehe ich, also?“, fragte er und nahm Platz. Carsten setzte an, aber Jörg war schneller.

„Wir wissen von dem Keller“, platzte es aus ihm heraus.

Stille. Adrian runzelte die Stirn.

„Selina war drin, in diesem Problemlöserraum, den ihr vor uns geheimhaltet“, redete Jörg weiter. Selina hätte ihm am liebsten den Hals umgedreht.

Adrian sah Carsten an und kochte vor Wut. Adrian hatte eigentlich vorgehabt, den Keller zunächst zwischen ihnen beiden zu lassen. Er wollte, dass sich Carsten in Ruhe damit beschäftigte und nicht gleich Hinz und Kunz davon erzählte. Er war enttäuscht.

„Du hast es ihnen erzählt?“, fragte er seinen Freund.

„Nein, ich war es!“, warf Selina schnell ein. Da sie nicht wollte, dass ihr Chef für etwas verantwortlich gemacht wurde, was er nicht getan hatte.

Adrian sah Selina an.

„Ich hatte ein Problem, naja, ich kam mit einem Anwenderbericht nicht weiter. Das ist jetzt ein paar Wochen her. Jedenfalls – ähm. Jörg hatte eure Diskussion damals mitangehört und wir haben uns in der Küche darüber unterhalten. Dann … dann habe ich den Schlüssel aus dem Schreibtisch von Carsten genommen und bin in den Keller gegangen“, gestand sie.

Carsten schüttelte leicht den Kopf, ein Ausdruck von Enttäuschung legte sich auf seine Gesichtszüge. Selina wich seinem Blick aus. Wahrscheinlich hatte sie gerade ihre eigene Kündigung unterschrieben.

Adrian blickte zwischen Carsten und Selina hin und her.

„Du warst also drin … “, sagte er. Selina sah ihn an und nickte.

„Ja.“

Pause. Keiner sagte ein Wort. Adrian beugte sich vor.

„Wie war es für dich?“, fragte er leise. Selina war perplex, sie hatte mit einem Wutausbruch gerechnet.

„Ähm … es war einzigartig. Und es hat mir geholfen.“

Adrian nickte. Er blickte hinüber zu Carsten. Dieser sagte gar nichts.

„Wir wollen den Keller auch benutzen, ich meine, er kann uns doch nur von Vorteil sein! Egal welche kreativen Probleme jemand hat, er scheint sie zu lösen!“, meldete sich jetzt Isamu zu Wort.

„Ja, so wie es Selina erzählt hat, geht man einfach rein, hat eine Art Erleuchtung, löst quasi das Problem und fertig“, sagte Jörg.

Adrian schüttelte den Kopf. Das war genau das, was er nicht wollte. Diesen Raum zu einer Art Mainstream-Erleuchtungswerkzeug zu machen. Dafür war er viel zu einzigartig. Denn er schien ein Stück von ihm, Adrian, zu sein.

„Jörg, Isamu, so funktioniert der Keller nicht“, Adrian wurde von Carstens Stimme aus seinen Gedanken gerissen. Die Kollegen sahen alle Carsten an.

„Ich war auch drin – zweimal“, offenbarte er.

Hoppla!, dachte Adrian. Das waren ja ganz neue Töne. Er warf einen Seitenblick auf Carsten, der Hände knetend nach Worten suchte.

„Ich war drin. Und genau wie Selina hatte ich ein Problem. Ich saß an dieser Öl-Reportage und hatte buchstäblich keinen Plan. Dann, als ich im Keller war, kam die Lösung wie von selbst. Also bin ich wieder raus, um die Geschichte aufzuschreiben. Aber sie war weg. Es war, als ob jemand das Licht wieder ausgeknipst hätte. Glaubt mir, ich weiß, wie gestört sich das anhört, aber so ist es gewesen. Ich bin also zurück und schlagartig war alles wieder da. Ich hab den Text noch im Keller runtergeschrieben und als ich ihn mir dann draußen durchlas, da … “

„Da hast du dich gefragt, wie zum Geier hab ich das fertiggebracht. Als ob ein anderes Ich in dir diese Zeilen geschrieben hätte“, beendete Selina den Satz ihres Chefs.

