Was bisher geschah …

<- Kapitel 7 // Kapitel 9 ->


2004

 

Diesmal war es Adrian, der eine morgendliche Besprechung einberief. Er teilte Carsten und dem Team rund um Selina, Isamu, Jörg, Tanja und Michaela seine Entscheidung mit, den Keller in ihre Arbeit zu integrieren. Denjenigen, die die Geschichte des Kellers nicht mitbekommen hatten, gab Adrian einen kurzen Umriss, was es mit diesem auf sich hatte. Am Schluss sagte er vor der versammelten Mannschaft: „Ihr müsst eure eigenen Erfahrungen damit machen. Gemeinsam werden wir einen Weg finden, wie wir ihn effektiv für unsere Arbeit nutzen können. Die Tür steht ab sofort immer und allen offen.“

Carsten hatte bereits geahnt, dass Adrian so entscheiden würde. Er wusste auch, dass es keinen anderen Weg gab, als alle einzuweihen. Trotzdem sah er dieser Entwicklung mit gemischten Gefühlen entgegen. Er dachte an seinen Freund zurück, der seine Reportage geprüft und gegengelesen hatte. Sein Feedback war, dass es eine brillante Arbeit sei. Eigentlich müsse Carsten es dem Stern verkaufen. Carsten hasste Schmeicheleien, doch auf das fachmännische Urteil war Verlass. Er hörte es zwar nicht gerne, aber musste jetzt akzeptieren, dass es im Haus der Magirusstraße 33 einen Ort gab, der sich jeglicher Logik entzog. Isamu, Jörg und Selina waren froh über die Entscheidung und auch die übrigen Mitarbeiter konnten es kaum abwarten, den mysteriösen Keller ebenfalls zu benutzen und sich selbst ein Bild davon zu machen.

Kurz nach Adrians Ansprache ging Carsten in die Kaffeeküche. Zumindest war er dort mit seinen Gefühlen über den Keller nicht alleine. Denn er stieß auf Adrians Sekretärin Michaela.

„Oje, ich weiß nicht, ob so etwas für ein Kommunikationshaus gut ist. Ich habe da ein schlechtes Gefühl. Aber wenn sich Adrian einmal etwas in den Kopf gesetzt hat … “, schüttete sie Carsten ihr Herz aus, während sie sich einen Schwarztee aufgoss.

„Aus deiner Stimme höre ich heraus, dass du nicht besonders scharf darauf bist, eine ‚Kellererfahrung’ zu machen?“, sagte Carsten ironisch. Michaela schüttelte entschieden den Kopf.

„Das ist nichts für mich. Nee, nee. Irgendjemand muss doch einen klaren Kopf behalten, wenn alle da unten sind.“

„Hm“, machte Carsten. Natürlich konnte Michaela die Gedanken der anderen nicht nachvollziehen, schließlich war sie nicht drin gewesen. Das Problem, das Carsten hatte, war: Glauben oder Nicht-Glauben?

„Warten wir’s ab“, sagte er.

Isamu und Tanja saßen sich gegenüber und starrten in ihre Monitore. „Ich glaube, jetzt kommen große Dinge auf uns zu!“, sagte Isamu, während er mit der Programmierung einer Website beschäftigt war. Tanja blickte über ihren Bildschirm hinweg. „Ich frage mich nur, ob große Dinge oder große Probleme? Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt“, sagte sie.

„Naja, aber es heißt auch: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul!“, erwiderte Isamu grinsend. Tanja zuckte mit den Schultern.

Spät am Abend saß Adrian mit einem Märchenbuch der Gebrüder Grimm im Zimmer seines Sohnes. Nachdem seine Tochter Sofia tagsüber versucht hatte, ins Guinnessbuch der Brüllrekorde zu kommen, war sie endlich eingeschlafen. Seine Frau Emily war ebenfalls bereits im Land der Träume verschwunden und so war es still in der Wohnung. Adrian riskierte einen Blick zu seinem Sohn. Seine Lieder waren schwer und schlossen sich immer wieder.

„Eric?“, sagte Adrian leise.

„Hm, Papa?“, antwortete sein Junge.

