Was bisher geschah …

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2004

In den letzten drei Wochen hatte Adrian mehrmals versucht, Andres zu erreichen, da sich dieser seit ihrem letzten Treffen im Keller nicht mehr gemeldet hatte. Doch seine Bemühungen waren erfolgslos geblieben, er bekam ihn einfach nicht an die Strippe.

Verärgert umrundete Adrian immer wieder seinen Schreibtisch. Warum meldete sich der alte Kauz nicht? Schließlich war es doch Andres gewesen, der unbedingt am Störfeld des Kellers teilhaben wollte. Aus welchem Grund also die Funkstille? Der Kommunikationsprofessor schien nicht besonders zuverlässig zu sein. Adrian gab es auf und hoffte, dass sich Andres irgendwann schon melden würde. Er hatte Dringenderes zu tun, als einem verschrobenen, aber irgendwie auch genialen Akademiker hinterher zu laufen. Nun ja, vielleicht war er aber auch wieder in ärztlicher Behandlung? In diesem Fall sollte ihn Adrian einfach in Ruhe lassen.

 

Im ganzen Haus mit der Nummer 33 waren Stimmen zu hören – die letzte Umzugsetappe war in vollem Gang. Adrian knallte den Hörer auf die Gabel und verließ seinen Schreibtisch, um weiter mit anzupacken.

Später am Abend feierten sie ihren Kompletteinzug mit Pizza und Wein vom Restaurant Primo Piatto. Adrian schaute in die Runde. Die Kollegen hatten es sich mit Decken und Kissen auf dem Boden ihres Konferenzraums gemütlich gemacht.

„Geht’s euch gut?“, fragte Adrian in die Runde.

„Ich liebe diese Pizza“, antworte Jörg kauend. Alle lachten. Adrian schaute zu Tanja.

„Übrigens, wir haben einen neuen Kunden und das ist unserer Tanja zu verdanken“, erzählte er. Tanja wurde rot und sah zu Boden. Alle klopften mit den Fingerknöcheln auf das Parkett.

„Nicht nur ihr habt einen neuen Kunden, auch wir konnten zwei neue gewinnen“, erzählte Carsten.

„Na, und ich hatte schon befürchtet, dass der Umzug ein Loch in die Monatszahlen reißen würde“, sagte Adrian froh.

„Ganz und gar nicht!“, bestätigte Carsten. Doch sowohl er als auch Adrian wussten, dass die Hälfte dieser Neuaufträge im Grunde dem Keller zugeschrieben werden mussten.

Dem Keller und was er in Selina, Tanja und ihm ausgelöst hatte.

Was hatten die anderen wohl dort drin gesehen? Vielleicht wäre es irgendwann gut, sich darüber auszutauschen, dachte Carsten. Auch wenn er selbst davor zurückschreckte, jemandem erzählen zu müssen, wie sein Keller aussah.

„Wer von euch war jetzt noch nicht drin?“, fragte Adrian. Einige Hände gingen hoch.

„Lasst euch nicht davon abhalten. Ich möchte, dass ihr alle eure Erfahrungen damit macht.“

Carsten folgte seiner Intuition, stand auf und setzte sich neben ihn. „Adrian, ich finde, nachdem es noch mehr ausprobiert haben, sollten wir uns doch vielleicht zusammensetzen und darüber sprechen, was jeder erlebt hat“, schlug er vor.

Adrian sah Carsten an.

„Willst du wirklich darüber sprechen?“

„Nein, aber ich halte es für wichtig, um herauszufinden, was der Keller ist“, sagte er.

Adrian mochte den Gedanken gar nicht, obwohl er nicht leugnen konnte, dass Carsten recht hatte. Wenn er nur Andres erreichen könnte. Es gab so vieles zu besprechen!

„In Ordnung, Carsten. Aber wir können die Leute nicht dazu zwingen“, sagte Adrian.

Carsten antwortete nicht. Insgeheim dachte er: Vielleicht musste man das aber, ihn eingeschlossen. Herrgott, er wollte doch auch niemandem von seiner Bibliothek erzählen, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass es richtig war, die Kellererfahrungen zu teilen.