„Genau. Was auch immer der Keller ist, was auch immer er mit einem anstellt, es funktioniert nur dort. Man kann es nicht mit rausnehmen.“

Adrian hörte den beiden zu. Er konnte sich den Keller auch noch nicht erklären. Zu gerne hätte er gewusst, wie er für Selina und Carsten aussah. Aber auf der anderen Seite hatte er auch noch niemandem erzählt, wie er für ihn war.

Adrian verschränkte die Arme vor der Brust. Es herrschte wieder Schweigen.

„Carsten und ich haben den Keller nicht vor euch geheim gehalten. Es ist nur so, dass wir selbst erst herausfinden wollten, was darin genau passiert. Leider sind wir dabei noch keinen Schritt weiter“, begann Adrian.

„Das können wir doch gemeinsam herausfinden. Wir sind doch ein Kommunikationshaus. Der Keller kann uns bei unserer Arbeit doch nur helfen, oder?“, sagte Isamu.

„Ihr wollt ihn also alle benutzen?“, fragte Adrian in die Runde. Er entnahm ihren Mienen einhellige Zustimmung.

Adrian seufzte und kratzte sich am Hinterkopf.

„Ich muss darüber nachdenken“, sagte er und die Art wie er es sagte, machte ihnen allen klar, dass Adrian dazu im Moment nicht mehr sagen würde. Er stand auf.

„Wir haben zu arbeiten. Carsten, ich muss mit dir unter vier Augen reden, machen wir einen Spaziergang.“ Carsten nickte. Alle standen auf und machten sich an die Arbeit.

„Ein Keller, der Probleme löst, jesses!“ seufzte Michaela. Als hätten sie nicht schon genug um die Ohren. Bevor Carsten mit Adrian verschwand, ging Selina auf ihren Chef zu.

„Carsten … “, begann sie. Carsten lächelte und hob die Hand.

„Schon gut Selina. Es war zwar ganz und gar nicht in Ordnung, dass du an meinem Schreibtisch warst, aber ich kann es verstehen. Punkt“, sagte er. Selina nickte. Mehr konnte sie nicht erwarten. Sie war erleichtert, dass er ihr offenbar nicht die Kündigung aussprach. Dann sah sie Adrian und Carsten nach, die aus der Tür gingen.

Die beiden Freunde spazierten die Magirusstraße hinab und blieben vor ihrem neuen Haus stehen.

„Die Leute sind neugierig, das finde ich gut“, sagte Adrian.

„Ja, früher oder später wäre die Leiche im Keller ohnehin ausgegraben worden“, entgegnete Carsten.

„Du bist heute aber makaber“, Adrian grinste und steckte sich eine Zigarette an.

„Außerdem ist es keine Leiche, das ist ja das Problem, es ist … “ Adrian hätte um ein Haar ‚lebendig’ gesagt. Aber das beschrieb es auch nicht. Er war nun schon einige Male im Keller gewesen und hatte immer noch keine genaue Ahnung, was er eigentlich genau war.

„Was wirst du tun?“, fragte Carsten nach ein paar Sekunden.

„Telefonieren“, antwortete Adrian. „Lass mich eine Nacht darüber schlafen, morgen sehen wir weiter“, sagte Adrian. Carsten sah auf die Uhr.

„Ich muss zurück, ich habe in ein paar Minuten eine Telefonkonferenz.“

„Alles klar. Ich gehe noch ein Stück“, sagte Adrian und holte bereits sein Handy heraus. Carsten drehte sich um und ging zurück in ihr altes Gebäude. Adrian wählte die Nummer. Der Angerufene nahm beim dritten Wählzeichen ab.

„Ich bin’s. Gehen wir heute Abend was trinken?“, fragte er. Die Stimme am anderen Ende lachte.

 


 

Andres Turet

2004

 

Wir trafen uns kurz nach 18 Uhr wieder in der Roten Flora. Ich wartete an einem Ecktisch auf Adrian, der ein paar Minuten nach mir kam. Adrian setzte sich, bestellte ein Lager und ergriff augenblicklich das Wort.

Er erzählte mir von dem Keller im Haus, seinen Erlebnissen dort und den Erfahrungen seiner Kollegen. Ich hörte zu und unterbrach ihn kein einziges Mal. Als der jüngere Mann fertig war, nahm ich zunächst einen Schluck von meinem Hellen.

„Verlier ich den Verstand, dreh ich komplett durch? Ich habe keine Ahnung!“, fragte sich Adrian laut.

„Ich meine, schon das mit dem mysteriösen Eigentümer des Hauses ist irgendwie schräg. Wusste der von dem Keller und verfolgt jetzt irgendeinen Plan?“ Adrian beugte sich über den Tisch.

