<- Klapptext // Kapitel 1 ->


 

Das Jahr 2055

Sonja hatte frische Limonade gemacht, die sie vor Adrian auf dem kleinen runden Holztisch abstellte.

Ein ziemlich altmodisches Ding, schoss es Sonja amüsiert durch den Kopf.

„Danke, mein Engel“, sagte Adrian.

„Selbstgemacht nach Mamas Rezept“, schmunzelte die junge Frau. Sie schenkte ihm etwas aus der vollen Karaffe in ein Glas und reichte es ihm. Adrians Hände zitterten, sein Tremor war im letzten Jahr rasch fortgeschritten. Sonja goss sich ebenfalls ein und setzte sich ihm gegenüber. Aus ihrer braunen Umhängetasche zog sie ihr E-MotionBook. Der kleine Laptop war im letzten Jahr speziell für Journalisten und Autoren entwickelt worden. Er verfügte über eine Front-/Back-Kamera, ein Mikrofon mit Sprachaufnahme und eine weiterentwickelte Schreibsoftware.

Sie stellte den Computer, der gerade einmal 105 Gramm leicht war, auf den Tisch und richtete Kamera und Mikrofon auf ihren Großvater. Sobald er zu erzählen begann, würde die Wundermaschine das gesprochene Wort automatisch in Text übertragen. Dabei analysierte sie zeitgleich Stimmlage und die Mikroemotionen des Gesichts, um so Vorschläge für die Gefühlsfarbe im Text anbieten zu können. Sonja deaktivierte diese Funktion. Ihr Großvater hatte ihr beigebracht, ihren eigenen Augen zu trauen und ihrer Nase zu folgen. Die Rohfassung des Buchs würde sie trotzdem der Software überlassen. Sonst hätte sie keine Zeit mehr für ihre anderen Arbeiten, die sie für ein Webportal verfasste.

„Sonja, ich weiß, ohne dieses ganze Zeugs geht es heute nicht mehr, aber versprich mir, dass du es selbst schreibst“, forderte Adrian von seiner Enkelin. Die junge Frau nickte und besiegelte ihren Schwur mit ihrem alten Geheimcode, indem sie die Finger ihrer rechten Hand zu Hasenohren spreizte. Adrian lächelte. Sie hatten sich draußen auf die Terrasse seines Hauses gesetzt, zum ruhig dahin treibenden Fluss waren es nur zirka zehn Meter. Sonja genoss die warme Junisonne auf ihrem Gesicht und blickte ihren Großvater gespannt an. Adrian trank von der Limonade. Sie war köstlich und erfrischte ihn.

„Es soll ein Roman werden, wie ich ihn früher gelesen habe“, begann Sonjas Großvater.

Sonja nickte, sie wusste, dass bei ihrem Großvater jeder Widerspruch zwecklos war. Obwohl sie erst einen Roman geschrieben und veröffentlicht hatte, schien der alte Mann großes Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu besitzen. Dabei könnte es Jahre dauern, bis der Text tatsächlich erscheinen würde.

 

Sonja startete das Programm ihres E-MotionBooks.

„Sollen wir dann anfangen?“, fragte sie. In den Augen ihres Großvaters blitzte etwas von dem alten Schalk, der ihn nach den Erzählungen von Sonjas Mutter in jüngeren Jahren ausgezeichnet hatte. „Braves Mädchen“, sagte er.


<- Klapptext // Kapitel 1 ->