Adrian hob sein Glas.

„Leute, einen Toast auf das Haus 33!“, rief er. Alle hoben ihre Gläser.

„Cheers!“, riefen sie und tranken.

 

Einige Wochen nach diesem Abend stand Michaela Konradt vor der Kellertüre und klopfte energisch dagegen. Sie war eine zurückhaltende, höfliche Person und würde nie in einen Raum platzen, bevor sie nicht entweder hineingebeten worden war oder die Erlaubnis dazu bekommen hatte. Auch wenn sie kein Fan des Kellers war, behandelte sie ihn doch mit Respekt, und zwar wegen derjenigen, die ihn benutzten und an ihn glaubten. In den letzten Wochen musste Michaela oft an ihre verstorbene Mutter denken, die ihr einen Satz mitgegeben hatte: „Respektiere fremde Gedanken und akzeptiere den Glauben anderer, ohne dich selbst manipulieren zu lassen.“ Während die Kollegen immer öfter in den Keller hinab gingen und die eigentlichen Arbeitsplätze zunehmend verwaisten, spukte dieser Satz Michaela oft im Kopf herum. Dass jeder, wann es ihm passte, mit einem Problem in den Keller ging, das konnte sicher nicht in Adrians Interesse sein. Doch dieser war auf einem Kundentermin in der Schweiz. Es war schließlich Carsten gewesen, der sie gebeten hatte, seine Redakteure aufzuspüren, die aus ihrer gemeinsamen Mittagspause nicht zurückgekehrt waren.

Michaela erhielt auf ihr Klopfen keine Antwort.

„Entschuldigt, seid ihr da drinnen?“ rief sie durch die Tür.

Niemand antwortete ihr. Michaela wartete einige Sekunden, dann nahm sie die Türklinke in die Hand und legte langsam ihr Ohr gegen die Tür.

Sie glaubte, Tastengeklapper zu hören – doch sie war sich nicht sicher.

Herrje, ist die Tür dick!, dachte sie verblüfft.

Michaela war kurz davor, ihren Grundsatz zu brechen, als die Tür plötzlich aufging und sie überrascht zurücktreten musste.

Heinrich, ein Redakteur der Press’n’Connection, trat heraus, unter dem Arm seinen Laptop.

„Heinrich, da steckst du!“, sagte sie.

Heinrich wirkte verwirrt und ein wenig desorientiert.

„Hm? Oh, hallo Michaela. Ich muss wieder hoch“, sagte er und ging an ihr vorbei. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Michaela sah ihm nach. Dann öffnete sich die Tür erneut und ein weiterer Redakteur kam heraus – Gregor, ebenfalls mit Laptop bewaffnet.

„Wie, du auch?“, fragte sie.

„Hallo Michaela, hast du mich gesucht?“, fragte er und schien noch konfuser zu sein, als Heinrich.

„Dich und Heinrich, ja!“, antwortete sie.

„Wie, Heinrich auch? Als wir vom Essen kamen, sagte er mir, dass er gleich zurück an den Schreibtisch wolle“, erzählte Gregor verwirrt.

Michaela war sich bewusst darüber, dass ihr der Mund offen stand. Fassungslos sagte sie: „Äh, Heinrich war mit dir da drinnen“, sie deutete in den dunklen Raum hinter Gregor.

Er drehte sich um. „Wie, Heinrich soll da drin gewesen sein? Da musst du dich irren, ich war alleine“, sagte er.

„A-aber, er kam doch gerade hier raus!“, erwiderte Michaela.

Gregor schüttelte den Kopf.

„Unmöglich!“, er sah auf die Uhr.

„Hoppla, schon 15 Uhr, ich muss zu Carsten“, entschuldigte er sich und flitzte wieder hinauf. Michaela verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte es sein, dass sich zwei Menschen zur selben Zeit in einem Raum aufhielten und sich nicht bemerkten?

Oder hatte sie sich das nur eingebildet?