„Warum magst du Lesen lieber als Fernsehen?“

„Ich mag die Bilder in meinem Kopf lieber. Die im Fernsehen sind doof“, antwortete der kleine Mann. Seine Augen blieben nun geschlossen. Adrian lächelte. Er dachte an den Keller und an Andres Turet. Er hatte so ein unbestimmtes Gefühl, dass etwas auf ihn zurollte. Nichts, wovor er Angst haben musste, eher etwas … anderes. Adrian konnte es noch nicht beschreiben, aber einige Gedanken ließen ihn nicht mehr los: Was bedeutete Identität für ihre Arbeit? Was bedeutete das Störfeld für ihr Kommunikationshaus? Überhaupt Störfelder! War eine Geschichte nicht auch ein Störfeld, egal welche? Zeugte es nicht von Mut, die eigene Fantasie zu nutzen? Die fremden Gedanken und Einflüsse des Fernsehens auszusperren und stattdessen etwas aus dem eigenen Selbst heraus zu gestalten – mit der eigenen Identität?

Adrians Gedanken kreisten um diese Worte: Störfelder. Identität. Andres Turet. Er brauchte ihn. Er brauchte mehr von ihm. Adrian hatte das Gefühl, jedes Mal, wenn sie aufeinander trafen, einen Wirbelsturm zu entfesseln. Und er liebte dieses Gefühl.

Der Umzug in das Haus in der Magirusstraße 33 war erst der Anfang.

Adrian gab seinem Sohn einen Gutenachtkuss auf die Stirn und tapste auf Zehenspitzen durch den Flur ins Schlafzimmer.

 


Tanja Flink

2004

Tanja Flink hörte bei der Arbeit über Kopfhörer gerne Klaviermusik. Sie wechselte wöchentlich zwischen Chopin, Bach, Mozart, Satie, Beethoven, Liszt, Schumann und Schubert. Adrian hatte nichts dagegen. Er hasste es selbst, in sture Monotonie zu verfallen und förderte daher alle Ideen, die dem Langweile-Dämon entgegenwirkten.

Tanja spielte seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier. Sie tat sich oft schwer damit, jemandem zu erklären, dass ihr diese Musik beim Denken half. Sie war dann ganz bei sich, konnte sich konzentrieren und alles andere ausblenden – Stimmen, Geräusche, den Agenturtrubel um sie herum. Wenn sie sich der Musik hingab führte Tanja die PC-Maus wie einen Pinsel. Als Leinwände verwendete sie Illustrator, InDesign und Photoshop. Hin und wieder mussten sie Kollegen mehrmals ansprechen, ehe sie merkte, dass sie gemeint war. In jeder anderen Agentur hätte sie deswegen bestimmt Ärger bekommen, aber nicht so in der Communication:Agentur.

Es war ein Montag und Tanja kam wie jeden Morgen mit einem übervollen Rucksack in die Agentur. Darin befanden sich ihr Zeichenblock, mehrere Stifte, mindestens ein Buch und ihr Mittagessen. Adrian war bereits an seinem Schreibtisch und telefonierte, genau wie Michaela.

Tanja ging zu ihrem Platz. Sie fühlte sich bereit für die Aufgabe des Tages: Eine Webseite für die Rooftop GmbH, eine Kaminbau- und Dachdeckerfirma, musste gestaltet werden. Seit einer Woche bastelte sie jetzt schon daran herum und die Präsentation rückte immer näher, ohne dass Tanja ein schlüssiges, grafisches Konzept vorweisen konnte. Der Kunde selbst wollte keinen 08/15-Quark, sondern ein einzigartiges Erlebnis. Das war auch ganz nach Adrians Geschmack.

Tanja saß seit einigen Minuten vor ihrem Entwurf der Rooftop-Webseite. Da bemerkte sie den Schatten auf ihrem Schreibtisch.

„Na, wie schaut’s aus?“, fragte Adrian.

„Ich brauche noch“, sagte Tanja etwas kleinlaut.

„Ja, das sehe ich. Tanja, der Entwurf muss ungewöhnlich sein und darf ruhig etwas verrückt aussehen. Wir wollen denen schließlich zeigen, dass sie bei uns an der richtigen Adresse sind, also spinn ruhig herum!“, sagte Adrian. Tanja nickte. Ihr Kopf war so leer wie der Bildschirm vor ihr. Na toll.

Tanja spürte Adrians Blick im Rücken.

„Du kämpfst, oder?“, fragte er nach ein paar Sekunden, in denen ihre Finger reglos auf der Tastatur verharrt waren.