„Wenigstens kann ich froh sein, dass das Ganze nicht nur in meinem Kopf stattfindet und ich alleine den Verstand verliere. Carsten und Selina haben schließlich dieselbe oder zumindest eine ähnliche Erfahrung gemacht. Etwas ist da“, seufzte Adrian. Er sah mich über sein Bierglas hinweg an und grinste schief.

Es war Zeit, etwas zu sagen.

„Adrian, selbst wenn es nur in euren Köpfen stattfindet, heißt das nicht automatisch, dass es nicht real ist“, begann ich. Ich stützte mich mit den Ellenbogen auf die Tischplatte. Die Zeit war gekommen.

„Was ihr erlebt habt, ist ein Störfeld. Daran forsche ich seit einigen Jahren.“

„Ein Störfeld?“, fragte Adrian. Diesmal sah ich dem jüngeren Mann an, dass er genauere Ausführungen bedurfte.

„Ein Störfeld ist grundsätzlich ein Energieimpuls, der unsere liebevoll konstruierte Welt durcheinander wirbelt. Du kennst doch bestimmt noch dieses Testbild im Fernsehen mit den Streifen?“

Adrian nickte.

„Genau so ist es mit einem Störfeld. Es löscht alles, was bisher da war. Du hast nur noch das. Dieses Testbild kann meinen Forschungen nach alles Mögliche sein: Ein Gedanke, ein Ort, eine Idee, eine Frage oder ein Mensch, der dich aus deiner Wohlfühlzone prügelt und deinen Bewusstseinsapparat beschießt.“

„Und dieser Raum im Keller macht das mit mir, Carsten und Selina?“, fragte Adrian.

Ich nickte. „Wie fühlst du dich, wenn du dort bist?“, fragte ich.

„Bei mir“, kam es Adrian als erstes über die Lippen. Ich lächelte. Genau das hatte ich erwartet.

„Erschreckt dich dort etwas oder fühlst du dich fremdgesteuert?“, fragte ich nach. Adrian schüttelte den Kopf.

„Nein, alles fühlt sich an, als wäre es ein Teil von mir“, antwortete er.

„Natürlich, denn das Störfeld in diesem Keller ist in Tat und Wahrheit gebündelte Identität. Das Störfeld bist du.“ Wir sahen einander an.

„Andres, kennst du das Haus und diesen Raum?“, fragte Adrian. Unsere Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt.

„Noch nicht, aber ich möchte alles kennenlernen“, sagte ich. Ich war aufgeregt, wie ein kleiner Junge vor Weihnachten.

„Ich muss es sehen, es erleben, das könnte die finale Untermauerung meiner Forschungen sein“, sagte ich. Adrian lehnte sich zurück.

„Der Keller ist Identität“, wiederholte er.

„Genau! Dieser Raum spiegelt jedem Besucher den Nukleus seines Wesens wider. Je mehr du dich von diesem Kern entfernt hast, desto stärker sind die Kraftfelder der Störung, die du dort erlebst“, sagte ich.

„Ein Störfeld ist also dazu da, mich selbst zu stören, und mich zu mir selber zurückzuführen?“

„Genau, zu deiner Identität.“ Ich sah Adrian an, dass er darüber nachdachte. Dann blickte er auf die Uhr.

„Du willst ihn erleben? Dann lass uns jetzt gehen“, sagte er.

„Hervorragend!“ Wir tranken aus und verließen die Bar. Draußen war es schon wieder dunkel geworden und ein kühler, an den Kleidern zerrender Wind blies um die Häuser. Das kurze Stückchen bis zur Magirusstraße legten wir zu Fuß zurück. Die Nervenenden meiner Haut kribbelten wie Ameisen auf dem Kriegspfad, so aufgeregt war ich.

„Es ist fertig, wir ziehen gerade um“, bemerkte Adrian, als er den Türcode eingab. Ich war erstaunt. Von außen wirkte das Haus noch wie vor Monaten. Aber innen hatte es eine Frischzellenkur bekommen.

Das Haus war menschenleer. Adrian führte mich die Treppe hinab in den Keller und zur Tür. Er sperrte sie auf.