Verwirrt ging Michaela zurück nach oben an ihren Schreibtisch. Sie beobachtete ihre Kollegen. Seitdem Adrian den Keller geöffnet hatte, wurde es immer seltsamer. Sie fragte sich, ob sie nicht doch auch einmal hinab gehen sollte. Sie war kein kreativer Mensch, wahrscheinlich hatte der Keller auf sie sowieso keine besondere Wirkung. Vielleicht war es ihr aber nur auf diese Weise möglich, herauszufinden, was es mit dem Raum auf sich hatte!

„Scheiße, verdammte!“, fluchte Isamu plötzlich. Er sprang auf und starrte auf seinen Computer hinab. Die anderen blickten erschrocken zu ihm auf.

„Ich glaub, ich muss runter. Das bringt nix“, sagte er wütend, schnappte sich etwas zum Schreiben, stürmte an Michaela vorbei aus der Tür und polterte die Treppe hinab.

Herrje, wenn das so weiter ging, konnten sie alle gleich ganz in den Keller ziehen!, dachte Michaela alarmiert. Aber was konnte sie tun? Sie blickte auf ihren Bildschirm und sah auf die geöffnete Excel-Tabelle. Fast automatisch legte sie ein neues Sheet an und notierte sich darauf die Zeiten und Namen derer, die den Keller besuchten. Sie trug auch, wenn möglich, die Probleme ein, die jeder Mitarbeiter hatte, wenn er in den Keller ging. So funktionierte ihr Gehirn. Sie schaffte eine Ordnung. Vielleicht gelang es ihr so, eine Art „Profil“ zu erstellen, um das Rätsel des Kellers zu lösen. Plötzlich war Michaela ganz aufgeregt. Ja, das war wie in den Crime-Serien, die sie so liebte! Gut möglich, dass sie, je mehr sie über den Keller erfuhr, hinter sein Geheimnis kam.

Trotzdem schlummerte in Michaela der Gedanke, dass sie früher oder später selbst hinein musste. Für Adrian, für die Agentur und für ihre Kollegen.

Die Frage war nur, was würde sie dort erwarten?


1950

Andres Turet

Im Hauptquartier der roten Trichuris vulpis lauschten meine Genossen aus der Studentenvereinigung RTV und ich der neusten Ansprache von Mátyás Rákosi.

Der Nachrichtensprecher begann mit der Ansage des Datums: „Verehrte Bürger Ungarns, wir hören heute, den 14. April 1950, unseren hochverehrten Genossen Rákosi, Führer der MDP.“

Wir hatten uns alle um das altgediente Rundfunkempfangsgerät geschart. Die meisten nannten es auch Radio, aber ich mochte die umständliche, beinahe formelle Bezeichnung lieber, sie hatte mehr Charme. Mit der Übertragung der Rede ließen auch wir die Ereignisse der zurückliegenden Tage Revue passieren: Die Sicherheitspolizei AVO hatte erst in der letzten Nacht wieder hundert Terroristen in Gewahrsam genommen. Ein paar dieser Verhaftungen gingen auch auf das Konto unserer Vereinigung. Die RTV wurde von Studenten der unterschiedlichsten Fachrichtungen der Corvinus Universität Budapest gegründet. Ihre Spezialisierungen in Politik, Philosophie, Ökonomie und Recht erlaubten es, möglichst breit zu agieren und dadurch der kommunistischen Regierung effizient zu dienen.

Es waren hauptsächlich junge Männer, die sich der Studentenvereinigung anschlossen. Nur wenige Frauen befanden sich in dem großen Wohnzimmer des Hauses, das die RTV mit der finanziellen Unterstützung des Parteibüros mieten konnte. Mit dem fulminanten Satz „Wir essen unsere Zukunft auf, also lasst uns dagegen handeln!“ beendete Rákosi schließlich seine Ansprache. Applaus brandete auf, auch unter uns. Da ich dem Rundfunkempfänger am nächsten saß, schaltete ich ihn aus und wandte mich den Mitgliedern zu. „Wir haben viel zu tun, lasst uns an die Arbeit gehen!“, sagte ich und koordinierte daraufhin die einzelnen Aufgaben. Neue Artikel für die Studentenzeitung mussten geschrieben und Aktionen gegen die Staatsgegner geplant werden. Es war zwar ein sonniger Nachmittag, aber ein scharfer, kühler Wind trieb die Menschen durch die Budapester Straßen – Bewegung lag in der Luft. Ich mochte dieses Gefühl, Teil eines Prozesses zu sein.