„Ein bisschen …“

„Du weißt, der Keller ist jetzt offen. Wenn du magst, geh doch mal hinein. Du warst ja noch nicht drin, richtig?“

„Nein. Mir ist ein bisschen mulmig davor.“

„Es ist deine Entscheidung, Tanja. Egal was du machst, bis heute Abend will ich etwas sehen“, sagte Adrian. Tanja ahnte, dass es am Abend ein Donnerwetter geben könnte, wenn sie weiterhin so wenig zustande brachte.

„Ok“, sagte sie. Adrian verabschiedete sich und Tanja war wieder alleine. Isamu vergrub sich gegenüber hinter seinem Bildschirm. Er war froh, dass er gerade keinen Druck hatte und ruhig vor sich hinarbeiten konnte. Tanja dachte an den Keller und an Selinas Erzählung. Vielleicht war es nun wirklich an der Zeit, um reinzugehen?

Sie musste nur ihrem Angsthasen eine Kugel verpassen. Natürlich hatte sie die nächtliche Aktion mit den Kollegen spannend und aufregend gefunden. Trotzdem war sie froh gewesen, als die Tür dann doch verschlossen war und sie nicht hinein konnten.

Tanja seufzte, sie starrte auf den Bildschirm und grübelte.

Ihr fiel nichts ein. Nicht mal ihre Musik half. Was war nur los mit ihr? Sie schaute sich um, ließ den Blick durch das beinahe ausgeräumte Büro schweifen. Dann wanderte er zum Fenster hinaus.

Einige Minuten später betrat Tanja, mit einem Zeichenblock unter dem Arm und reichlich Stiften ausgestattet, das Haus in der Magirusstraße 33 und ging die Stufen hinab in den Keller. Ihr Herz klopfte aufgeregt und sie hatte ganz verschwitzte Hände. Selina und Carsten waren bereits drin gewesen und beide lebten noch … Ganz ruhig, versuchte sie sich in Gedanken zu beruhigen. Doch es klappte nur bedingt, bis sie vor der Tür stand.

Tanja atmete tief durch, dann drückte sie die Klinke hinab.

 

* * *

Jeder Mensch hat einen perfekten Ort. Unberührt von Zeit und Verwitterung. Konserviert und aufbewahrt in einem Marmeladenglas. Tanja sah den Gipfel eines Berges, mit der Sicht über ein hügeliges Land. Darüber lag eine immerwährende, magische Abendstimmung und von unsichtbarer Hand vorgetragen schwebt eine Klaviermelodie durch die Luft – Schubert Piano Trio No. 2. Das war also der Keller? Das war der schönste Ort ihres Lebens!

Tanja dachte, sie würde träumen, was sie aber nicht tat.

Die Musik in ihrem Kopf hatte sich verselbstständigt. Sie sah sich um und eine tiefe Ruhe, ja Zufriedenheit, überkam sie. Sie setzte sich ins flache Gras und spürte es unter ihrer Hose.

Ihre Gedanken waren frei und wie von selbst begann sie zu zeichnen. Sie dachte weder nach, noch hielt sie ein einziges Mal inne. Es war alles da …

 

* * *

Nachdem Tanja den Keller wieder verlassen hatte, starrte sie fassungslos auf die Zeichnungen in ihren Händen. Vergleichbares hatte sie noch nie erschaffen. Wie hatte sie das nur fertiggebracht? Sie schüttelte den Kopf. Aus Neugier holte sie ihr Handy heraus und sah auf die Uhr: Nachmittag. Sie war über mehrere Stunden im Keller gewesen.

„Das gibt’s doch nicht!“ entfuhr es ihr. Wie auch immer sie es fertiggestellt hatte, nun musste sie schnell in die Agentur.

Tanja lief los und arbeitete bis zum Abend an den Entwürfen.

Adrian kam kurz vor Büroschluss vorbei, um sich ihre Ideen anzusehen. Nervös wartete sie sein Urteil ab.

„Warst du im Keller?“ fragte er.

„J-ja“, gestand sie.

„Wie fühlst du dich?“

„Toll!“, strahlte sie.

„Tanja, die Kreation ist grandios und genau das, was wir brauchen. Weitermachen!“, lobte er sie.

Tanja atmete erleichtert aus. Sie hatte es geschafft.

Als sie später gegen 20 Uhr nach Hause kam, mummelte sie sich in ihre Lieblingsdecke

und ließ ihre Kellererfahrung Revue passieren. Sie konnte es kaum erwarten, wieder hinein zu gehen.

 

<- Kapitel 7 // Kapitel 9 ->