„Ich warte draußen“, sagte Adrian. Ich nickte und stieß die Tür auf …

 

* * *

 

Adrian saß auf einem Stuhl und sah mich erwartungsvoll an. Eine unsichtbare Lichtquelle ließ mich ihn verschwommen erkennen. Aber nur ihn, der übrige Raum war dunkel und schien endlos.

„Adrian?“, fragte ich, als ich näher kam. Ich schaute über die Schulter. Keine Tür, nur Dunkelheit. „Ich dachte, du wartest draußen?“, fragte ich verwirrt.

„Identität ist eine Schwingtüre, Andres“, sagte der junge Mann zu mir. Ich war verstört.

Als ich mich Adrian näherte ratterte dieser wie eine ferngesteuerte Marionette los.

„Auf der einen Seite der Türe hast du dein Ich-Gefühl mit all deinen Prioritäten und Lebensplänen, mit dem, was dich brennen lässt. Auf der anderen Seite ist die Außenwelt mit all ihren manipulativen Einflüssen und Möglichkeiten. Wir nehmen diese fremden Gedanken wahr, bewerten sie und reagieren darauf – bewusst oder unbewusst. Die Art und Weise, wie dein Ich mit dieser Außenwelt umgeht, wie sehr du dich also von fremden Gedanken beeinflussen lässt, nennt sich Reaktionskultur – sie bringt die Türe zum Schwingen.“

Völlig verblüfft von diesem Redeschwall wollte ich etwas erwidern, doch Adrian feuerte bereits die nächste Salve auf mich ab. „Aber was passiert, wenn du kein Ich-Gefühl hast? Dann bist du wie ein Junkie, der sich permanent fremde Gedanken spritzen muss, um sich gut zu fühlen. Deine innere Stimme würde im Lärm fremder Gedanken untergehen. Und damit dies nicht geschieht, brauchen wir Identität als Störfeld im Kopf. Es ist, als würde man innerlich aufräumen und zu einer Leerheit zurückfinden, die uns hilft, Dinge wieder aus einem neuen Selbst heraus zu gestalten.“ Adrian verstummte so plötzlich, wie sein Monolog begonnen hatte.

„Aber, das sind doch meine eigenen Gedanken!“, sagte ich verdutzt.

„Ganz genau“, sagte Adrian und dann verwandelte er sich, nahm die Gestalt von …

 

* * *

 

Draußen vor der Kellertür hörte Adrian, wie Andres schrie, als würde er unter größten Schmerzen leiden. Adrian lief es kalt den Rücken hinunter. Nie zuvor hatte er einen Menschen derart schreien hören. Es waren vielleicht fünf Minuten vergangen, seitdem Andres im Keller verschwunden war. Adrian riss die Tür auf und starrte in eine undurchdringliche Dunkelheit. Es wurde schlagartig still.

„Andres!“ rief Adrian. Keine Reaktion. Adrian holte sein Handy heraus und versuchte etwas Licht in das Schwarz des Kellers zu bringen. Die unbarmherzige Dunkelheit überraschte ihn, denn immer wenn er im Inneren gewesen war …

Plötzlich tauchte Andres direkt vor seiner Nase auf.

 

* * *

 

„Da war eine Spinne. Ich habe eine Phobie gegen Spinnen“, sagte ich, als ich wieder aus dem Raum heraustrat. Adrian wich mit einem ungläubigen Ausdruck im Gesicht einen Schritt zurück.

„Oh – ich dachte schon, dir sei … “, begann er. Ich hob beschwichtigend die Hand.

„Ach, keine Sorge.“ Die Tür schloss sich wieder hinter mir. Adrian und ich standen uns, nur wenige Schritte voneinander entfernt, gegenüber. Adrian lies das Handy sinken.

„Wie war es?“, fragte der jüngere Mann neugierig. Ich lächelte.

„Alles, woran ich geglaubt habe, hat sich bewahrheitet, Adrian. Erlaube deinen Leuten, den Keller zu benutzen. Und erlaube mir, daran teilzuhaben. Es gibt so vieles, das ich dir zeigen möchte. Du und deine Leute werden davon profitieren.“ Ich drehte mich zu der nun geschlossenen Tür um. „Viele Menschen laufen vor sich weg oder lassen sich gezielt manipulieren. Hier aber habt ihr die Möglichkeit, euch selbst wiederzuentdecken.“

Ich begegnete Adrians Blick.

„Ich glaube, das könnte der Beginn einer gestörten Freundschaft sein.“

Ich lachte schallend.

„Ganz genau!“

 

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