 

Es war spät in der Nacht. Ich hockte alleine vor meiner Schreibmaschine und nur das monotone Ticken einer Standuhr hallte durch die Räume des Hauses. Das einschläfernde Geräusch wurde plötzlich vom Knistern des Rundfunkempfängers unterbrochen. Er war ohne fremdes Zutun angesprungen und riss mich von meinem Stuhl, der daraufhin rückwärts auf den Boden krachte. Ich starrte das Gerät an. Nach kurzem Rauschen stellte es von allein einen Sender ein – ausgerechnet BBC. Es war der Beginn eines merkwürdigen Hörspiels …

Ich blinzelte. Sonnenlicht stach mir in die Augen. Verwundert blickte ich mich im Raum um. Es war Tag. Staubkörner tanzten im Licht, das durch die Fenster herein fiel. Das alte Rundfunkempfangsgerät gab ein an den Nerven zerrendes Rauschen von sich. Ich stand in der Mitte des Raums, vor dem Schreibtisch lag der umgekippte Stuhl auf dem Boden. In der Schreibmaschine steckte ein eingespanntes, leeres Blatt Papier.

Was war passiert? Ich fuhr mir verstört über das Gesicht. Wo waren die letzten Stunden geblieben? Es war, als hätte mir jemand ein Stückchen meines Gedächtnisses herausgerissen. Doch anstelle der Erinnerung war etwas anderes hineingepflanzt worden. Etwas Störendes.

Ich rannte auf die Toilette und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Dann schaute ich in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Der Mann, der mir entgegenblickte kam mir fremd vor.

„Wer bist du?“, fragte ich ihn. „Woher kommst du?“

Die Mundwinkel des Mannes im Spiegel verzogen sich zu einem seltsamen Lächeln.

„Hallo“, sagte mein Gegenüber. Ich trat zurück.

„Hast du dich schon mal gefragt, was wäre, wenn du alles andersherum denken würdest?“, sagte der Mann.

„Andersherum?“, fragte ich.

„Ja. Du hast dir da eine schöne, neue Welt gebaut. Aber ist sie wirklich deine Welt?“, sagte er.

„Wieso sollte sie nicht meine Welt sein?“, fragte ich.

„Weil du nimmst, ohne Fragen zu stellen, und gibst, ohne daran zu denken, warum du gibst“, antwortete er.

„Ich verstehe nicht“, sagte ich.

„Das hat Zeit. Wichtig ist nur, dass du aufhörst, dich in deine Komfortzone einzuigeln und dich stattdessen regelmäßig eines fragst: Wer bin ich?“, dozierte der Mann im Spiegel.

***

Die Schreibmaschine nur Zentimeter vor meinem Gesicht. Gekrümmter, schmerzender Rücken, die Finger auf den Tasten ruhend. Ich fuhr mir stöhnend über die Augen. Mein Gesicht fühlte sich warm an. Es war Tag und ich hatte keine Ahnung, wie ich in diese Haltung gekommen war. Verwirrt schaute ich auf den einzigen Satz auf dem Blatt:

„Du bist, wer du glaubst zu sein.“

Schritte auf dem harten Holzboden lenkten mich ab. Mein Freund Martin Zolmer kam herein. Überrascht sah er mich am Schreibtisch sitzen.

„Andres, hast du etwa die ganze Nacht durchgemacht?“, fragte er.

Ich war nicht in der Lage, darauf zu antworten. Wortlos riss ich das Papier aus der Walze, ließ den Freund stehen und verließ fluchtartig das Verbindungshaus. Ich hatte das drängende Bedürfnis nach frischer Luft. So stürzte ich mich mit dem rätselhaften Satz in die Straßen von Budapest. Doch das Rauschen des Rundfunkempfängers ließ mich auch dort nicht los.

 

 

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